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Wenn Toni seine Runden dreht

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Von: Ingo Berghöfer

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Halloween7_291022_4c_2 © Ingo Berghöfer

Superman, Osterhase oder Untoter: Lieferwagenfahrer Toni Martinez nutzt jede Gelegenheit, um sich kostümiert hinter das Lenkrad zu setzen und ist dafür in Gießen bekannt, wie »ein bunter Hund«.

Gießen . Sollten Sie heute vor einer Ampel warten und am Lenkrad des Fahrzeugs neben Ihnen einen Sensenmann entdecken, bitte nicht erschrecken! Das ist nicht Gevatter Tod, unterwegs um mal wieder ein paar Lebensfäden abzuschneiden, sondern bloß der »DPD-Toni«. Und der bringt auch an Halloween all die schönen Sachen, die die Leute so bestellen.

Toni Martinez ist im besten Sinne das, was man ein Original nennt. Seit 13 Jahren liefert der 41 Jahre alte (auch wenn man ihm die nicht ansieht) Lieferwagenfahrer Pakete und Päckchen aus, zunächst in Frankfurt und seit eineinhalb Jahren in Gießen.

»Der Toni hat einen Schlag bei den Frauen«, hat mir der Bekannte, der von ihm erzählt hat, noch mit auf den Weg gegeben. Das scheint nicht übertrieben. Als Toni Martinez auf dem Parkplatz vorm Redaktionsgebäude erscheint, klopft der weibliche Teil der Belegschaft in einem benachbarten Betrieb gegen die Fensterscheiben und beginnt, begeistert zu winken. Mehr noch lieben ihn wahrscheinlich die Kinder. Denen macht der gebürtige Frankfurter nämlich gerne eine Freunde.

Bekannt wie Supermann

Bietet sich ein Anlass, wie das heutige Gruselfest, dann wirft sich Toni nicht in Schale, aber ins Kostüm. Zu Ostern fährt er seine Lieferungen als Hase aus, vor Heiligabend als Weihnachtsmann und an Halloween eben als Gruselmonster. Freie Kleiderwahl herrscht dagegen im Karneval. In diesem Jahr machte Toni den Supermann.

Eines ist an all diesen Tagen aber gleich: Kinder bekommen von ihm immer eine kleine Süßigkeit. Und weil sich das in der Stadt herumgesprochen hat, wird er dabei mittlerweile von einem Sponsor unterstützt. Ein bekanntes Spielwarengeschäft versorgt ihn mit Gummibärchen für seine kleinen Freunde.

Hat Toni Martinez denn keine Angst, mit seinem »Knochenkopp« von der Polizei angehalten zu werden? »Nee, die kennen mich doch alle schon und grinsen, wenn sie mich sehen«, versichert er. Und weil der Toni seine Kundschaft kennt, weiß er natürlich auch, bei wem er besser unverkleidet klingelt. »Also bei alten oder ängstlichen Leuten setze ich die Maske natürlich ab.«

Wer sich mit ihm unterhält, merkt schnell, dass Toni Martinez seinen eigentlich nicht allzu gut beleumundeten Beruf wirklich schätzt. »Sonst würde ich das ja auch nicht schon seit 13 Jahren machen, oder?« Und er sieht nicht nur aus wie ein 30-Jähriger, er hat sich auch dessen Energie bewahrt.

Jedes zweite Wochenende gehört seiner großen Liebe. Als Dauerkartenbesitzer verpasst das Mitglied des Borussia-Dortmund-Fanclubs Gießen kein Heimspiel im Westfalenstadion.

Das weiß auch die Kundschaft. »Wenn ich am Montag keine Stimme habe, dann heißt es gleich: ›Gell, Toni, warst’ wieder in Dortmund?‹.«

Urlaub nimmt er an Spieltagen übrigens nicht. »Wenn ich heimkomme, schlafe ich ein, zwei Stunden und dann fahre ich noch eine Schicht. Wer feiern kann, kann schließlich auch arbeiten.«

Wie kommt aber ein Frankfurter Bub zum BVB? Toni Martinez lacht. Eigentlich sei er ja schon ein Vaterlandsverräter. Immerhin sei der ehemalige Eintracht-Bundesligaspieler und vierfache Nationalspieler Ralf Falkenmayer ein Cousin seines Vaters. Aber als die Borussia Mitte der Neunziger ihren großen Lauf hatte, die deutsche Meisterschaft und die Champions League gewann, da lief der kleine Toni zu den Schwarz-Gelben über.

Schwarz-gelb dekoriert ist auch sein Sprinter, mit dem er immer in der Stadt unterwegs ist. Seine Vorgesetzten ertragen seine optischen Extratouren mit Langmut, einen besseren Werbeträger als den »DPD-Toni« kann man sich wohl kaum wünschen.

Wenn die Borussia dann mal spielfrei hat und Toni Martinez keine Päckchen ausfährt, dann macht er mit Vorliebe die Gegend auf dem Fahrrad unsicher.

Eigentlich hatte Toni Martinez zunächst Einzelhandelskaufmann werden wollen und eine Ausbildung bei einem großen Discounter begonnen. Aber nur hinter der Kasse hocken? Das war ebenso wenig ein Job für einen mit Hummeln im Hintern wie die anschließende Arbeit an der Gepäckabfertigung des Frankfurter Flughafens.

Auch privat verlief sein Leben damals unruhig. Seine Familie zog aus Frankfurt erst nach Büdingen und dann in den Vogelsberg - nicht ganz freiwillig übrigens. »Ich habe sieben Geschwister. Da braucht man ein Haus, und bei den Mieten konntest du das schon damals vergessen. Also mussten wir immer weiter raus aus dem Rhein-Main-Gebiet.«

Auch wenn er in seinem Leben nicht immer Grund zum Lachen hatte, bringt Toni Martinez heute umso lieber Kinder und seine Kunden zum Lachen, denn »viel Grund zum Lachen hatten die Leute in den Corona-Jahren ja schließlich nicht.« Fotos: Berghöfer/Privat

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