Weniger wegwerfen: In Gießen eröffnet inklusive Vortagsbäckerei

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GIESSEN - (bl). Allein in Deutschland landen jedes Jahr rund zwölf Millionen Tonnen an Lebensmitteln im Müll. Davon machen Obst und Gemüse mit 34 Prozent sowie bereits zubereitetes Essen mit 16 Prozent den größten Anteil aus, wie Zahlen der Welthungerhilfe verdeutlichen. Auf dem dritten Platz der am häufigsten weggeworfenen Produkte stehen Brot und Backwaren (14 Prozent).

Die Verschwendung ist angesichts einer Vielzahl hungernder Menschen nicht nur aus ethischer Sicht ein Dilemma, sondern zudem ökologisch und ökonomisch problematisch. Was also tun? Teils werden die Reste zu Tierfutter oder Biogas verarbeitet, teils schlicht entsorgt. Manche Bäckereien spenden das, was übrig bleibt, andere verkaufen die Überbleibsel günstiger.

Bei letzterer Variante kommt nun auch die Lebenshilfe Gießen ins Spiel. Denn voraussichtlich im August soll in der Frankfurter Straße 12 eine Vortagsbäckerei aufmachen, in der eben Backwaren von tags zuvor zu einem Preisnachlass erhältlich sind. Geliefert werden sie von einem großen regionalen Bäcker als Spende. Träger des neuen Ladens ist die proLiLo Gastrowelt gGmbH. Dabei handelt es sich um einen anerkannten Inklusionsbetrieb, deren Alleingesellschafter die Lebenshilfe Gießen ist. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 52 Frauen und Männer - 25 von ihnen mit einer Behinderung - und bewirtschaftet 14 Schul- und Firmenkantinen, in denen Mittagessen und Snacks über einen Kiosk ausgegeben werden. "Vor zwei Jahren kam uns der Gedanke, eine Vortagsbäckerei unter inklusiven Gesichtspunkten zu eröffnen und damit unser Geschäftsfeld zu erweitern. Als Inklusionsbetrieb war und ist es uns wichtig, in einer Universitätsstadt wie Gießen auf Nachhaltigkeit zu setzen und das Wegwerfen von Lebensmitteln zu reduzieren", erklärt proLiLo-Geschäftsführer Swen Groß auf Anfrage des Anzeigers. Insgesamt seien dort fünf Stellen geplant, davon drei für Menschen mit Behinderung. "Wir werden vor allem Produkte anbieten, die sich gut halten und noch mehrere Tage nach dem Erwerb hervorragend schmecken", versichert Groß. Darüber hinaus soll es frischen Kaffee, Tee, eigene Snacks und belegte Brötchen zum Mitnehmen oder für den Verzehr im Bistro geben. Neben einer Verkaufstheke sind acht Sitzplätze im Eingangsbereich vorgesehen. In den Räumlichkeiten, die noch umgebaut werden, waren bisher die Beratungsstelle von "Blickpunkt Auge" sowie die kooperierende Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) untergebracht, die in die Rödgener Straße 74 umziehen.

Der Landeswohlfahrtsverband (LWV) Hessen fördert den Aufbau der Vortagsbäckerei mit rund 64 400 Euro. Damit werden unter anderem eine Brotschneidemaschine, ein Kaffeevollautomat, eine Vorbereitungsküche und eine Spülmaschine finanziert, heißt es in einer Mitteilung des LWV. Die Gesamtkosten des Projekts liegen demnach bei 105 500 Euro und sind voll förderfähig. Auch die "Aktion Mensch" ist daran beteiligt. Es gelte, "nicht nur abwechslungsreiche Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen mitten in der Gesellschaft" zu schaffen, so LWV-Landesdirektorin Susanne Selbert, "sondern auch den bedeutenden nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln" zu unterstützen.

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