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Weit mehr als nur ein ansehnliches Projekt

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In seinem 1996 erschienen Buch »Gießen im Wandel« hat Autor Gerd Roß auch den Bau der Doppelturnhalle in den Jahren 1961 und 1962 festgehalten. © Christian von Berg

Vor 60 Jahren wurde die Doppelturnhalle der Liebigschule in Gießen fertiggestellt. Zuvor waren die Zustände für Schüler und Sportler immer unhaltbarer geworden. Heute wartet sie auf ihren Abriss.

Gießen . Schon länger fristet sie ein trauriges Dasein und wartet im Grunde nur noch auf den Tag, an dem die Bagger anrücken, um ihrer Existenz ein Ende zu bereiten. Nicht mehr sanierungsfähig, so sagt man. Die Rede ist von der Doppelturnhalle in der Bismarckstraße, in der vor genau 60 Jahren die ersten Vereinswettkämpfe stattfanden und die bald darauf auch den gut 1500 Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stand, die seinerzeit die dort gelegene Herder- und Liebigschule besuchten und die sie gemeinsam als Schulsporthalle nutzten. Für sie war es ein unhaltbarer Zustand, dass die beiden Gymnasien keine eigene Sporthalle besaßen.

Es gibt eine Vielzahl von Berichten, in denen sich damals sowohl die Elternbeiräte als auch die Lehrer der Schulen darüber beschweren. So hieß es etwa im Januar 1959, die 55 Klassen beider Schulen hätten zusammengenommen einen wöchentlichen Bedarf von 110 Turnstunden. Im Frühjahr und Sommer könnte man diesem noch mit Behelfslösungen wenigstens in Ansätzen entsprechen. Im Herbst und Winter läge der Sportunterricht hingegen praktisch brach. Die örtliche CDU sprach deshalb sogar von einer »nicht wieder gut zu machenden Unterlassung«.

Dass hier Abhilfe geschaffen werden musste, war jedoch bei allen Verantwortlichen, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, unstrittig. Doch bis aus dieser Einsicht Taten wurden, war es ein weiter Weg.

Die Geschichte der Doppelturnhalle, die ihren Namen der Tatsache verdankt, dass sich ihre Spielfläche mittels einer Faltwand in zwei gleich große Hälften teilen ließ und der ihre Fassade aus Glasbausteinen ein unverwechselbares Aussehen verlieh, begann bereits in den frühen 1950er Jahren, wie es Stadtbaudirektor Becker beim späteren Richtfest berichtete. Seinerzeit habe es erste Überlegungen gegeben, auf den Fundamenten einer alten, im Krieg zerstörten Turnhalle auf dem Schulgelände eine neue Sportstätte zu errichten. Dies habe sich jedoch bald als unrealistisch erwiesen. Man habe also völlig neu planen müssen und so sei Zeit ins Land gegangen.

1958 hatte es im städtischen Haushaltsplan dann jedoch einen ersten Titel gegeben, demnach für eine Sporthalle der Herder- und Liebigschule ein Gesamtkostenaufwand von 600 000 Mark veranschlagt werden sollte. Gebaut wurde nun aber keineswegs, denn im folgenden Jahr konnte man der Presse entnehmen, dass trotz aller gegenteiligen Beteuerungen immer noch nichts geschehen sei.

Allerdings war die Situation für die Entscheidungsträger auch alles andere als einfach. So gab es Gedankenspiele, ob nicht die Universität die beiden Schulgebäude übernehmen sollte und somit ein kompletter Neubau der Schulen an einem anderen Ort erforderlich wäre. Auch die Idee, auf dem Gelände des MTV 1846 am Heegstrauchweg eine gemeinsame Sportanlage für Schulen und Verein zu errichten, wurde ins Spiel gebracht. Und außerdem stand das gesamte Projekt ja sowieso noch unter dem Vorbehalt, dass die Stadt entsprechende Zuschüsse des Landes erhielt. Hinzu kam, dass eine neue Sporthalle für Herder- und Liebigschule damals keineswegs das einzige schulische Bauprojekt war, das eine gewisse Dringlichkeit besaß, erfolgte doch zeitgleich beispielsweise auch der Neubau des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums am Rodtberg. 1961 hieß es seitens der Stadt in diesem Zusammenhang: »Die Schulbautätigkeit der letzten Jahre und die in der Planung befindlichen Projekte übersteigen sowohl in ihrem Umfang als auch in der Ausführung alle seither dagewesenen Bauvorhaben.«

Von all dem ließ sich der Elternbeirat der Liebigschule nicht entmutigen, der zu Beginn des neuen Jahrzehnts seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass 1960 wenigstens der Grundstein der neuen Halle gelegt würde, mit dessen Fertigstellung wiederum 1961 gerechnet werden könne. Ganz so schnell ging es allerdings nicht, wenngleich die Gießener Stadtverordneten im Juli 1960 dem Bau der Halle zustimmten, dafür nun 807 000 Mark bewilligten und die vorgelegten Planungen in der Summe auch als ein »recht ansehnliches Projekt« würdigten. Dass es von nun an aber noch einmal fast 30 Monate dauern sollte, bevor sich die ersten Sportler in der neuen Halle tummeln würden, damit dürfte wohl niemand im Ernst gerechnet haben.

