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Weiterleben nach Verlust

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Von: Eva Pfeiffer

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Stilles Gedenken im Stadtpark: Jährlich begehen rund 9000 Menschen in Deutschland Suizid. Symbolfoto: dpa/Sina Schuldt © Red

Elke Koch-Michel aus Lützellinden engagiert sich dafür, dass über Suizid nicht mehr geschwiegen wird. Am Samstag gibt es im Stadtpark Wieseckaue in Gießen ein Gesprächsangebot und Gedenken.

Gießen . Ungefähr 9000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr durch Suizid - und damit mehr als Opfer eines Verkehrsunfalls werden. Und trotzdem, so Elke Koch-Michel, werde über das Thema häufig geschwiegen. Die Lützellindenerin will das ändern: Anlässlich des Welttags der Suizidprävention am morgigen Samstag, 10. September, lädt sie zwischen 11 und 14 Uhr zusammen mit anderen Engagierten in den Stadtpark Wieseckaue zum stillen Gedenken ein. Auch ein Gesprächsangebot wird es geben. Der Ort ist bewusst gewählt: Denn im Stadtpark erinnert seit dem vergangenen Jahr ein Gedenkstein an Suzidopfer.

Nicht stillschweigen

Organisiert wurde der Gedenkstein von dem Verein »Trees of Memory«, in dem Koch-Michel Mitglied ist. Gerne hätte der Verein die Gedenkplakette direkt am Baum - auf Augenhöhe - angebracht, doch dies war nicht genehmigt worden. Den Aktiven sei es wichtig gewesen, dass der Stein »nicht einmal im Boden versenkt und dann stillgeschwiegen wird. Es soll sich weiter etwas bewegen«.

Die bundesweite Selbsthilfeorganisation Agus (Angehörige um Suizid) - auch hier ist Koch-Michel Mitglied - wird daher vor Ort sein und will die Besucher am morgigen Samstag »motivieren, aus der Anonymität herauszutreten und sich mit uns zu treffen, wenn sie das möchten«.

Wenn über das Thema »Suizid« gesprochen wird, anstatt den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten, zeige sich oft, wie viele Menschen davon betroffen sind, hat die frühere Stadtverordnete festgestellt. »Wie halten das diese Menschen aus?« Die Lützellindenerin kennt es aus eigener Erfahrung: Sie ist Angehörige eines Menschen, der Suizid begangen hat - ihr Ehemann.

Das Erlebte und die Frage nach dem Warum beschäftige Hinterbliebene mitunter über Jahrzehnte. »Es ist anders, wenn ein Angehöriger oder Bekannter an einer Krankheit wie Krebs stirbt oder etwa bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt.«

Ein weiteres Problem: Wer Hilfe sucht, zum Beispiel wegen Depressionen, erhalte sie oft nicht schnell genug. »Depression ist eine Krankheit, die viele Menschen betrifft. Aber wir haben viel zu wenige Therapieplätze. Die Wartezeit für einen Termin beim Psychiater ist lang.« Koch-Michel rechnet damit, dass die anhaltenden Krisen dafür sorgen, dass noch mehr Menschen Unterstützung benötigen.

Bei dem Austausch zum Welttag der Suizidprävention geht es aber nicht nur darum, auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Wichtig sei vor allem, dass Menschen, die es betrifft, »den Druck loswerden können«. Im vergangenen Jahr sei der Verein auch mit vielen jungen Leuten in Kontakt gekommen, die sehr akuten Gesprächsbedarf hatten.

Angehörigen wiederum sollen Wege aufgezeigt werden, um nicht in der Trauer zu verbleiben. »Was können wir machen, um in unserem Leben weiter zu gehen?« Die Lützellindenerin hat verschiedene Ideen, wie etwa gemeinsame Spaziergänge in der Natur. »Reden ist ein ganz wichtiger Punkt, aber es geht auch darum, sich weiter im Leben mitzunehmen - mit dem Angehörigen, den man verloren hat.«

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