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Wenn ein Pferd aus dem Hamsterrad aussteigt

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Träum was Schönes! Marcel Walldorf kommentiert mit sanftem Spott den steten Drang zur Leistungssteigerung und Selbstoptimierung. © Schulz

Mit seinem Werk »Heute Ruhetag« im Gießener Kunst-Kiok ironisiert Marcel Walldorf die heutige Leistungsgesellschaft. Im Innenraum liegt ein lebensgroßer schwarzer Hengst. Sonst nichts.

Gießen. Originelle Titel tragen die Ausstellungen des Neuen Gießener Kunstvereins ja immer, doch »Heute Ruhetag« ist schon etwas Besonderes. Der Frankfurter Marcel Walldorf hat ihn ersonnen und zeigt im Kiosk ein schwarzes Pferd, ganz realistisch in Lebensgröße - es schläft anscheinend. Am Samstag war die Vernissage sehr gut besucht.

Was sieht man? Im Fenster des Kiosks ist ein klassisches Schild angebracht, wie man es aus unzähligen Kneipen, Gaststätten und Geschäften kennt: »Heute Ruhetag«. Im Innenraum liegt ein lebensgroßer schwarzer Hengst, schlafend, dessen Schwanz ab und zu zuckt, als würde er träumen. Sonst nichts. Tritt man nur ein, zwei Schritte vom Fenster zurück, erscheint der Raum leer, und man sieht nur das Schild.

Dieser leicht paradoxe Eindruck ist gewollt, sagt Walldorf: »Es ist immer Ruhetag, denn das Schild bleibt ja hängen.« Das Werk selbst heißt »Carpe diem«, besteht aus Polyurethan, Gips, Stahl, Lack und Kunsthaar und wurde eigens für den Gießener Kiosk geschaffen.

Walldorf wurde 1983 in Friedberg geboren. In seiner Laufbahn kann er auf namhafte Stipendien und Ausstellungen zurückblicken, die auch international Beachtung fanden. In seiner künstlerischen Arbeit widmet er sich sozial und gesellschaftlich relevanten Themen. Humor und Ironie sind ihm dabei sehr wichtig, Detailverliebtheit und handwerkliche Wertigkeit zeichnen seine Werke aus.

Wie kam er auf die Idee, ein Pferd in den Kiosk zu legen? »Anfangs dachte ich, der Raum ist klein, da muss was wirklich Großes rein, und es sollte auch noch ein Überraschungseffekt dazukommen, etwa die Frage, wie das Pferd hier überhaupt reingekommen ist«, sagt Walldorf. Das Pferd versinnbildlicht für ihn unsere Leistungsgesellschaft mit ihren Konkurrenzkämpfen und Versagensängsten.

»Ich fange eine Geschichte an, und der Betrachter kann dann selbst herausfinden, wie sie weitergeht«, sagt der Künstler. Im Grunde sieht man auch eine Geste der Leistungsverweigerung - das Pferd ist gleichsam aus dem Hamsterrad des Alltags ausgestiegen; vielleicht, um nie wiederzukommen.

Um hier eine an diesem Abend oft gestellte Frage zu beantworten: Das Pferd passt nicht in einem Stück in den Raum, sondern wurde erst in Gießen zusammengefügt, um sich dann zur Ruhe zu begeben.

Walldorf arbeitet viel mit Tierkörpern (irgendwie klingt das Wort »Tierkörperverwertungsanlage« leise und paradox an), hauptsächlich mit Haustieren, »weil die meisten Menschen zu denen einen leichten Zugang haben«. Das ist ein weiterer wichtiger Aspekt seines Werks: es soll ohne Anstrengung zugänglich sein, Unverständliches ist nicht seine Sache.

In seiner Einführung wies Prof. Christian Janecke (Hochschule für Gestaltung, Offenbach) auf einen Trend in der Kunstwelt »Sie hat seit einigen Jahren das große Lob der Fa- tigue angestimmt, einer Form des Nichtfunktionierens, mit gewissen als emanzipativ erachteten Inseln der Verweigerung.« Er erwähnte auch Burn-out und Depression im Alltag: »Wir sind pausenlos, und wir sind erschöpft.« Insofern stehe Walldorfs Pferd auch für eine »altmodische Form der Auszeit«, sagte Janecke in seiner informativen und humorvollen Rede.

Der »Ruhetag« dauert noch bis zum 23. April im Kunst-Kiosk des Neuen Kunstvereins Gießen an der Licher Gabel. Ein Künstlergespräch mit Marcel Walldorf findet am 8. April um 19 Uhr statt.

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