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»Wem eas die Kirmes? Uuser!«

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Der letzte Umzug, angeführt von den beiden Kirmesburschen mit Hut und Klatsche, zog 2012 durch Lützellinden. 15 Trikots von 18 Kirmessen hat Petra Hofmann gesammelt. Fotos: Jung © Jung

An Pfingsten geht’s rund: Lützellindener »Fidelio« Burschen und Mädchen lassen die Kirmestradition wieder aufleben. Volksfeste sind im Stadtgebiet von Gießen mittlerweile eine Seltenheit.

Gießen. Man kann es nicht glauben: In Lützellinden wird an Pfingsten wieder Kirmes gefeiert. Und damit eine Tradition aufgenommen, die nicht nur wegen der Corona-Pandemie zum Erliegen gekommen ist. Lützellinden ist neben Rödgen der einzige Stadtteil, wo es noch ein solches Volksfest gibt. Die Burschenschaft nebst Mädchenschaft Fidelio geht das Wagnis ein, will so, wie sie es früher schon getan hat, die Menschen ins Festzelt bringen und den Gemeinschaftsgedanken, der durch die vergangenen zwei Jahre durch Beschränkungen nicht gelebt werden konnte, wieder in Schwung bringen.

An Pfingsten 1995 wurde im Stadtteil die erste Kirmes unter der Regie der Lützellindener Burschenschaft Fidelio gefeiert. Die Idee, wieder ein Volksfest im Ort zu etablieren, kam den Mitgliedern damals nach einem Besuch der Kirmes im benachbarten Dutenhofen, erzählen die Burschen, die sich damals nach einem guten Jahr der Vorbereitung der Feuertaufe für die große Veranstaltung unterzogen.

Aktive Fidelio

Mit der 1. Lützellindener Burschenschaftskirmes wollte man einen Beitrag zum öffentlichen Leben und zur Traditionspflege in Lützellinden leisten, schrieb der damalige Vorsitzende Holger Schnorr im Kirmesblättchen. Ziel war es, dazu beizutragen, alteingesessene und gerade zugereiste Bewohner Lützellindens »aneinanderzubringen«. Das Angebot wurde gut angenommen: Vier Tage herrschte lustiges Treiben im Festzelt vor der Sporthalle. Sonntags traf man sich zum Gottesdienst im Zelt und der Montag stand ganz im Zeichen des Frühschoppens.

17 Kirmessen gab es in Folge, dann war Schluss: 2012 spielte zum letzten Mal die Blaskapelle im Kirmeszelt zum Frühschoppen auf.

Was war der Grund für das Aufgeben? Die 18. Lützellindener Kirmes entsprach nicht den Erwartungen der Veranstalter, hieß es. Das war bitter, denn die jungen Männer stellten sich ihren 20. Burschenschafts-Geburtstag anders vor. Doch das ist Vergangenheit und nach langer Pause wird jetzt wieder der Ruf »Wem eas die Kirmes? Uuuser!« erklingen. Vom 3. bis 6. Juni - also am bevorstehenden Pfingstwochenende - feiern die Lützellindener nach langer Pause ihr Volksfest.

Anlass ist der 30. Geburtstag der Burschenschaft Fidelio. Sie ist die Nachfolgeorganisation der Vereinigung, die 1954 ins Leben gerufen wurde, aber nicht lange überlebte. Ein Zusammenschluss mit den Burschen aus dem benachbarten Hörnsheim hatte nicht lange Bestand. Fidelio gaben sich die jungen Männer als Namen und ihn haben die Burschen, die 1992 einen erneuten erfolgreichen Anlauf nahmen, übernommen.

Die Fahne von damals existiert noch, bei der Neugründung 1992 wurde sie der neuen Burschenschaft überreicht. Alfons Albert Jung zeichnete den Schriftzug, Frieda Spengler nähte die Fahne, weiß Ralf Spengler, damals Beisitzer im Vorstand. Sie wird gut gehütet. In den drei Jahrzehnten ihres Bestehens waren die Burschen aktiv im Dorfleben, initiierten die Ortseingangstafeln und sind mit Stolz nach eigenem Bekunden dafür verantwortlich, dass es einen Weihnachtsmarkt in Lützellinden gibt. Auch mit der örtlichen NABU-Gruppe arbeiteten sie zusammen, befreiten die Landschaft von Müll und Unrat. Verändert hat sich der Verein in der Form, dass Mädchen hinzukamen und er jetzt als Burschen- und Mädchenschaft Fidelio firmiert.

