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Wichtig sind eindeutige Zeichen

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Vielversprechender Dirigenten-Nachwuchs (von links): Simon Edelmann, Artem Lonhinov, Annalena Hösel und Kens Lui nach den gemeinsamen Proben. Foto: Schultz © Schultz

Ein Probenbesuch beim Meisterkurs mit vier jungen Dirigenten, Stadttheater-GMD Andreas Schüller und dem Philharmonischen Orchester.

Gießen. Der Dirigent steht vor dem Orchester, bewegt die Arme, und dann spielt die Musik - so hat man das schon oft gesehen und genossen. Bei einem Meisterkurs Dirigieren mit Andreas Schüller, Generalmusikdirektor (GMD) des Stadttheaters Gießen, war nun zu erleben, wie vier junge Leute das Metier erlernen. Das Philharmonische Orchester bildete den Klangkörper, Höhepunkt und Abschluss des Programms ist das Werkstattkonzert am Sonntag (16 Uhr) im Großen Haus.

Vorbereitet wurde seit Montag die Aufführung dreier Opern: »Tosca« von Giacomo Puccini, »Der Freischütz« von Carl Maria von Weber und »Der fliegende Holländer« von Richard Wagner. Im Meisterkurs dirigierten Simon Edelmann (Assistant Conductor, Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz), Annalena Hösel (Studentin und Lehrbeauftragte, Hochschule für Musik Detmold), Artem Lonhinov (freiberuflicher Dirigent) und Kens Lui (Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung, Theater und Orchester Heidelberg).

Das Forum Dirigieren ist Veranstalter des Meisterkurses am Stadttheater. Es sorgt für das Förderprogramm des Deutschen Musikrates, das den Spitzennachwuchs ausbildet. In den Sparten Orchester- und Chordirigieren werden so Talente gefördert und die künstlerische Begegnung der zukünftigen Generation mit renommierten Dirigentenpersönlichkeiten ermöglicht.

»Man lernt hier Oper«

GMD Schüller ist selbst ein Ehemaliger: »20 Jahre ist es her, dass ich Stipendiat des Forums war. Und viele Berufsjahre später kann man nun seine Erfahrungen selbst an junge Studierende weitergeben.« Für ihn »ist es eine Riesenfreude«, nun wieder einen Dirigier-Workshop leiten zu können.

Was lernt man in solch einem Kurs? »Ganz kurz - Oper«, sagt Simon Edelmann. Im Rahmen des Studiums beginnen die Auszubildenden mit sinfonischer Musik und lernen dabei die Basis des Dirigierens. »Eine Grundlage ist die Schlagtechnik, worüber wir diese Woche auch viel gesprochen haben«, berichtet er. In der Oper sei das noch wichtiger, weil man oft von außen an die Bühnen komme und eine Vorstellung ohne viel gemeinsamen Vorlauf dirigiert. »Man muss also live im Moment in der Lage sein, alles zu zeigen, was man zeigen möchte.« In der Oper ist es, vor allem gegenüber sinfonischen Konzerten, »unglaublich viel wichtiger, dass man eine eindeutige Zeichengebung hat, die nicht misszuverstehen ist.« Das wurde in dieser Woche besonders einstudiert. Mit einem Orchester, mit dem man sich noch gar nicht unterhalten konnte, kommt man über Gestik zusammen, sagt Edelmann. Das Einspringen im Operngraben sei »die krasseste Situation, die einem begegnen kann.«

Das Gießener Philharmonische Orchester zeige sich sehr offen für diese Situation des Probierens. Ein Ziel der Arbeit am Donnerstag war es, »die Sänger und das Orchester zusammenzubringen, damit wir am Sonntag ein schönes Konzert präsentieren können.« Im Probenraum sind an diesem Tag alle versammelt. Simon Edelmann geht ans Pult und sagt: »Bitte von Nummer 52 an.« Er hebt die Arme, dann dirigiert er los. Die ersten Takte ertönen, der Raum ist von Wohlklang erfüllt. Doch Schüller unterbricht bald freundlich: »Stopp. Bringen Sie alle auf die Harfe drauf. Die hat jetzt sehr lange gewartet, aber dafür war die Farbe perfekt.« Edelmann nickt und lässt nochmal von Beginn an spielen. Jetzt liegen alle richtig. Edelmann blickt zu Sopranistin Julia Araújo. Ihr erster Einsatz - und ihre Stimme füllt mühelos den Raum. Sie singt wunderbar, perfekt, ein Zauber. Hinterher klopft das Orchester Beifall.

»Stopp, das war zu langsam«

Die Dirigenten wechseln sich im Lauf der Probe ab und dirigieren jeweils einen Teil des Stücks, GMD Schüller überwacht das Ganze, unterbricht ab und zu und gibt Anregungen oder lässt etwas wiederholen. »Stopp, das war zu langsam«, korrigiert er Annalena Hösel. Nach der Wiederholung stimmt’s: »Prima, genau richtig.«

Inzwischen kommt Edelmann nach hinten zu den Schlagzeugen, schlägt seine Partitur auf, nimmt einen Schlegel und schlägt einen Ton auf der großen Trommel. Ein wunderschöner tiefer Ton erklingt. »Der Schlagzeuger kommt erst zur Generalprobe«, sagt er leise zum Reporter. Am anderen Ende des Saals meistern Bariton Grga Peros und Sopran Julia Araújo gerade eine lebhafte Passage, Hösel dirigiert engagiert.

Als nächster ist Kens Lui an der Reihe, der erste Durchlauf passt, dann läuft etwas aus dem Takt und man muss wiederholen. Dann läuft es wieder. Zum Schluss kritisiert Schüller: »Sie müssen auf den Bühnenablauf achten, wann das Messer fliegt. Vor der Pause wird ja noch jemand umgebracht.« Allgemeines Schmunzeln im Ensemble.

Als letzter des Quartetts dirigiert Artem Lonhinov. Er möchte etwas ausprobieren, das Orchester folgt geschmeidig und der GMD lobt: »Der dritte Bläsereinsatz hat deshalb so gut geklappt, weil Sie richtig geatmet haben.« Der Dirigent schaut zufrieden.

Und was nehmen die vier Teilnehmer nach dieser Probe mit GMD Schüller mit? Lui: »Die Entwicklungen, die wir mit seiner Hilfe darstellen konnten.« Ist er ein strenger Meister? Lui: »Oh ja, sehr streng.« Annalena Hösel findet Schüller sehr gut: »Man kann wirklich viel von ihm lernen. Er lässt nicht locker, bis das Ergebnis stimmt.«

»Der GMD lässt nicht locker«

So war zu erleben, wie sich vier enthusiastische junge Musiker mit der großartigen Musik Puccinis auseinandersetzen und in gemeinsamer Anstrengung mit GMD, Orchester und Sängern schließlich eine strahlende Fassung erarbeiten, die direkt ins Herz dringt. Das Werkstattkonzert kann kommen.

Das öffentliche und moderierte Werkstattkonzert zum Abschluss des Meisterkurses findet am morgigen Sonntag um 16 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters statt.

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