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»Wichtig ist, den Hass zu erkennen«

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Die Russen glorifizieren eine Kultur der Macht, sagt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth. Hier eine Aufnahme vom Moskauer Roten Platz, während eine Rede von Wladimir Putin zur Annexion der besetzten ukrainischen Regionen übertragen wird. Fotos: dpa, Wirth © dpa, Wirth

Brexit, Putin und die AfD: Der Gießener Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth untersucht in seinem neuen Buch die Beziehung von Gefühlen und Politik.

Gießen. Von einer »Zeitenwende« sprach Bundeskanzler Olaf Scholz nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine am 24. Februar. Doch diese Zeitenwende zeichnet sich schon weit länger ab: der Brexit und die Trump-Präsidentschaft, die Corona-Pandemie und der Rechtspopulismus sorgen seit Jahren bei vielen Menschen für eine tiefgreifende Unsicherheit. Der Gießener Psychotherapeut und Psychoanalytiker Prof. Hans-Jürgen Wirth hat sich dieser Phänomene in seinem neuen Buch angenommen. Darin untersucht er, welch entscheidende Rolle die Gefühle für die politischen Prozesse spielen, wo Aggressionen, Ressentiments und Hass ihre Ursachen haben. Und er findet komplexe, überzeugende Antworten, die in den tagesaktuellen Mediendebatten weitgehend unbeachtet bleiben.

Wirth (71) beteiligt sich regelmäßig mit sozialpsychologischen Analysen an aktuellen Debatten. Sein letztes, in mehreren Auflagen nachgedrucktes Buch befasste sich mit »Narzissmus und Macht«. Es enthält sozialpsychologische Studien über politische Führer-Figuren, unter anderen über Slobodan Milosevic (1941-2006), der als serbischer Präsident maßgeblich für die Balkankriege der 1990er Jahre verantwortlich war. Seit dieser Studie stoßen Journalisten immer wieder auf den Gießener Wissenschaftler, wenn sie zu ergründen versuchen, wie autoritäre Figuren vom Schlage Erdogan, Trump oder Putin ticken.

Brexit war der Auslöser

Seit seiner Studienzeit und seiner Zusammenarbeit mit dem berühmten Gießener Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter beschäftigt sich Wirth mit politischen Fragen. »Ich bin immer wieder angesprungen auf Themen, die mich persönlich, emotional berühren«, erzählt er im Gespräch mit dem Anzeiger. So entstand nun auch die quellengesättigte, zahlreiche aktuelle Forschungsergebnisse aufgreifende Textsammlung, in der er sich mit »Populismus, Ressentiments und der Chancen der Verletztlichkeit« beschäftigt, wie es im Untertitel heißt. Ausgangspunkt war der Brexit, »der mich unglaublich aufgeregt hat, weil er so irrational war«. Zumal ein Sohn und Enkelkinder Wirths in London leben und ihm das Thema zusätzlich näherbrachten. So drängte es ihn dazu, sich intensiv mit den Gründen für diese Abkehr des Landes von Europa zu beschäftigen.

Sein Ansatz war es, ebenso wie bei den weiteren im Buch behandelten Themen, die Perspektive des Therapeuten und Wissenschaftlers einzunehmen. Denn es sei zwar leicht, Populisten und ihre Gefolgschaft als übersteigerte Narzissten, Verschwörungstheoretiker oder einfach als Spinner abzutun. »Es wäre aber zu einfach.« Für seine Analysen griff Wirth auf unterschiedlichste Quellen zurück: Studien, empirische Erhebungen, Interviews sowie eigene Beobachtungen, die er auf Corona-Demonstrationen machte. Oder er widmet sich intensiv politischen Statements wie der berüchtigten Vogelschiss-Rede von AfD-Spitzenpolitiker Alexander Gauland. Die hat er in seinem Buch Satz für Satz analysiert. »So versuche ich mich einzufühlen, um Motivation und Beweggründe der Menschen zu entschlüsseln.« Das sei besonders dann nicht einfach, wenn man die politische Haltung des Betreffenden ablehne. «Aber es gebe auch Gefängnis-Psychotherapeuten, die mit Schwerverbrechern arbeiten, deren Taten man moralisch verurteilt. »Wenn man mit denen ins Gespräch kommen will, muss man sich auf ihre Gedankenwelt einlassen. Das versuche ich auch«, erklärt Wirth.

