1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Wie Gießen einst geschützt war

Erstellt:

giloka_2904_Reichensand__4c_4
giloka_2904_Reichensand__4c_4 © Frank-Oliver Docter

Die derzeit laufenden archäologischen Arbeiten auf dem ehemaligen »Samen Hahn«-Gelände haben weitere Details der in den 1530er Jahren errichteten Gießener Stadtmauer zutage gefördert.

Gießen . Nachdem Martin Luther 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg geschlagen hatte, war die Welt nicht mehr dieselbe. Die hiervon ausgehende Reformation sorgte in den folgenden Jahrzehnten in ganz Europa für gewaltige Veränderungen. Auch Gießen und seine Bevölkerung wurden davon erfasst. Vermutlich liegt hier der Auslöser, der Philipp I., genannt »der Großmütige«, dazu veranlasste, die Gießener Stadtmauer im Laufe der 1530er Jahre stärker befestigen zu lassen. Dabei haben der damals von ihm beauftragte Architekt und dessen Bauleute ganze Arbeit geleistet, wie derzeit bei den archäologischen Ausgrabungen auf dem ehemaligen »Samen Hahn«-Gelände im Reichensand zu sehen ist. Auch Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher zeigte sich am Donnerstagnachmittag vor Beginn der Führung durch die Experten »ganz neugierig«, einen Blick »in das Kellergeschoss unserer Stadt« zu werfen.

Muschelschalen

Wenige Meter unter der vorher meist unkrautüberwucherten Erdoberfläche wurde ein schnurstracker, rund 20 Meter langer und mehr als ein Meter dicker Abschnitt der Mauer freigelegt, die einst die gesamte Stadt umschloss. Doch war sie nur ein Teil der ehemaligen Wehranlagen, erläuterte Björn Keiner von der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt. Denn es habe direkt davor auch noch einen Wassergraben sowie dahinter sogenannte Erdschüttungen gegeben, die für zusätzlichen Schutz gegen Angreifer sorgen sollten. Von den beiden letzteren Dingen ist hier kaum noch etwas zu sehen, mal abgesehen von den Schalenüberresten weißer Süßwassermuscheln. Wie Ausgrabungsleiter Kevin Paul erklärte, seien diese damals durch den Zu- und Ablauf des Wassergrabens hierhergelangt, der mit Lahn und Wieseck - die zu dieser Zeit noch einen etwas anderen Verlauf hatte - verbunden war.

Laut Keiner habe die Stadtmauer in dieser Form »bis etwa 1810, 1820« gestanden. Dann musste sie für die immer weiter wachsende Stadt Platz machen. »Die Bürger konnten die Steine für den Bau von Häusern gut gebrauchen«, berichtete er. Und so blieben letztlich nur die Fundamente übrig, die dann auch irgendwann in der Erde verschwanden und in Vergessenheit gerieten. Bereits in vergangenen Jahren erfolgte Ausgrabungen, etwa in der Schanzenstraße unter dem früheren »Haarlem«, haben die Stadtmauer dann sozusagen wieder zurückgeholt.

Doch lassen sich auch jetzt noch neue Entdeckungen machen. So zeigten Paul und Keiner den Besuchern unter anderem die eckigen oder auch mal runden Holzpfosten, die quer und längs unter den Steinen liegen und häufig auch tief in den lehmigen Boden eingebracht wurden. Dank des seit damals hier nahezu gleich gebliebenen Grundwasserspiegels seien die in Abständen von 1,40 bis 1,60 Meter verbauten Balken sehr gut erhalten, was in dieser Form »sehr selten vorkommt«, berichtete der Ausgrabungsleiter.

Neubauten geplant

Ebenfalls auf großes Interesse stoßen jene Steine in der Mauer, die anhand von Bearbeitungsspuren erkennen lassen, dass sie wohl vorher bereits für Gebäude angefertigt worden waren. Einige davon könnten von einer Kirche stammen, die einst dort stand, wo sich heute die Seltersbergklinik befindet, vermutete Björn Keiner. Der rote Buntsandstein ist für die Archäologen dagegen schon so etwas wie ein alter Bekannter. Er sei wohl am selben Ort abgebaut worden wie die Steine der Marburger Elisabethkirche, meinte Kevin Paul.

Wie lange die Ausgrabungsarbeiten noch dauern werden, lässt sich derzeit nicht sagen. Zumal auch der circa 15 Meter lange Mauerabschnitt bis zur Straße freigelegt werden soll. Abgesehen davon lasse sich in der Archäologie aber »nie exakt voraussagen, was wir alles erwarten können«, verdeutlichte Paul. Da die Mauerreste nur auf einer schmalen Fläche am Rande des Areals liegen, können auf der anderen Seite an der Kreuzung zur Bahnhofstraße die Bauarbeiten für das erste von vier geplanten Häusern - davon drei mit zusammen über 70 Wohnungen und ein Geschäftshaus an der Ecke - ungehindert weiterlaufen. Zusätzlich soll noch eine Tiefgarage entstehen. Frank-Tilo Becher und die Denkmalschützer betonten auf Nachfrage dieser Zeitung, dass die Arbeiten zwischen allen Beteiligten, also auch dem Bauherrn, »gut abgestimmt sind«. Überhaupt bestehe bei solchen archäologischen Bodenuntersuchungen in Gießen generell ein gutes Miteinander.

Sobald die jetzigen Ausgrabungen abgeschlossen und die Funde dokumentiert und auch per 3D-Verfahren digital aufgezeichnet worden sind, werden diese Stadtmauer-Überreste den Neubauten weichen müssen. Wer also selbst gerne einen Blick in die Gießener Vergangenheit an dieser Stelle der Stadt werfen möchte, sollte damit nicht zu lange warten.

giloka_2904_Reichensand__4c_1
giloka_2904_Reichensand__4c_1 © Frank-Oliver Docter
giloka_2904_Reichensand__4c_2
giloka_2904_Reichensand__4c_2 © Frank-Oliver Docter

Auch interessant