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Wenn die Arbeit krank macht

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Sitzt nicht in jedem Unternehmen ein Max Eberl? Der Psychologe Dr. Sascha Abdel Hadi von der JLU Gießen erklärt, was es bedeutet, wenn Arbeit krank macht und auf welche Signale zu achten ist.

Gießen . Ende Januar sitzt ein weinender Max Eberl vor Journalisten und verkündet seinen Abschied von Borussia Mönchengladbach. Aus seinem einst freudvollen Job sei ein seelenfressender Kraftakt geworden, den er nicht mehr bewältigen könne. Nun lastet auf den verschiedenen Akteuren im Profisport sicher nochmal ein besonders hoher - öffentlicher - Druck. Jemand in einer ähnlichen Situation wie Max Eberl ist aber vermutlich in jedem Unternehmen, an jeder Arbeitsstelle zu finden. Menschen, die den eigenen Ansprüchen und den Anforderungen anderer nicht mehr gerecht werden können, die physisch und psychisch überlastet sind. Was es bedeutet, wenn Arbeit krank macht, darüber haben wir mit Dr. Sascha Abdel Hadi von der Abteilung für Sozialpsychologie der Justus-Liebig-Universität gesprochen.

»Ich bin erschöpft, bin müde, habe keine Kraft mehr, diesen Job auszuüben«: Der Rückzug von Max Eberl als Sportdirektor hat überrascht. Was haben Sie gedacht, als Sie davon gehört haben?

In diesem Wortlaut steckt drin, was einen Burnout sehr gut beschreibt: Erschöpfung und ausbleibende Erholung. Interessant ist die Aussage auch deshalb, weil ein bisschen das Stereotyp bedient wird, Burnout sei eine Managerkrankheit. Tatsächlich handelt es sich um eine Krankheit, von der die ganze Breite des Arbeitsspektrums betroffen sein kann.

Gibt es denn Menschen, die anfälliger sind und ein höheres Risiko haben?

Die Forschung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich auf Umgebungsfaktoren und Unternehmensstrukturen konzentriert. Vermehrt wird aber auf die Persönlichkeitstypen geschaut. Und da gibt es Anzeichen, dass Menschen, die zu Perfektionismus oder zu Schuldgefühlen neigen, für Burnout prädestiniert sind. Zudem Personen, die ein hohes Verantwortungsbewusstsein haben. Gerade im sozialen Bereich ist das sehr ausgeprägt. Sie können nicht mehr richtig abschalten, tragen ihre Verpflichtungen immer mit sich.

Leben wir generell in einer gestressten Gesellschaft? Die Zahl der Fehltage aus psychischen Gründen scheint ja stark zugenommen zu haben.

Für manche ist das eine Sache der Wahrnehmung: Das heißt, die Bedingungen sind nicht schlimmer geworden, sondern wir sind nur stärker sensibilisiert und entwickeln mehr Verständnis für psychische Erkrankungen. Andere vertreten die Meinung, dass die Art und Weise, wie Arbeit heute strukturiert ist, zu mehr chronischem Stress führt. Wahrscheinlich stimmt beides ein bisschen.

Wie ausgeprägt ist das Denken, dass Arbeitnehmer vor allem funktionieren und Ergebnisse liefern müssen?

Das kommt auf die Unternehmenskultur an. Unternehmen wissen natürlich, dass damit auch Kosten verbunden sind, wenn jemand, der psychisch erkrankt, lange ausfällt. Dahinter steckt in gewisser Weise wieder das Leistungsprinzip. Zu erkennen ist aber, dass die jüngere Generation sich davon etwas abwendet. Aber wir sind noch nicht an dem Punkt angelangt zu sagen, wir haben zu viel Druck bei der Arbeit.

Sich bei der Arbeit auch mal überfordert zu fühlen, ist wohl ganz normal.

In der Tat ist es nichts Schlechtes, gefordert zu sein. Das kann uns motivieren und mental fit halten. Jeder muss jedoch auch selbst auf sich achten, damit das nicht irgendwann kippt. Wer merkt, es wird zu viel, sollte sich trauen und sich bei Vorgesetzten melden.

Welche Warnsignale deuten darauf hin, dass etwas nicht stimmt?

In der Regel baut sich das langsam auf. Oft heißt es, man könne es den Betroffenen im Vorfeld ansehen, weil sie erschöpfter wirken, vielleicht häufiger Fehler machen und ihre Leistungsfähigkeit herabgesenkt ist. Bei Max Eberl soll auffällig gewesen sein, dass er sich fehlerhaft ausgedrückt hat, obwohl das für ihn gar nicht üblich war. Typisch ist darüber hinaus, dass jemand, der in einen Burnout hineingerät, plötzlich noch mehr arbeitet, noch mehr Zeit investiert, um Fehler zu kompensieren, statt das Pensum zurückzuschrauben. Das mündet im großen Knall und letztlich in der totalen Erschöpfung.

Wie gehen Kollegen und Vorgesetzte angemessen damit um, wenn sie etwas vermuten oder die psychische Erkrankung bereits bekannt ist?