Ferndiagnosen will Wirth aber nicht stellen. Stattdessen ging es ihm vor allem um kollektive psychologische Prozesse, die sich im Brexit ebenso abbildeten wie in der Wählerschaft der AfD. »Es kam mir auf die Gruppenzusammenhänge an.« Das letzte Kapitel, in dem es um die russische Gesellschaft geht, hat er dann nach dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine angehängt, als er eigentlich schon dabei war, das Buch abzuschließen. Doch »das wühlte mich auf, dieser irrsinnige Krieg musste drin vorkommen.«

Bandbreite an Gefühlen

So widmet sich der Autor zunächst all den Gefühlen, die bei der politischen Meinungsbildung eine Rolle spielen: Vertrauen, Angst, Scham, Neid, Hass und Verbitterung werden unter anderem analysiert. Wirth betont: »Positive Gefühle sind nicht immer gut. Negative sind nicht immer schlecht. » Jedes dieser Gefühle habe seine Funktion und Berechtigung, selbst der Hass, der zeitweilig als Katalysator funktionieren könne, wenn man zutiefst verletzt sei. Wichtig sei, dieses Gefühl zu erkennen und zu reflektieren, bevor sich daraus Taten ergeben.

Anders verhalte es sich mit dem Ressentiment, das sich aus mehreren Gefühlen zusammensetze und von vornherein eine zerstörerische Zielsetzung habe. »Es ist für destruktive politische Bewegungen zentral«, betont der 71-Jährige. Beispiele liefert er im Buch zuhauf. Etwa den Brexit: Eine Mehrheit der Briten entschied sich im Jahr 2016, aus der Europäischen Union auszutreten. Warum? Wirth listet eine Reihe von »massenpsychologischen Gründen« auf. Gegen Europa votierten vor allem ältere Bevölkerungsschichten, in denen sich Gefühle der Ungerechtigkeit, der Benachteiligung und der öffentlichen Entwertung eigener Kompetenzen und Lebenswege herausgebildet haben. Diese Gefühle seien von Politikern ausgenutzt und gegen Europa in Stellung gebracht worden.

Ablesen lassen sich an dem Volksentscheid zudem Differenzen zwischen Land- und Stadtbevölkerung, zwischen Jung und Alt sowie eine »kollektive Kränkung des Gruppennarzissmus des englischen Volks«, wie es im Buch heißt. Noch immer trauere manch einer dem verlorenen Weltreich hinterher. Und schließlich habe sich in der Abkehr von Europa auch das tiefsitzende Ressentiment ausgedrückt: gegen Migrationsströme, gegen sexuelle Minderheiten, gegen die Eliten und Bessergestellten.

Ganz ähnliche Mechanismen entdeckt der Psychologe, wenn er sich die Wählerstruktur der rechtspopulistischen AfD anschaut. Bezugnehmend auf eine umfangreiche Leipziger Studie stellt er im Buch die Wählerstruktur von AfD-Sympathisanten denen der Grünen gegenüber. Beim Wahlvolk der AfD finden sich die gleichen Stichwörter, die gleichen Altersgruppen und die gleichen Motivationen, wie sie im Brexit in Erscheinung treten: Verlustängste, Enttäuschung, Bitterkeit, bisweilen auch Hass.

Manches werde in der öffentlichen Debatte dabei nicht ausreichend analysiert, sagt Wirth. »Hass ist ein negativ bewertetes Gefühl. Doch die Existenz dieses Gefühls müsse man wahrnehmen und zunächst auch akzeptieren. »Der Hass drückt eine Reaktion auf die Realität aus. Er zeigt, was in mir steckt«, erläutert Wirth. Aus der Psychoanalyse habe man gelerrnt: Es geht darum, Gefühle zu reflektieren, zu bearbeiten und sie zu integrieren. Auch den Hass. »Es kann auch gute Gründe geben, zu hassen«, sagt der Therapeut. Etwa, wenn sich ein Partner in einer Beziehung hintergangen fühlt. »In der Therapie wäre es nun wichtig, das Gefühl anzusprechen und Verständnis zu entwickeln.« Auch der Hass ukrainischer Opfer auf die russischen Aggressoren, sei ein spontaner »Ausdruck eines Gefühls, das angemessen ist.« Die Politik dürfe es allerdings nicht kultivieren. Tauche es in der politischen Ideologie auf, entwickele es sich zum Ressentiment.

