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Weltweit erster Test seiner Art

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Von: Frank-Oliver Docter

Die Gießener Eluthia GmbH hat ein neues Testverfahren zur Diagnose dieser gynäkologischen Erkrankung entwickelt, das ab heute im Handel erhältlich ist und Frauen größere Eingriffe ersparen soll.

Gießen . Es sind häufig unerträgliche Unterleibsschmerzen, an denen von Endometriose betroffene Frauen leiden. Viele von ihnen dürften allerdings gar nicht wissen, dass sie diese chronische gynäkologische Krankheit haben, die allein in Deutschland jährlich rund 40 000 Neuerkrankungen aufweist. In extremeren Fällen können diese in der Regel gutartigen Wucherungen von Gewebe, das dem der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, bei ihrer Ausbreitung die Funktionen von Organen und sogar Gehirn beeinträchtigen. Überdies wird vermutet, dass bei 30 bis 60 Prozent aller Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch Endometriose vorliegt. Das in Gießen ansässige Privatlabor Eluthia GmbH hat nun den weltweit ersten diagnostischen Speicheltest entwickelt, mit dem »schnell, risikofrei und hochgenau« ermittelt werden könne, ob es sich um Endometriose handelt. Ab heute ist er auf dem Markt erhältlich und kann auch von Privatpersonen gekauft werden.

»Großes Dilemma«

Die Symptome dieser Erkrankung, die laut Schätzung von Experten zehn bis 15 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter betrifft, sind ziemlich unspezifisch, so etwa auch Kopf-, Rücken- und Menstruationsschmerzen, Übelkeit oder Schmerzen beim oder nach dem Geschlechtsverkehr. Da diese Symptome auch auf zahlreiche andere Krankheiten hindeuten können, macht es das schwierig, Endometriose zu diagnostizieren, sofern der konsultierte Arzt diese überhaupt als Ursache in seine Analyse miteinbezieht. Frauen hätten daher nicht selten eine »ganze diagnostische Odyssee« hinter sich, bevor die Erkrankung endlich erkannt wird, weiß Tarrin Taraki.

Der Eluthia-Mitbegründer und Leiter der dortigen Entwicklungsabteilung berichtet im Gespräch mit dem Anzeiger vom »großen Dilemma«, dass es bisher kein anderes Diagnostikverfahren als die Laparoskopie - die Bauchspiegelung mittels minimal-invasiv eingeführter Instrumente über kleine Hautschnitte - gibt, um Endometriose sicher festzustellen. Und auch dann sei das von der Größe des jeweiligen Krankheitsherdes abhängig. Selbst im Ultraschall oder im MRT (Magnetresonanztomograph) bliebe es oft unentdeckt. Auch der Hinweis darauf über sogenannte Biomarker im Blut hat bislang nicht die Erwartungen erfüllt. Darüber hinaus gebe es »noch immer zu wenig Forschung zu den Ursachen der Endometriose«, beklagt Taraki.

Um Frauen endlich »ein niederschwelliges Angebot« offerieren zu können, hat Eluthia zusammen mit einem Partnerlabor in Frankreich den neuen Test entwickelt. Die Auswertung der Speichelprobe dauere ungefähr zwei Wochen. Denn es ist laut dem Firmenmitgründer kompliziert und auch »teuer«, die Genbestandteile, hier Micro-RNA, auf bestimmte Muster hin zu untersuchen, um Endometriose zu belegen. Die Technologie sei »ausgesprochen zuverlässig«, wirbt das Unternehmen und verweist auf die »bislang größte in diesem Bereich durchgeführte Studie«.

Die aktuellen Kosten pro Test belaufen sich auf einen noch ziemlich hohen dreistelligen Betrag und werden bislang nicht von den Krankenkassen bezahlt. Taraki zeigt sich jedoch zuversichtlich, dass sich das schon bald ändern könnte. Denn die Firma möchte einen entsprechenden Antrag bei den Kassen und dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), dem höchsten Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, stellen.

»Ich bin sehr optimistisch, dass wir die Krankenkassen überzeugen können«, bekräftigt der Eluthia-Mitgründer. Könnten die Kassen doch mittels eines Endometriose-Nachweises durch den neuen Speicheltest Tausende von Euro für laparoskopische Eingriffe, MRT-Untersuchungen oder stationäre Krankenhausaufenthalte einsparen. »Außerdem möchten viele Frauen keinen OP mit sichtbaren Folgen«, da Narben zurückbleiben, nennt er als weiteres Argument.

Derzeit werden die Tests noch in Partnerlabors der Firma in Frankreich und der Schweiz produziert und die dorthin geschickten Proben auch ausgewertet. Ab dem kommenden Frühjahr, spätestens im Sommer, solle dies alles jedoch von Gießen aus geschehen, gibt Tarrin Taraki Einblick in die Pläne der erst im August 2018 als Start-up ins Leben gerufenen Firma. Dazu wird man die technischen und diagnostischen Kapazitäten in den Labor- und Forschungsräumen in der Siemensstraße deutlich ausweiten.

»Wir sind noch ein relativ junges Unternehmen«, scheint Taraki im Gespräch ein wenig Understatement zu betreiben. Denn trotz des kurzen Zeitraums kann man bereits einige Erfolge vorweisen. So zum Beispiel ein selbst entwickeltes Testverfahren, bei dem frühzeitig in der Schwangerschaft durch die Analyse von Bruchstücken der Erbinformation DNS ermittelt werden kann, ob beim Embryo im Mutterleib eine genetische Veränderung vorliegt oder dafür ein Risiko besteht. Sollte der jetzige Speicheltest den erhofften Durchschlag erzielen, wäre der Erfolgsgeschichte der Gießener Firma ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

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