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Wenn das Herz aus dem Takt gerät

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Von: Frank-Oliver Docter

Am 2. November laden Gießener Uniklinikum, Evangelisches Krankenhaus und Deutsche Herzstiftung zu einer Infoveranstaltung ein. Hier dazu ein Interview mit Prof. Andreas Böning (UKGM).

Gießen . Es ist nie schön, krank zu sein. Doch gar nicht zu wissen, dass man ernsthaft krank ist, und demzufolge nichts dagegen tun kann, ist ebenso schlimm. Hält man sich das vor Augen, kann man in etwa nachvollziehen, wie es Hunderttausenden Menschen in Deutschland geht, bei denen vom Arzt plötzlich Vorhofflimmern, die häufigste chronische Herzrhythmusstörung, diagnostiziert wird.

Über 80 Prozent der Betroffenen wissen nämlich nichts von ihrem Leiden, das zumeist ohne Symptome oder Beschwerden verläuft. Bei Nichtbehandlung aber kann diese Störung in den Herz-Vorhöfen zu einer dauerhaften Herzschwäche bis hin gar zu einem Schlaganfall im Gehirn führen. Um hierüber zu informieren und Hilfe anzubieten, lädt die Deutsche Herzstiftung zusammen mit dem Uniklinikum Gießen (UKGM) und dem Agaplesion Evangelisches Krankenhaus Mittelhessen (EV) am Mittwoch, 2. November, zu einem öffentlichen, kostenfreien Herzseminar ein.

»Vorhofflimmern - Wenn das Herz aus dem Takt schlägt: Ursachen und Therapien« lautet der Titel der Veranstaltung, die von 17 bis 19 Uhr im Volksbank-Forum stattfindet. Im Anzeiger-Interview gibt Mitorganisator Prof. Andreas Böning, Direktor der UKGM-Klinik für Herz-, Kinderherz- und Gefäßchirurgie, schon einmal einen Einblick in diese tückische Krankheit.

Prof. Böning, nur etwa 20 Prozent der Betroffenen, die unter Vorhofflimmern leiden, spüren etwas davon: Welche Symptome sind das?

Wenn in Ruhe die Herzfrequenz bei über 130 Schlägen pro Minute liegt, ist es gut möglich, dass es sich um Vorhofflimmern handelt. Andere bemerken bei sich ein Herzrasen, Herzstolpern oder einen unregelmäßigen Puls.

Was versteht man eigentlich unter Herzschwäche?

Bei chronischer Herzschwäche liegt eine verminderte Pumpleistung des Herzens vor. Statt normalerweise vier bis fünf Liter Blut pro Minute pumpt das Herz hier beispielsweise nur drei bis dreieinhalb Liter durch den Kreislauf. Das wiederum führt zu einer Minderdurchblutung anderer Organe und es kann zu Nierenschäden, einer Leberfunktionsstörung, Gewichtszunahme mit dicken Beinen oder einer Wasseransammlung im Bauch kommen. Außerdem führt es oft zu einer Blutstauung in der Lunge, was das Leitsymptom der Atemnot erklärt.

Das Gehirn ist weit vom Herz entfernt, dennoch kann Vorhofflimmern einen Schlaganfall auslösen - wie geht das?

Das liegt daran, dass sich im Herzohr, einem Bereich im linken Vorhof des Herzens, wo das Blut bei Vorhofflimmern relativ stillsteht, Thromben, also Blutgerinnsel, bilden können. Von dort können sie sich lösen und über den Körperkreislauf bis in die Blutbahnen gelangen, die das Gehirn versorgen. Schon ein sehr kleiner Thrombus reicht aus, eine von diesen zu verstopfen.

Welche medikamentöse Therapie wird in einem solchen Fall verordnet?

Bei Thromboserisiko und Vorhofflimmern erhalten die Patienten als Medikamente Antikoagulantien, das sind Mittel zur Blutverdünnung. Diese führen aber auch zu einer erhöhten Blutungsneigung, was bei der Dosierung beachtet werden muss. Ziel der medikamentösen Therapie mit sogenannten Antiarrythmika ist es, wieder für eine normale Herzfrequenz zu sorgen.

Wie sieht es mit operativen Eingriffsmöglichkeiten aus?

Durch Vorhofflimmern können sich nicht nur die Vorhöfe vergrößern, sondern auch die Öffnungen der Herzklappen. Dadurch schließen die Klappen nicht mehr richtig und Blut tritt durch sie hindurch. Das lässt sich mit einer Herzklappen-Operation - Rekonstruktion oder Einsetzen einer künstlichen Klappe - beheben. Liegt ein symptomatisches Vorhofflimmern vor, gibt es das Verfahren der Ablation. Hierbei erzeugt man mittels eines elektrischen Impulses oder einer Kälte-Sonde Narben im Gewebe des Vorhofes, um die normale Erregungsleitung wiederherzustellen.

Was lässt sich speziell gegen das Thrombus-Problem im Herzohr des linken Vorhofs und das damit einhergehende Schlaganfallrisiko tun?

Das Herzohr kann entweder ganz entfernt oder mit einer Art Korken, der über einen Katheter eingeführt und in der Herzinnenwand verankert wird, verschlossen werden. Die dann hier festsitzenden Thromben werden mit der Zeit vollständig von Bindegewebe ummantelt und verschließen das Vorhofohr.

Wie viele Personen werden jährlich in Ihrer Klinik wegen Vorhofflimmern stationär aufgenommen und operiert?

Wir führen im UKGM-Herzzentrum pro Jahr circa 260 Ablationstherapien durch. Aufgenommen werden aber mehrere Hundert Patienten, die unter Vorhofflimmern leiden.

Was bewirkt ein Defibrillator (»Defi«) bei Vorhofflimmern?

Durch den elektrischen Strom eines speziell eingestellten Defibrillators wird bei der sogenannten Kardioversion das Vorhofflimmern in einen normalen Sinusrhythmus überführt.

Andreas Böning ist auch Ärztlicher Direktor des UKGM-Standorts Gießen sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie.

Die Veranstaltung unter Mitwirkung von Herzstiftung, UKGM und EV findet am Mittwoch, 2. November, von 17 bis 19 Uhr im Volksbank-Forum im Schiffenberger Weg 110 statt. Der Eintritt ist frei. Nach der Begrüßung durch OB Frank-Tilo Becher folgen drei Vorträge von Ärzten beider Kliniken. Die Zuhörer haben Gelegenheit, Fragen zu stellen. Neben Patienten sind auch Angehörige und Interessierte willkommen.

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