1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Wie Göthé zu Goethe wurde

Erstellt:

Von: Ursula Hahn-Grimm

gikult_2209_goethe2_2009_4c
Referentin Dagmar Klein vor dem Porträt Goethes, einer Kopie von Rudolf Huthsteiner nach dem Originalgemälde von Georg May aus dem Jahr 1779 (rechts) sowie einem Kupferstich aus der Goethe-Zeit. Fotos: Hahn-Grimm © Hahn-Grimm

250 Jahre danach: Eine literarische Begegnung mit der Familie des Dichterfürsten führte in Gießen zu historischen Stätten, die mit ihm in Verbindung stehen.

Gießen. Das Wetter dürfte mit Gewissheit freundlicher gewesen sein, als der junge Rechtspraktikant Johann Wolfgang Goethe anno 1772 von Wetzlar nach Gießen »das liebliche Tal hinauf« (»Dichtung und Wahrheit«) unterwegs war. Genau 250 Jahre ist das jetzt her. Die zum Jubiläum veranstaltete »goethisch-literarische Begegnung zwischen Wetzlar und Gießen, Teil II« war weniger vom Wetter begünstigt. Es regnete in Strömen, als die Teilnehmer des literarischen Spaziergangs unterwegs zu historischen Stätten in Gießen waren. Das Wetter konnte das Vergnügen bei der Veranstaltung mit Kirsten Prinz (Institut für Germanistik) und Gästeführerin Dagmar Klein aber nicht schmälern. Nach einem Imbiss im Alten Schloss folgte der Vortrag des ehemaligen hr-Hörspielchefs und Autors Hans Sarkowicz zum Thema »Monsieur Göthé. Goethes unbekannter Großvater«.

Imbiss, Vortrag und Spaziergang

Es handelte sich um eine gemeinsame Veranstaltung des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) und der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft. Die Begrüßung der Gäste im Alten Schloss übernahm Anika Binsch, Geschäftsführerin des LZG. Sie rief zu einer Gedenkminute für den verstorbenen LZG-Mitbegründer Uwe Lischper auf, der auch das viel besuchte Krimi-Festival veranstaltet hatte, das in wenigen Tagen wieder starten soll.

Anika Binsch fasste kurz zusammen, dass eine Woche zuvor die Teilnehmer in Wetzlar die Gelegenheit hatten, Johann Wolfgang von Goethe und Charlotte Buff bei einer Kostümführung näher kennenzulernen. Ganze vier Monate hielt sich Goethe in Wetzlar auf, doch mit seinem Briefroman »Die Leiden des jungen Werther« hat er ein epocheprägendes Werk für die Zeit des »Sturm und Drang« geschaffen.

Der »Sturm und Drang« war auch Thema der Veranstaltung in Gießen. Zunächst stellten Kirsten Prinz und Dagmar Klein im Oberhessischen Museum noch zwei Kunstwerke aus diesen Jahren vor, ebenso wie ein Modell der Gießener Altstadt. Bei der Route vom Schloss bis zum Gasthaus »Zum Löwen« machten die Referentinnen mit wichtigen Akteure dieser Zeit bekannt. »In den 1770ern war in Gießen in Sachen Sturm und Drang einiges los«, betonte Germanistin Kirsten Prinz.

Der Literaturströmung ihren Namen gab Friedrich Maximilian Klinger mit seinem gleichnamigen Drama. Goethe kannte ihn schon aus Frankfurter Zeiten. Klinger studierte von 1774 bis 1776 in Gießen Jura und wohnte in dieser Zeit bei dem Jura-Professor Ludwig Julius Friedrich Höpfner. Dessen Wohnhaus in der Neuen Bäue galt ein Zwischenstopp, bei dem viel schriftlich und mündlich Überliefertes zu hören war. So soll sich Adolphine, eine junge Verwandte des Professors in den gut aussehenden Studenten Klinger verliebt haben, wie sie in einem Brief schrieb. Doch Klinger hielt bald nichts mehr in Gießen, er wollte Goethe nach Weimar folgen, dieser jedoch wies ihn ab. In späteren Jahren machte Klinger Karriere, allerdings weder als Jurist noch als Literat. Vielmehr schlug er beim russischen Militär eine bedeutende Laufbahn ein.

Der junge Dichter Goethe stand wieder im Mittelpunkt, als die Gruppe das Gasthaus »Zum Löwen« erreichte. Zusammen mit Freunden spielte Goethe hier dem bereits erwähnten Professor Höpfner einen »neckischen Streich«, ein wohl damals durchaus beliebtes Gesellschaftsspiel. Näher nachzulesen sind Goethes Erinnerungen an diese Gießener Begegnung in »Dichtung und Wahrheit«.

Zwischenstopp in Neuen Bäue

Zurück im Alten Schloss folgte die Lesung von Hans Sarkowicz aus seinem Buch »Monsieur Göthé - Goethes unbekannter Großvater« anhand von Fotografien und alten Porträts. Sarkowicz beleuchtet hier die weniger vertrauten Familienhintergründe der Großeltern väterlicherseits. Denn während Goethe auf die Vorfahren seiner Mutter aus der Frankfurter Patrizier-Familie Textor immer stolz war, schreibt er nur wenig über seinen Großvater väterlicherseits, der aus einer Handwerker-Familie stammt.

Während die Urgroßeltern Göthe noch Schmiede in Thüringen waren, lernte der Großvater das Schneiderhandwerk und verbrachte einige Jahre in Lyon, dem damaligen Zentrum der Seidenschneiderei. Aus dieser Zeit stammt auch die französische Schreibweise Göthé. Monsieur Göthé arbeitete sich zum Stardesigner Frankfurts empor, der viel Geld verdiente. In zweiter Ehe heiratet er eine Gastwirtstochter, die ebenfalls viel Geld in die Familie Göthé brachte.

Die Schreibweise Goethe kommt laut Sarkowicz eine Generation später ins Spiel. Goethes Vater Johann Caspar soll nach dem Willen der Eltern »etwas Ordentliches« lernen und wird deshalb auf das landesweit bekannte Gymnasium Casimirianum nach Coburg geschickt. Gar nicht so schwierig, denn die Postkutsche startet direkt vor der elterlichen Gastwirtschaft und Poststation in Frankfurt. An der Schule wird nur Latein gesprochen, der Umlaut »ö« kommt in der alten Sprache nicht vor. Weil der Name »Goethe« auch vornehmer aussieht, ändert die Familie kurzerhand die Schreibweise, so Sarkowicz.

Dennoch wird die Schneider- und Gastwirtsfamilie kaum erwähnt von ihrem Dichter-Enkel. »Goethe hat seiner Handwerker-Vorfahren verleugnet«, betonte Sarkowicz. Dabei ist es genau die väterliche Linie, die für den Wohlstand der Familie sorgte. Ohne sie hätte es für Johann Wolfgang möglicherweise kein Studium und auch keinen Aufenthalt in Wetzlar gegeben…

So wurde der Spaziergang zu einer Veranstaltung mit vielen historischen Dokumenten und etlichen Spekulationen. Zum Beispiel könnte der junge Goethe doch noch in die Spuren des Großvaters getreten sein, als er mit seinem »Werther« nicht nur eine neue literarische Welle, sondern auch eine Modewelle auslöste.

gikult_sarkowicz_200922_4c
Autor Hans Sarkowicz befasste sich mit Goethes Großvater väterlicherseits. © Ursula Hahn-Grimm

Auch interessant