Rechtspopulismus und Ressentiment

Rechtspopulismus und Ressentiment hängen also eng miteinander zusammen. Doch woher kommt dieses Phänomen, das in Deutschland, den USA, Frankreich und vielen weiteren Ländern gleichermaßen zu beobachten ist? Für Wirth hängt es mit dem ungemein schnellen Wandel, mit der Umwälzung aller Lebensverhältnisse zusammen. Mit der Digitalisierung, der Globalisierung und weltweiten Prozessen, die in die Lebensverhältnisse jedes Einzelnen hineinwirken. Hinzu kommen Migrationsbewegungen, die von der Klimakrise weiter verstärkt werden. Das bringt die Gesellschaft durcheinander, viele haben das Gefühl, sie kommen nicht mehr mit und sind überfordert. Altes wird entwertet. Ganze Berufsgruppen verschwinden. Ältere Generation fühlen sich daher eher entwertet als jüngere. Vielen Menschen gehen die Uhren zu schnell.

Die populistische Versuchung

Andererseits scheint gerade Deutschland der populistischen Verlockung stärker zu widerstehen als andere Länder wie etwa gerade Italien oder Schweden. Hat Wirth auch dafür Erklärungen? Die Auseinandersetzung um die Nazi-Zeit war über Jahrzehnte »sehr intensiv, auch sehr aufwühlend«, erinnert er. »Und sie reichte bis in die Familien hinein. Sie wurde anhand von Konflikten immer wieder durchgespielt. Wichtig ist der emotionale Aufruhr, damit sich im Fühlen, in den Köpfen etwas ändert. Man sieht wie wichtig es ist, sich selbstkritisch mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen.«

Was das Gespräch zurück auf Russland lenkt. Dort komme mehreres zusammen, was Putin die Durchsetzung seines aggressiven Angriffskriegs ermögliche. Er habe ihn langfristig vorbereitet, mittels Propaganda immer wieder durchgespielt. Hinzu komme eine »Selbstglorifizierung der russischen Kultur der Macht«. Auch die systematisch angewandte Gewalt spiele eine große Rolle, vor allem in der Armee. Aber auch im russischen Alltag gelte das Recht des Stärkeren. Und es werde auch von Putin praktiziert. »Die Gräultaten der russischen Soldaten haben ihre historischen Wurzeln im Stalinismus. Der stalinistische Terror wurde nie aufgearbeitet. Und Gewaltverhältnisse pflanzen sich von einer Generation zur nächsten fort.« Das Wertesystem der russischen Gesellschaft stamme aus früheren Jahrhunderten. Es handele sich um eine Männlichkeitsideologie, die um Stärke, Unverletzlichkeit, Macht und Heroismus kreise. So erkläre sich auch der Hass auf Homosexuelle, wie er sich in der orthodoxen Kirche zeige. »Es zeigt sich darin eine Verunsicherung des Selbstbildes bei Männern.«

Reste davon gebe es auch hierzulande, zeigt Wirth sich überzeugt. »Aber das ist doch ziemlich löchrig geworden. Die meisten hängen ihm nicht mehr an.« Immerhin ist das eine Erkenntnis, die angesichts der vielen dedprimierenden Nachrichten aus aller Welt ein wenig Hoffnung für die Zukunft macht.

Der Gießener Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt und Buchautor. Er ist Mitglied des Horst-Eberhard-Richter-Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie Gießen e. V. Sein neues Werk »Gefühle machen Politik: Populismus, Ressentiments und die Chancen der Verletzlichkeit« hat 330 Seiten und ist im Psychosozial-Verlag erschienen.

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