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Wie eine heilige Mittelalter-Messe

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Die ukrainischen Sänger von »The Gregorian Voices« nutzen die Akustik im Kirchensaal St. Thomas Morus geschickt. © Zylla

Die »Gregorian Voices« verwandelten die Kulturkirche St. Thomas Morus in eine heilige Mittelalter-Messe. Die Sänger aus der Ukraine hatten dabei auch den Krieg im eigenen Land im Hinterkopf.

Gießen (zye). Niemand geringeres als die »Meister des gregorianischen Gesangs«, so beschreiben sich »The Gregorian Voices«, haben das Innere der Kulturkirche St. Thomas Morus in eine Heilige Messe des Mittelalters verwandelt. Die Sänger aus der Ukraine haben dabei aktuell jedoch auch den Krieg im eigenen Land im Hinterkopf.

Fast schon ein bisschen gebannt, wenn nicht sogar hypnotisiert, wirkten die Gäste in der Hallenkirche St. Morus, als hier Mönchsgesang durch den Saal hallte. Lange musste auch hier wegen der Pandemie auf solche besonderen Momente verzichtet werden.

Am vergangenen Sonntag trafen die Besucher hier auf acht singende Mönche. Die marschierten durch die Mitte der Kirchenbänke im Gemeinderaum, als kämen sie direkt aus dem Mittelalter. Sie stellten sich vor einem massiven Granitaltar auf und sangen drauf los. Von hier verbreiteten sie das »Wort Gottes«, ganz im Stil des Mittelalters. Doch auch Stimmen aus der heutigen Popkultur sollten im zweiten Teil des Konzerts nicht zu kurz kommen. Bekannten Liedern einen neuen Sound zu verpassen, das war und ist eben auch unter (verkleideten) Mönchen angesagt. Auch etwas orthodoxe Kirchenmusik war im Mix. Abwechslung muss schließlich sein.

»Wort Gottes« trifft auf Popmusik

Verkleidet als Mönche reisen die »Gregorian Voices« derzeit von einer Altarbühne in Deutschland zur nächsten. Benannt ist der mystisch daher kommende Gesang der Kirchen-Barden nach Papst Gregor dem Großen - der hatte das Amt ab 590 inne. »Gregors Stimmen« aus der Ukraine tragen in ihrer Show einen einstimmigen Chorgesang vor. Solo kann er auch präsentiert werden.

Einst galten diese traditionellen Gesänge der Mönche als das gesungene »Wort Gottes«. Das sollte also auch entsprechend überzeugend kommuniziert werden. Kurz: Die Sänger mussten ihre Zuhörer in ihren Bann ziehen. Die Akustik von Kirchengemäuern dienten dabei - heute wie einst - geradezu als Stimmverstärker des zeremoniellen Gesangs. Ähnlich funktionierte das auch im Kirchensaal St. Thomas Morus.

Das Publikum war völlig gebannt in ihrer Vorstellung des Mittelalters, das die singenden Mönche musikalisch repräsentierten. Da könnte sich der ein oder andere Zuhörer in eine Messe in dieser Epoche hineingefühlt haben.

Die Gäste lauschten aber auch Klassikern wie »Sound of Silence« von Simon and Garfunkel oder »Knocking on Heavens Door« von Bob Dylan. Sie waren erstaunt, wie die vertrauten Hits in Form eines Kirchensingsangs des Mittelalters klingen. Die Truppe, unter der künstlerischen Leitung von Oleksiy Semenchuk, ist eben vielseitig - ihr Programm abwechslungsreich.

Krieg im Hinterkopf

Doch die ukrainischen Gesangs-Künstler beschäftigt momentan natürlich mehr als nur Abwechslungsreichtum und Entertainment. Sie sollen gerade einmal zwei Tage vor dem plötzlichen Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine zu ihrer Tour aufgebrochen sein. Das erfuhren die Gäste kurz vor Beginn des Konzerts hier in der St. Thomas Morus Kirche.

Tatsächlich würden die Auftritte und liebevollen Reaktionen des Publikums die schwierige Situation erträglicher gestalten, lässt die Tourbegleitung auf Anfrage ausrichten. Die Gedanken und Gebete würden sich natürlich ständig um ihre Heimat und die Menschen vor Ort drehen. Ihre eigenen Familien seien zum Glück aber wohlauf. Die Situation in der Ukraine entwickele sich »dynamisch«, so dass es aktuell schwierig abzuschätzen sei, wann sie zurückkehren können. Selbst während der einwöchigen Tourpause ab dem 13. April. Auch ob sie in Deutschland bleiben können, das war der letzte Stand, sei unsicher.

Ihre Familien seien jedenfalls froh, dass sie ihrer Arbeit als Mönchsänger nachgehen können und dabei vor allem in Sicherheit sind. Trotz vieler Fragezeichen, gebe den Musikern ihre Konzerte Kraft. Und weil das alleine ihnen nicht ausreichte, sammelten sie am 27. März Spenden bei einem Benefizkonzert in Freiburg. Die gehen nun direkt in die Heimat. Wie sie sich bei einem Krieg in ihrer Heimat auf ihre Musik konzentrieren können? »Das funktioniert mit dem besseren Gefühl, mit unseren Konzerten etwas Gutes für die Ukraine zu tun.«

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