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Werke in faszinierender Sprache mit besonderem Ton

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Die französische Autorin und Übersetzerin Cècile Wajsbrot spricht im Dialog mit Lektor Rudi Deuble über ihre Begegnung mit dem 2013 verstorbenen Peter Kurzeck. © Müller

Namhafter Besuch in Person der französischen Schriftstellerin und Übersetzerin Cécile Wajsbrot sowie Rudi Deuble, der als langjähriger Lektor von Peter Kurzeck fungierte. war im Hermann-Levi-Saal.

Gießen (lix). Der Samstagnachmittag im Hermann-Levi-Saal stand ganz im Zeichen des 2013 verstorbenen Schriftstellers Peter Kurzeck. In Kooperation mit dem Kulturamt Gießen hatte die Peter-Kurzeck-Gesellschaft e.V. zur Veranstaltung »Ich versuche musikalisch zu schreiben« eingeladen und dabei namhaften Besuch in Person der französischen Schriftstellerin und Übersetzerin Cécile Wajsbrot sowie Rudi Deuble, der als langjähriger Lektor von Peter Kurzeck fungierte. Im Dialog mit Deuble sprach die Autorin über ihre Begegnung mit Kurzeck, ihre Arbeit an seinen Texten, die mit besonderem Ton und einer faszinierenden Sprache daherkommen, und über die Schwierigkeiten des Übersetzens.

Den ersten Berührungspunkt mit dem in Staufenberg aufgewachsenen Kurzeck hatte die Französin im Jahr 2002 in Berlin. Kurz zuvor war sie in die deutsche Hauptstadt gezogen und pendelte seitdem zwischen ihrem Geburtsort Paris und Berlin. »Wenn ich in Deutschland bin, lese ich immer alles auf Deutsch. Ich habe dann in der Zeitung einen Artikel von Peter Kurzeck über die Stadt Frankfurt gelesen, wo dieser ja auch 2013 beerdigt wurde«, erinnerte sich Wajsbrot. Sofort war sie angetan von dem Text, gleichzeitig auch überrascht, dass solch ein literarischer Artikel in einer Zeitung stand. »Diese besondere Sprache und der Rhythmus haben mich begeistert. Ich wollte unbedingt mehr über den Autor und Frankfurt erfahren.«

Doch das gestaltete sich zunächst schwieriger als gedacht. Wajsbrot, die Mitglied der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, sowie der Akademie der Künste in Berlin ist, fand einfach keine Buchhandlung, die die Bücher Kurzeck’s vertrieb. Bis sie nach über einjähriger Suche in einer Düsseldorfer Autorenhandlung fündig wurde und auf »Mein Bahnhofsviertel« stieß. Doch an eine Übersetzung von einem der Werke von Kurzeck, die sich durch stark autobiografische Züge und sehr detaillierte Schilderungen auszeichnen, ohne auf eine Handlung fixiert zu sein, war zunächst nicht zu denken. »Ich war noch lange nicht vertraut genug mit der deutschen Sprache. Außerdem wollte ich Peter Kurzeck persönlich kennenlernen und um sein Einverständnis bitten«, schmunzelte die 67-Jährige, die auch »Die Welle« von Virginia Woolf in das Französische übersetzt hat.

Ende 2007 war es dann soweit und die beiden kamen bei einer gemeinsamen Lesung ins Gespräch. »Ich war so aufgeregt und habe nur zwei Fragen gestellt, aber das hat genügt, denn Peter hat dann das Reden übernommen.« So war dieser schnell überzeugt von der Idee Teile seiner Werke in das Französische zu übersetzen und zu veröffentlichen. Mittlerweile hat Wajsbrot, die auch als Lehrerin und Rundfunkredakteurin arbeitete, die Romane »Mein Bahnhofsviertel« (2013) und »Übers Eis« (2018) übersetzt und Kurzeck noch vor seinem Tod dazu verholfen, auch in Frankreich wahrgenommen zu werden.

»Für den mit 70 Jahren verstorbenen Schriftsteller eine feine Sache, schließlich verbrachte er viele Jahre seines Lebens in Uzés in Südfrankreich«, ergänzte Deuble, der Kurzeck seit 1990 als Lektor betreute.

Probleme mit Duktus und Rhythmus

Dieser wollte anschließend wissen, wo die Schwierigkeiten bei einer Übersetzung von Kurzeck’s Büchern liegen. Sei es die Sprache, die adäquat übersetzt werden müsse, oder seine detaillierten Beschreibungen der bundesdeutschen Gesellschaft und Nachkriegsgeschichte, die einen vor Probleme stellen? »Eine Mischung aus beidem. Es ist für mich etwas besonderes, wenn ein Schriftsteller einen eigenen Blick auf sein Land hat, Örtlichkeiten genau beschreibt und die Geschichte an einem Ort setzt, aber gleichzeitig sein Schreibstil ein ewiges wandern ist, nirgendwo fest verankert. Zudem schreibt Kurzeck mit einer gewissen Einfachheit, kann sich aber auch sehr poetisch ausdrücken. Er schreibt Zusammenflüsse, die einen großen Fluss aufbauen«, schilderte Wajsbrot ihre Eindrücke. Zudem habe die französische und deutsche Sprache einen anderen Rhythmus und Duktus, auch da können Schwierigkeiten auftreten.

Gewisse Ähnlichkeiten sahen die beiden Experten jedoch bei Virginia Woolf und Peter Kurzeck. »In einem ihrer Bücher schreibt Woolf, dass der Rhythmus die Hauptsache beim Schreiben ist. Auch bei ihm finden wir solche Sätze«, stellte Deuble feste.

»Sie haben beide einen universellen Blick, keinen narzisstischen. Menschen und Natur sind verbunden, beispielsweise spielen Vögel und Kinder bei beiden Autoren eine Rolle. Sie haben den Blick nach außen gerichtet, erzählen persönliche Geschichten, die keiner direkten geschichtlichen Einbettung unterliegen«, ergänzte die Pariserin, die zum Ende der Veranstaltung noch ein paar Buchpassagen aus »Mein Bahnhofsviertel« auf französisch vorlas.

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