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Wenn Banner zu Kleidern werden

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Ohne Neuanschaffungen kommt die Inszenierung der »Traumspiel:e« aus, die am Donnerstag, 10. März, ihre Premiere in der taT-Studiobühne feiert. © Noll

Das Stadttheater hat das »Forum Nachhaltigkeit« gegründet und setzt bei seinem neuem Bühnenstück auf Recycling.

Gießen. Der in dieser Woche vorgestellte Weltklimabericht machte es einmal mehr überdeutlich: Es ist höchste Zeit zu handeln, wenn der Planet eine Zukunft haben soll. Das Stadttheater Gießen hat sich des Themas schon seit geraumer Zeit angenommen, manche in den vergangenen beiden Jahren dazu geplante Projekte sind allerdings der Pandemie zum Opfer gefallen. Nun nimmt das Haus einen neuen Anlauf: Ausstattungsleiter Lukas Noll sowie Regisseur Patrick Schimanski haben das »Forum Nachhaltigkeit« ins Leben gerufen, mit dem sie ergründen wollen, wie sich die tägliche Arbeit am Haus umweltbewusster gestalten lässt.

Fortlaufendes Projekt

Entstanden sind dazu auch mehrere Programmpunkte, die in den nächsten Wochen auf die Bühne kommen sollen (siehe Kasten). Doch zunächst wenden Schimanski und Noll das Projekt Nachhaltigkeit auf ihr Theaterstück »Traumspiel:e« an, das am Donnerstag, 10. März, Premiere feiern wird. Ihr gemeinsames Ziel war es, für diese Inszenierung nichts neu zu kaufen oder anzuschaffen. Also hat Bühnenbildner Noll eine alte Lkw-Plane, die vor ein paar Jahren als Banner ein Stück vor dem Theater angekündigt hat, in die Kostüme für diese aktuelle Strindberg-Bearbeitung verwandelt. Hinzu kommen Spiegel, die aus einer Operninszenierung von 2016 stammen, und sich nun ebenso auf der Bühne wiederfinden wie verschiedene mit Glasscheiben versehene Kisten, die vor mehr als zehn Jahren für eine Produktion verwendet wurden und seitdem im Theaterdepot schlummerten.

Um das selbstgesteckte Ziel zu erreichen, musste Noll also den eigenen Fundus auf Wiederverwertbarkeit durchforsten - und einen ungewohnten kreativen Ansatz wählen. Es ging nicht darum, »was wir brauchen - sondern was wir haben«. Für Zuschauer sei dieses Fundus-Recycling zwar nicht erkennbar, dennoch werfe es das Problem auf, wie sich die eigenen ästhetischen Ansprüche umsetzen lassen. Zumal es nicht immer einfach sei, Requisiten so zu gestalten, dass sie den Anforderungen des Stücks entsprechen. »Da sagen mir die Werkstattmitarbeiter schon mal, dass sie bei einer Arbeit lieber von vorne anfangen, anstatt etwas mühsam umzubauen«, berichtet der Gießener Ausstattungsleiter.

Doch Noll und Schimanski, die während der Pandemie eine Fortbildung und Workshops besucht haben und sich dabei auch stärker mit anderen Häusern aus der gesamten Republik vernetzt haben, konnten dennoch zahlreiche Einspar- und Nachhaltigkeitspotenziale entdecken.

Dafür will Schimanski, am Stadttheater auch als Leiter Digitale Prozesse aktiv, vor allem die Möglichkeiten modernster Technik nutzen. Das Haus habe dank einer Spende des Vereins der Freunde des Theaters nun eine Datenbank-Software anschaffen können, um die eigenen Bestände zu digitalisieren. Mit dieser Erfassung von Requisiten und Kostümen habe man einen weit besseren Überblick und könne sich vielleicht auch von Fall zu Fall mit anderen Häusern austauschen. Und schließlich, betont der Theatermacher, liege in der Beschränkung ein wichtiger Schlüssel für die eigenen Ziele. Er ist überzeugt: »Verzicht kann Gewinn bedeuten.«

Zur Seite steht Noll und Schimanski bei diesem Stück Jakob Deuter, der nicht nur an der Theaterkasse jobbt, sondern vor allem Umweltmanagement an der Liebig-Universität studiert. Dank seines gesammelten Fachwissens und seines persönlichen Engagements will er das Schauspiel nun evaluieren und am Ende einen Bericht vorlegen, wie erfolgreich dieses Nachhaltigkeitsprojekt war und was sich davon in die Zukunft fortführen lässt.

Die aktuelle Schauspiel-Inszenierung »Traumspiel:e« nach August Strindberg wird am heutigen Donnerstag um 20 Uhr in einer Kostprobe in der taT-Studiobühne vorgestellt. Es geht um eine junge Frau, die vom Himmel fällt und die Menschheit ergründen will. Ihre wenig erfreulichen Erlebnisse sorgen dafür, dass sie sich bald auf ihre Wolke zurückwünscht.

Regisseur Patrick Schimanski und Ausstatter Lukas Noll sprechen über das von der österreichischen Autorin Sophie Reyer überarbeitete Stück, darunter die darin thematisierte Umweltzerstörung. Zudem werden sie das von ihnen initiierte »Forum Nachhaltigkeit« vorstellen, wofür »Traumspiel:e« als Pilotinszenierung fungiert. Der Eintritt zur Kostprobe ist frei, eine kostenlose Reservierung im Ticketshop des Theaters aber erforderlich. Es gilt die 2G-Plus-Regel. (red)

Zum Thema »Kunst und Kultur in der Klimakrise« gibt es am Samstag, 12. März , ein Gespräch zwischen dem Ökonom Prof. Reinhard Pfriem, dem Dresdner Theatermacher Tobias Rausch sowie Patrick Schimanski vom Stadttheater. Es musiziert der renommierte Gitarrist Gunnar Geisse. »Was träumst du?« heißt es am Sonntag, 24. April , um 20 Uhr bei einer literarischen Spurensuche auf der taT-Studiobühne. Martin Zähringer, Literaturkritiker und künstlerischer Leiter des Climate-Fiction-Festivals, sowie Patrick Schimanski vom Stadttheater Gießen stellen dabei literarische Utopien und gesellschaftsverändernde Modelle vor; Mitglieder des Schauspielensembles lesen dazu aus den Texten. Weitere Infos gibt es auf der Homepage des Stadttheaters. (red)

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