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Wie eine Maskenpflicht im Wohnzimmer

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Von: Petra A. Zielinski

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Schutz vor Corona: Auch in Gemeinschaftsräumen sollen die Bewohnerinnen und Bewohner eine Maske tragen. Symbolfoto: dpa © Petra A. Zielinski

In Gießener Senioren- und Pflegeheimen stößt es auf Kritik, dass die Bewohnerinnen und Bewohner auch in den Gemeinschaftsräumen eine Mund-Nase-Bedeckung tragen müssen.

Gießen. Während es in vielen Bereichen des täglichen Lebens nur noch wenige Coronamaßnahmen gibt, sollen zum Beispiel die Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen auch in ihren Gemeinschaftsräumen seit dem 1. Oktober Masken tragen. So sieht es zumindest das neue Corona-Infektionsschutzgesetz vor. Das stößt nicht überall auf Gegenliebe.

Mit einer Maskenpflicht setze der Gesetzgeber den Alltag in der Alten- und Tagespflege mit einem Krankenhausaufenthalt gleich, monierte etwa Walter Berle, Sprecher des Paritätischen Hessen, in einem Beitrag von hessenschau.de. »Die Altenpflegeeinrichtungen sind das Zuhause der Menschen, die uns anvertraut worden sind.« Eine Maskenpflicht in Gemeinschaftsräumen sei eine Härte, die von keiner anderen Personengruppe in diesem Winter erwartet werde und die erneut massiv in die Persönlichkeitsrechte dieser Personen eingreife, kommentierte wiederum eine Sprecherin der Diakonie diese Entscheidung. Was aber halten die Leiterinnen und Leiter heimischer Alten- und Pflegeeinrichtungen von dieser Bestimmung? Der Anzeiger hat nachgefragt.

»Konsequente Umsetzung ist schlicht unmöglich«

»Eine konsequente Umsetzung dieser Regelung ist schlichtweg unmöglich«, bringt es Lucia Bühler, Bereichs- und Einrichtungsleiterin des Caritas-Pflege- und Förderzentrums St. Anna, auf den Punkt. Gerade bei Demenzkranken sei die Einhaltung der Maskenpflicht kaum umzusetzen. »Wir versuchen, auf spielerische Art und Weise die Masken für unsere Bewohnerinnen und Bewohner attraktiv zu machen«, betont sie. Der Erfolg sei aber eher gering. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden aber selbstverständlich FFP2-Masken tragen. Für Lucia Bühler ist die Entscheidung vor allem in der gegenwärtigen Situation nicht nachvollziehbar. »Die alten Menschen haben genug gelitten. Die Kollateralschäden durch die Isolation waren höher als die Infektionsschäden«, bedauert sie. Durch die strengen Maßnahmen sei der Kontakt zu den Familien radikal beschnitten worden.

»Bisher sind wir gut durch die Pandemie gekommen«, erklärt Jens Dapper, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Gießen. Das Tragen von FFP2-Masken stelle für Mitarbeiter eine sinnvolle Maßnahme dar. Die Einführung der Maskenpflicht für Bewohner hingegen sollte sich seiner Meinung nach nicht an einem Datum festmachen, sondern vielmehr an der Entwicklung der Pandemie im Allgemeinen und im Heim im Besonderen. Dapper plädiert für mehr Eigenverantwortung für Pflegeeinrichtungen. »Bisher haben wir solche Maßnahmen immer in enger Rücksprache mit dem Gesundheitsamt in Angriff genommen. Alles, was wir erreichen wollten, haben wir bisher auch geschafft.« Fast alle Bewohner seien vierfach geimpft und hätten im Falle einer Corona-Erkrankung milde Verläufe. »Wir dürfen die Schutzbelange unserer Seniorinnen und Senioren nicht aus den Augen verlieren«, so der Awo-Chef. Schließlich gelte es, ihre Lebensqualität und Zufriedenheit im Heim sicherzustellen.

Bewohner sensibilisieren

Als »zu undifferenziert« bezeichnet Christa Hofmann-Bremer, Geschäftsführerin und Einrichtungsleiterin des Johannesstifts die Regelung im neuen Infektionsschutzgesetz. Besser sei es, eine Empfehlung zum Maskentragen auszusprechen für alle, die es können. »Aufgrund von Herzerkrankungen, chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen oder Demenz ist es für eine Vielzahl der Bewohnerinnen und Bewohner nicht möglich, eine Maske aufzuziehen.« Da bekannt sei, wie gut eine Maske schützen könne, sei ohnehin schon vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes dazu aufgerufen worden. Allerdings sei der Aufenthaltsraum für die Senioren so etwas wie ein Wohnzimmer. Und da würde man privat schließlich auch keine Maske aufsetzen.

»In allen öffentlichen Bereichen müssen bei uns Masken getragen werden«, unterstreicht Ines Klingenmaier, Einrichtungsleiterin der newcare homes GmbH in Reiskirchen. Eine konsequente Umsetzung im Pflegeheim gestalte sich indes schwierig, da die Masken oftmals wieder abgezogen würden. »Wir müssen unsere Bewohner immer wieder darauf hinweisen.« In privaten Räumen sowie im Speisesaal bestehe auch dort eigentlich keine Maskenpflicht. Im Sommer seien zudem alle Veranstaltungen nach draußen verlegt worden, um diese Auflage zu umgehen. Mit Ausnahme weniger Einzelpersonen seien alle Senioren vierfach geimpft und die Coronaverläufe verliefen in der Regel mild.

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