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Wie schaffe ich es, mit dem Rauch aufzuhören?

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Ole Ohlsen arbeitet in der Suchtberatung. Ein Schwerpunkt ist die Tabakentwöhnung. Dazu gibt es auch am Uniklinikum Gießen Kurse. Im Interview erklärt er, worauf es dabei ankommt.

Gießen . »Es ist schwieriger Menschen das Rauchen abzugewöhnen als den Konsum von Alkohol oder Drogen«, sagt Ole Ohlsen. Bereits seit 30 Jahren arbeitet der in Bad Homburg lebende Diplom-Pädagoge in der Suchtberatung. Zunächst in der Drogenszene des Frankfurter Bahnhofsviertels tätig, machte er sich mit dem Schwerpunkt Tabakentwöhnung vor 20 Jahren selbstständig.

Neben Inhouse-Schulungen in Unternehmen ist er mit seinen präventiven Seminaren in ganz Hessen unterwegs und gerngesehener Gast im UKGM Gießen und Marburg. So erst kürzlich mit einem Vortrag zur Rauchentwöhnung vor dem dortigen Arbeitskreis Gesundheit.

Wie gefährlich ist Nikotinsucht?

Aktuell sterben in Deutschland täglich 300 Menschen an den Folgen von Tabak. Häufigste Ursache sind Atemwegs- oder Herzkreislauf-Erkrankungen, wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Aber auch Blasenkrebs kann eine Folge von Tabakkonsum sein. Während wir einerseits dankenswerterweise viel dafür tun, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen, lassen wir andererseits Raucher mit ihrer Erkrankung allein. Dabei ist Aufklärung wichtiger denn je.

Wie kann eine erfolgreiche Rauchentwöhnung gelingen?

Hier kursieren leider sehr viele Falschinformationen im Netz. Von heute auf morgen mit dem Rauchen aufzuhören, geht nicht! Vor allem nicht mit Spritzen, Hypnose oder Pflastern. Die wissenschaftliche höchste Erfolgsaussicht verspricht eine Verhaltenstherapie in Kombination mit einer medikamentösen Behandlung. Dieses Tabakentwöhnungsprogramm, das von den Krankenkassen bezuschusst wird, erfolgt leitliniengestützt nach ärztlichen Vorgaben. In der Regel folgen einer Infoveranstaltung fünf weitere Termine à zwei Stunden.

Warum fällt gerade die Rauchentwöhnung besonders schwer?

Kein anderes Suchtmittel ist so in den Alltag integriert wie Tabakkonsum. Menschen greifen in den unterschiedlichsten Situationen zur Zigarette, beispielsweise zum Wachwerden, im Stau, bei Stress auf der Arbeit. Das geht beispielsweise bei Alkohol nicht. Ein Jägermeister, wenn der Chef Ärger macht, undenkbar!

Wie gehen Sie an das Problem ran?

Rauchen ist immer nur ein Symptom, die Ursache liegt woanders. Zunächst einmal gilt es zu klären, welchen individuellen Nutzen das Rauchen für einen Menschen hat. Ist es, um die Pause zu überbrücken oder um Stress abzubauen oder weil die Kollegen immer zusammen in der Raucherecke stehen und man dabei sein möchte? Jeder sollte sich die Fragen stellen: Welche Funktion hat das Rauchen für mich und was kann ich stattdessen tun? So kann man zum Beispiel die Pause mit einer Tasse Tee überbrücken, nach dem Essen statt zu rauchen die Zähne putzen oder sich mit einer Mandarine in die Raucherecke stellen.

Die E-Zigarette ist aktuell im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde…

Nicht ganz. Es wird zwar viel darüber geredet, in Wahrheit liegt ihr Anteil aber noch immer im einstelligen Prozentbereich. Zwar entsteht beim »Dampfen« weniger Schadstoffe, aber das Gehirn lernt damit nicht um. Nicht selten werden E-Zigaretten-Raucher wieder rückfällig oder - noch schlimmer - entscheiden sich für einen dualen Konsum. Das heißt, sie rauchen die nicht riechende E-Zigarette im Büro oder im Auto und im Freien geht es dann mit der normalen weiter. Dies führt unweigerlich zu einem erhöhten Konsum. Denn da, wo man früher nicht geraucht hat, zündet man sich nun die E-Zigarette an. Es ist ein statistischer Trugschluss, dass E-Zigaretten der Rauchentwöhnung dienen.

Hat die Corona-Pandemie die Anzahl der Raucher in die Höhe getrieben?

Leider ja. Nach einem jahrelangen Rückgang ist mit Beginn der Pandemie wieder ein Anstieg um 3,5 Prozent zu beobachten. Ein Grund hierfür ist, dass Rauchen der Emotionsregulierung dient. Darüber hinaus arbeiten derzeit viele Menschen im Homeoffice und können somit auch während ihrer Arbeitszeit rauchen.

In einem Unternehmen wäre es eher auffällig, wenn jemand ständig vor die Türe geht, um eine zu rauchen. Schade ist, dass es einerseits wieder mehr Raucher gibt, es andererseits aber aktuell kaum Angebote gibt, um ihnen zu helfen. Beides ist Corona geschuldet.

In welcher Altersgruppe sind die meisten Raucher zu finden?

Zum Glück nicht bei den jungen Menschen, dort ist der Anteil noch immer rückläufig. Und in der Regel rauchen mehr Männer als Frauen.

Ab wie viel Zigaretten am Tag ist man süchtig?

Menschen, die weniger rauchen, fällt es oftmals schwerer damit aufzuhören. Der Grund ist, dass sie die Zigarette ritualisieren und sie sich nur zu besonderen Anlässen gönnen. Beispielsweise nach Kaffee und Kuchen bei Freunden oder wenn die Kinder im Bett sind.

Nicht das Wieviel spielt eine Rolle, sondern das Warum. Die Zigarette wird mit positiven Situationen gekoppelt. Darüber hinaus ist es ein Fehler anzunehmen, dass weniger Rauchen weniger gefährlich ist. Die Folgeerkrankungen des Tabakkonsums entstehen Dosis-unabhängig.

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