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Wie ein kleines Geschenk

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Brillanter Fingerstyler: Gitarrist Michael Diehl. © Heiner Schultz

Gießen. Die Reihe »Stories. Wein. Musik« ist endlich zurück. Urheber und Literaturkenner Christoph Jilo hatte nach langer Corona-Pause wieder eine Handvoll attraktiver Geschichten für das Publikum ausgesucht. Als Vorleser im »Who Killed The Pig« agierte famos der Darmstädter Schauspieler David Scholz, für die musikalische Ergänzung sorgte der Marburger Gitarrist Michael Diehl.

Die Mischung erwies sich als ungemein bekömmlich.

Es war die erste Folge seit Februar 2020, die Jilo auf die Beine stellte. »Ich freue mich wie selten zuvor - es kommt einem wie ein kleines Geschenk vor«, bekannte der leidgeprüfte Veranstalter. Zur Einstimmung spielte Fingerstyle-Gitarrist Michael Diehl gut gelaunt (»Ich genieße jede einzelne Note, die ich hier spielen darf«) und wie immer energiegeladen das Publikum warm, bevor es mit dem ersten Text losging: »Eine ausgesprochen unpassende Geschichte für Kinder!« des britischen Schriftstellers Saki (1870-1916).

Die erzählt ein Junggeselle einigen quengeligen Kindern auf einer Eisenbahnfahrt. Die Kleinen sind gerade in einer lästigen »Warum?«-Phase und hören erst zu, als der Fremde ihnen einige geschicktere Antworten auf ihre Fragen liefert, als zuvor ihre Tante. Der Erzähler amüsiert sich darin über menschliche Unzulänglichkeiten, bis er schließlich damit endet, dass »das brave Mädchen« vom Wolf gefressen wird. Die Kids schweigen, die Tante ist indigniert: siehe oben.

David Scholz vom Staatstheater Darmstadt brachte nicht nur sämtliche sprachlichen Nuancen der Vorlage zur Geltung, auch sein Sinn für Humor ließ nichts zu wünschen übrig. Die Story hat ihm offenkundig selbst gut gefallen. Fingerstyler Diehl, der mit mächtigem Bluesdröhnen gestartet war, lieferte anschließend mit seinem glasklaren Sound ein differenziertes Spiel: feinfühlig, ruhig und zurückgenommen.

Raymond Carvers Kurzgeschichte »Warum tanzt ihr nicht?« entfaltete daraufhin ein wunderbar absurdes Szenario, in dem ein Mann seinen Hausrat in der Hofeinfahrt zum Verkauf anbietet. Ein Pärchen interessiert sich für paar Sachen, feilscht ein wenig, und fühlt sich plötzlich wie zuhause: »Küss mich«, fordert sie ihn auf, aber er mag nicht. Zu diesem Zeitpunkt hat sich eine tiefe Stille über das Publikum gesenkt. Schließlich sitzen die Beiden in der Einfahrt am Küchentisch, und der Hausbesitzer fragt gemütlich: »Warum tanzt ihr nicht?«. Es kommt einem ganz natürlich vor, wie sie dann die Einfahrt rauf und runter schweben.

J.D. Salingers »Ein idealer Tag für Bananenfische« bot dann ganz andere, auch herbe Kost. Doch das Publikum dieser Reihe ist stets bereit für literarische Überraschungen und Herausforderungen. Eine junge Frau wartet im Hotel auf einen Anruf, hat’s dann aber nicht eilig, abzuheben: ihre überbesorgte Mutter ist dran. Es entfaltet sich eine Welt voller Sorgen und Bedenken, angefüllt mit Tonnen unwichtiger Detailfragen. Salinger erzählt das mit geschliffener Eleganz, und man kommt aus dem vielleicht etwas schadenfrohen Schmunzeln nicht mehr heraus.

Texte von Carver, Setz und Salinger

Dann trifft ein kleines Mädchen an einem Hotelstrand in Florida einen Mann, der ihr vorschlägt, rauszuschwimmen und »Bananenfische« zu fangen. Nach einer köstlichen Episode im Aufzug kehrt er ins Zimmer zurück. Es ist das Doppelzimmer, das er zusammen mit der Telefoniererin bewohnt. Und dann schießt er sich neben seiner schlafenden Frau in den Kopf. Betroffene Stille im Publikum, ein Moment Pause, dann heftiger Applaus.

Es folgte eine großartige Geschichte des israelischen Autors Etgar Keret: »Mein Freund Todd«. Der hat einen merkwürdigen Wunsch. Sein Freund möchte ihm doch eine Geschichte schreiben, die in Mädchen den Wunsch erzeugt, mit ihm ins Bett zu gehen. Keret entfaltet das mit verspielter Absurdität und macht sich zugleich knochentrocken über die Schwächen Todds lustig. Das läuft so enorm schnell, dass man die verschiedenen motivischen Ebenen kaum erfasst; ein Hauptspaß.

Zum Abschluss präsentierte David Scholz »Jugend«, von Büchner-Preisträger Clemens J. Setz. Es ist eine reizvolle Geschichte über eine belastete Familie, in der der seelenkranke Vater mit dem Nachwuchs spricht: verspielt, verblüffend, höchst charmant. Insgesamt war es wieder ein sehr gelungener Abend, Riesenapplaus.

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