14 Mädchen und 39 Burschen zählt Fidelio beim 30. Geburtstag. »Zehn Jahre wurde gar nicht gefeiert, deshalb wollen wir nach der langen Pause jetzt wieder die Tradition aufleben lassen«, erläutert Melanie Hofmann aus der Mädchenschaft. Und erhält Zustimmung aus der Runde: »Wenn nicht jetzt, wann dann«.

Allendorf

Nicht ins Gehege kommen sich die Lützellindener und Allendorfer, wo es in diesem Jahr wiederum keine Kirmes gibt. Die Mädchenschaft Wilde Hexen lädt am Pfingstsonntag zu einem Hessischen Frühschoppen unter freiem Himmel hinter der Sport- und Kulturhalle im Kleebachdorf ein. Sie wird ihre Nachbarvereinigung in Lützellinden am Freitagabend besuchen. Die Wilden Hexen können dann erleben, wie es eigentlich bei einer Kirmes zugeht. Denn im eigenen Ort müssen sie schon viele Jahre auf das traditionellle Treiben verzichten. 2013 war die Burschenschaft Wilde Wätz der letzte Ausrichter auf dem Gelände hinter der Sport- und Kulturhalle. Dann war Schluss mit Kirmes feiern im Kleebachdorf.

Kleinlinden

20 Jahre schon ruht in »Linnes« der Kirmesbetrieb. Ein kurzes Aufbäumen stellte sich nach die Gründung der Burschen- und Mädchenschaft Linneser Bierehlchen ein, 2003 feierte man eine kleine Saalkirmes. Als Ersatz für die Kirmes veranstalteten die Kleinlindener eintägige Dorffeste von 2006 bis 2013 mit Ausnahme des Jahres 2009, jeweils am Sonntag des Kirmeswochenendes. Diese Veranstaltungen setzten sich allerdings nicht durch. Ein zaghaftes Aufleben gab es 2019 im Rahmen der 750-Jahr-Feier von Kleinlinden. Die vielen Helfer, die die Kirmes-AG um Gerd Zörb rekrutierte, hatten alle Hände voll zu tun, um die zahlreichen Gäste im Zelt zu versorgen. Musik gab es am Samstagabend, am Sonntag zelebrierten im Zelt Pfarrer Ekkehard Landig und Dekan Hans-Joachim Wahl einen ökumenischen Gottesdienst. Ein Frühschoppen schloss sich an und später öffnete der Markt der Möglichkeiten am Bürgerhaus.

Rödgen

Corona hat bei dem Volksfest in Rödgen Spuren hinterlassen: Zwei Jahre blieb der Festplatz hinter der Sporthalle leer. Und so freuen sich die Rödgener Burschenschaftler von Edelweiß, dass sie jetzt wieder eine Kirmes veranstalten können. »Nach drei langen Jahren des Wartens ist es wieder soweit!«, verkünden sie auf Facebook. Schon vor der Pandemie gab es in Rödgen Pausen: Von 1997 bis 2000 und 2006 fand keine Kirmes statt, mangels schlechter Besucherzahlen und hoher finanzieller Belastungen. Jetzt freuen sie sich auf die Begegnung im Kirmeszelt am Samstagabend beim Treffen der Burschenschaft mit anderen. Bereits am Freitagabend fällt der Startschuss zur Kirmes mit dem Fassanstich, am Sonntag endet das Volksfest mit einem Frühschoppen.

Wieseck

In Wieseck blieben die Kirmesrufe erstmals 2006 aus und 2009 folgte, weil die beiden Volksfeste ausfielen. Mitglieder aus den Mädchen- und Burschenschaften gründeten den Traditionsverein, der seit 2010 die Kirmes ausrichtet. Das war bis 2019 im August auf dem Festplatz Am Ried so. Dann kam Corona und das Volksfest wurde abgesagt. Das Poartfest hingegen lebt wieder auf und wird am Pfingstsonntag rund um das Wiesecker Wahrzeichen stattfinden.

Los geht es am Freitag, 3. Juni, im Festzelt vor der Sporthalle. Auftreten werden die Dohlemer Boube mit Bauer sucht Frau-Star Björn (Queerbeet-Rock-Pop-Musik). Am Samstag steigt eine Mallorca-Party mit DJ Lars Liebold und den Live Acts von Jonas Kanonas sowie Anonym & Dauerdicht. Einlass ist ab 20 Uhr.

Auch einen Dorftag haben die Burschen vorgesehen, ein Festzug, an dem Ortsvereine teilnehmen, wird am Sonntag ab 14 Uhr durch einige Straßen ziehen.

Am Ende treffen sich alle im Festzelt, wo es Vorführungen geben wird. Für Kaffee und Kuchen sorgen die Landfrauen. (kg)

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giloka_0206_LetzterKirme_4c © Klaus-Dieter Jung

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