Im September 1961 kam die heimische Presse in jedem Fall zu dem ernüchternden Ergebnis, »der Bau kommt nur schleppend voran«. Was nach Auskunft der Verantwortlichen vor allem an der anspruchsvollen Stahlkonstruktion lag, die von einer eigens aus Norddeutschland verpflichteten Firma ausgeführt wurde und aufwendige und zeitintensive Prüfungen verlange. Man sei jedoch zuversichtlich, dass wenigstens der Rohbau bis zum Winter fertig werde. Dass die andauernde Bautätigkeit auf der 30 mal 30 Meter großen Grundfläche der Halle, deren Platzierung zwischen Schulgebäuden und Nachbarsgärten man heute als Nachverdichtung bezeichnen würde, so manchen Schüler vom Unterricht abgelenkt hat, liegt auf der Hand. Mitunter soll die Faszination des Baus sogar so weit gegangen sein, dass das avisierte Klassenziel am Ende des Schuljahres in Gefahr geriet. Aber das nur am Rande.

Langsam aber sicher ging es nämlich wirklich voran. Das Land sagte eine großzügige finanzielle Förderung zu, es erfolgten die letzten Ausschreibungen, im April 1962 wurde Richtfest gefeiert und bald darauf gaben die Stadtverordneten auch grünes Licht, dass nun die Ausstattung in Form von Matten, Turngeräten oder Bällen angeschafft werden konnte. Als sich alles schon für die Einweihung der Halle gerüstet hatte, tauchte indes im Herbst 1962 unvermittelt noch ein Loch in der Hallendecke auf, sodass sich die Inbetriebnahme der neuen Sportstätte erneut verzögerte. Kritiker monierten nun wieder einmal »die äußerst schleppende Fertigstellung« des Projekts.

Noch vor Übergabe der Halle an die beiden Schulen, die schließlich im Februar 1963 und ohne jede Art von offizieller Zeremonie erfolgte, waren es die Gießener Vereinssportler, die das neue Domizil in Besitz nahmen. Allen voran die Basketballer des MTV 1846, die erst im Vorjahr wieder in die höchste deutsche Spielklasse aufgestiegen waren und sogar ihren Spielplan ganz auf die Nutzung der neuen Halle ausgerichtet hatten. Ihre ersten sechs Spiele in der Oberliga Südwest bestritten sie alle auswärts, in der Hoffnung, dann in der Doppelturnhalle auflaufen zu können. Ganz ging diese Rechnung nicht auf, denn wegen des Lecks im Hallendach musste man noch einige Male in der viel zu kleinen Halle der Pestalozzischule antreten, die bereits bei einer Zuschauerzahl von 400 wegen »Überfüllung« keinen Einlass mehr bot. Am 22. Januar 1963, einem Dienstag, war es dann aber soweit. Der MTV spielte erstmals in der Doppelturnhalle und feierte mit dem 77:53 über den TV Mainz gleich einen ersten Heimsieg, dem an dieser Stelle noch viele weitere folgen sollten.

Aber nicht nur die Basketballer, auch die Handballer, Turner oder Boxer freuten sich auf die neue, zentral gelegene Wettkampfstätte in Gießen, die offiziell 1000 Besuchern, davon 400 Sitzplätze auf einer Tribüne, Platz bot. Neben den Vereinssportlern waren natürlich die Schüler der Herder- und Liebigschule die eigentlichen Gewinner der neuen Sporthalle, denn das 1,5 Millionen Mark teure Projekt - so viele hatte das Ganze schlussendlich gekostet - bot ihnen nun die Möglichkeit, regelmäßig und unter adäquaten Bedingungen auch in der Schule Sport zu treiben. Dazu trug nicht zuletzt die intelligente Konzeption der Halle bei, deren Dach von Drahtseilen gehalten wurde und die es erlaubte, sowohl die eigentliche Sporthalle als auch die darunter liegende kleinere Gymnastikhalle zu teilen, sodass auf relativ engem Raum vier Gruppen gleichzeitig Sport treiben konnten.

Sowohl für den Schul- wie auch für den Vereinssport in Gießen erlangte die Doppelturnhalle große Bedeutung, die sie auch behielt, als in der Stadt nach und nach weitere Sporthallen gebaut wurden. Und wenn man der Doppelturnhalle überhaupt etwas »vorwerfen« konnte, dann höchstens, dass sie dem Gießener Basketballpublikum bald viel zu wenig Platz bot, denn 1200 oder gar 1500 Zuschauer, wie sie bei manchen Spielen gezählt wurden, waren in ihr nur unterzubringen, wenn man alle Augen zudrückte. Aber wer hätte zu dem Zeitpunkt, als die Halle geplant wurde, auch ahnen können, dass der MTV einmal so erfolgreich sein und sich Basketball in Gießen solcher Popularität erfreuen würde. Ob vor diesem Hintergrund die Entscheidung, die neue Sporthalle der Liebigschule, die eines Tages die Doppelturnhalle ersetzen soll, gleich gänzlich ohne Platz für Zuschauer zu planen, wirklich der Weisheit letzter Schluss ist, sei dahingestellt.

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Voraussichtlich ab diesem Sommer sollen an der Turnhalle der Liebigschule die Bagger rollen. Archivfoto: Friese © Red

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