Ganz fundamental ist es, nicht verurteilend zu reagieren, sondern unterstützend, die Anforderungen herabzusetzen und im besten Fall die Arbeitslast auf mehrere Schultern zu verteilen. Häufig ist davon zu hören, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich krankmelden, trotzdem Mails geschickt bekommen, die sofort beantwortet werden müssen. Das ist kein optimales Verhalten. Sie müssen vielmehr das Gefühl haben, sich guten Gewissens ein Stückweit zurückziehen zu dürfen. Helfen kann es auch, wenn grundsätzlich Handlungsspielräume bestehen, um sich die Arbeit selbst zu organisieren und eigene Entscheidungen zu treffen.

Im Homeoffice verschwimmen in der Corona-Pandemie die Grenzen zwischen Job und Privatem noch mehr. Wie kann hier eine bessere Balance geschaffen werden?

Es ist natürlich ein Risikofaktor, von allen Seiten belagert zu werden: bei den Hausaufgaben helfen, Kinder betreuen, kochen, gleichzeitig auf die Mails des Chefs reagieren und die anfallende Arbeit erledigen. Ganz wichtig ist daher, sich abzugrenzen, wo es möglich ist, sich aktive Entspannungszeiten einzurichten, eine oder zwei Stunden Sport zu treiben. Das kann aber auch ein anderes Hobby sein, durch das es gelingt, sich auf sich selbst zu konzentrieren.

Warum kümmern wir uns oft so wenig um unser psychisches Wohlbefinden?

Ich glaube, das wird von vielen unterschätzt, weil sie ein falsches Verhältnis zur mentalen Gesundheit haben. Das geht dann in die Richtung: »Ich muss mich nur mehr bemühen und mehr anstrengen.« Trotzdem würde ich behaupten, dass sich das Bewusstsein dafür, was es heißt, psychisch krank zu sein beziehungsweise seine psychische Gesundheit langfristig zu erhalten, allmählich verändert. Die jüngere Generation, die gerade aus der Schule kommt, misst dem einen höheren Stellenwert bei; Arbeit scheint da nicht mehr das Allerwichtigste zu sein.

Welche Rolle spielen Vorurteile? Nach dem Motto: Es blutet nichts, es ist nichts gebrochen, man sieht nichts - kann nicht so schlimm sein…

Psychische Erkrankungen sind immer noch höchst stigmatisiert. Wobei man hier zum Beispiel einen Unterschied zwischen einer Depression und einem Burnout feststellen kann. Dem Burnout haftet an, eigentlich ein Leistungsträger zu sein, der sich bis zum Maximum verausgabt. Die Depression wird im Vergleich dazu wesentlich stärker mit einer Schwäche der Person verbunden. Deshalb erfordert es für viele Menschen noch mehr Mut, sich anderen überhaupt anzuvertrauen.

Welche Folgen hat die Stigmatisierung für Betroffene?

Jeder möchte doch als normal wahrgenommen werden. Daher wächst die Angst, anders behandelt und ausgegrenzt zu werden. Hinzu kommt, dass eine diagnostizierte psychische Erkrankung in manchen Berufen wirklich zum Nachteil werden kann, wenn sie beispielsweise für angehende Lehrerinnen und Lehrer einer Verbeamtung entgegensteht. Solche langfristigen Konsequenzen sind sicher für viele ein triftiger Grund, nicht zum Psychotherapeuten zu gehen.

Sollte man denn versuchen, sich irgendwie selbst aus dem »Loch« herauszuziehen?

Das ist nicht empfehlenswert. Sicher muss nicht jede schlechte Stimmung oder Erschöpfung sofort behandelt werden. Manchmal reicht es vielleicht, sich einen Rückzugsraum für Auszeiten zu schaffen. Aber wenn man es nicht mehr hinbekommt, für Erholung zu sorgen und schon morgens müde aufwacht, ist der Punkt erreicht, sich Hilfe zu suchen. Das eigene Verhalten zu reflektieren, ist trotzdem sinnvoll.

Fällt es Männern schwerer, sich helfen zu lassen?

Es ist klar belegt, dass es bei Männern länger dauert, bis sie sich eingestehen, Unterstützung zu benötigen. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass es vielfach immer noch als Schwäche ausgelegt wird, auf therapeutische Hilfe angewiesen zu sein.

Gleichzeitig braucht es viel Geduld, als Kassenpatient überhaupt einen Therapieplatz zu bekommen.

Das ist ein Riesenproblem, das sich über viele Jahre systematisch aufgebaut hat. Dass es mehr behandlungsbedürftige Menschen als Therapieplätze gibt, ist lange bekannt. Daher müssten eigentlich von staatlicher Seite die Kapazitäten an den Bedarf angepasst werden. Das geschieht aber allenfalls zögerlich.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem es besser ist, einen Schlussstrich zu ziehen und den Job aufzugeben?

Das muss man sehr individuell entscheiden. Zunächst gibt es ja verschiedene andere Optionen, um sich selbst zu entlasten. Wenn das alles zu nichts führt, ist zu überlegen, ob es eine Alternative sein kann, sich nochmal komplett umzuorientieren. Soweit ich das bei Max Eberl mitbekommen habe, war das bis dahin ein langer Weg und der Abschied von Borussia Mönchengladbach wirklich erst der letzte Schritt.

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Sascha Abdel Hadi © Anja Schaal

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