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Weiterer »Spaziergang« in der Innenstadt

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Rund 150 Teilnehmer versammeln sich zu einem »Spaziergang« gegen Corona-Maßnahmen in Gießen.

Gießen (olz). 18.05 Uhr am Montag. Eine Durchsage schallt über den Berliner Platz. Das Ordnungsamt wertet das Treffen der rund 150 Menschen als nicht angemeldete Versammlung. Sie wird per Lautsprecher untersagt. Ersatzversammlungen in der Innenstadt auch. Wie aufs Stichwort setzen sich die Teilnehmer, die die Ordnungshüter als Kritiker der Corona-Maßnahmen einordnen, darauf in Bewegung in Richtung Neuenweg. Begleitet werden sie von zahlreichen Polizeikräften

Besondere Vorkommnisse? Zunächst keine. Der Zug, der sich selbst als »Spaziergang« versteht, biegt in den Seltersweg und zieht unter anderem durch Löwen- und Kaplansgasse, über den Marktplatz und in die Johannesstraße. Ein erster Zwischenfall in der Plockstraße. Polizisten kontrollieren einen älteren Mann, der dabei lautstark um Hilfe ruft. Ein Passant filmt den Einsatz, ein Unbeteiligter schlägt ihm das Handy aus der Hand. »Wir haben eine Anzeige wegen Sachbeschädigung aufgenommen. Auch die Personalien des Geschädigten haben wir registriert«, berichtet eine Polizeisprecherin am Dienstag nach den Ereignissen. Weitere Verstöße: Die Ordnungskräfte stoßen auf untersagte Ersatzversammlungen und stellen die Identität von über 30 mutmaßlichen Teilnehmern des Zugs fest. »Auf sie kommen Anzeigen wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz zu«, so die Sprecherin.

Und noch ein Vorfall kurz vor Ende des Treffens am Berliner Platz. Eine Frau versucht, einer Mitarbeiterin des Ordnungsamtes ein Kennzeichen von der Uniform zu reißen. Der Überprüfung ihrer Personalien will sie entfliehen, wird aber von Polizeibeamten vor der Kongresshalle gefasst. Die Kollegen hätten die Frau dort belehrt, was auf sie zukomme, wenn sie ihre Identität nicht selbst preisgibt. »Darauf ist ihr ihr Name wieder eingefallen«, führt die Polizeisprecherin aus. Die Belehrung und Überprüfung ihrer Angaben nimmt einige Zeit in Anspruch. Beamte sichern den Bereich so lange engmaschig.

Versammlungen in Mittelhessen

Das war der Schlusspunkt des Protestes am Montag - seit Wochen finden diese »Spaziergänge« in Gießen statt. Und auch an diesem Montag nicht nur da. »Zwischen 17.30 Uhr und 18.30 Uhr trafen sich an 15 mittelhessischen Orten insgesamt knapp 1600 Personen. Gegen 19.30 Uhr endeten die meisten Veranstaltungen. Im Fokus der Polizei standen nicht angemeldete Versammlungen in Gießen, Fernwald, Butzbach, Nidda, Bad Nauheim, Karben, Bad Vilbel, Altenstadt, Friedberg, Herborn, Haiger, Wetzlar, Marburg, Biedenkopf und Gladenbach«, informiert die Polizei.

Äußere Kennzeichen des Protestes? In Gießen nicht. Keine Transparente, keine Sprechchöre, kein Einheizen per Megafon. Die Gruppe, die, teils mit und teils ohne Mund-Nasen-Bedeckung, vom Berliner Platz aufbricht, ist bunt gemischt. Anders als bei anderen Protesten, bei denen sich von äußeren Merkmalen wie Bekleidung Rückschlüsse auf politische Einstellungen ziehen lassen, sind Zuordnungen nach Augenschein am Montag völlig unmöglich. Der Teilnehmerkreis, der sich zunächst in unabhängig wirkenden Kleingruppen auf dem Platz verteilt und sich erst nach der Durchsage zu einem Zug vereint, entstammt offenbar praktisch allen Altersgruppe und unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus.

Ebenfalls bereits am Montag nimmt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Hessen Stellung zu den Aktionen von Corona-Leugnern und Impfgegnern. »Die zunehmende Gewaltbereitschaft der Corona-Gegner hat eine neue Dimension erreicht«, so GdP-Landesvorsitzender Jens Mohrherr.

»Wut und Hass auf den Staat«

Im bayerischen Schweinfurt hätten aggressive Corona-Gegner bei einer unangemeldeten Protestaktion den Bogen eindeutig überspannt. Polizeikräfte hätten Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzen müssen, um »der Lage Herr« zu werden. »Wenn dabei Kinder und ältere Menschen missbraucht werden, um Wut und Hass auf den Staat ausleben zu können, dabei gegen Recht und Gesetz verstoßen wird, ist der Zenit der unsäglichen Machenschaften der Corona-Leugner überschritten«, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft.

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