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Wie sich Armut anfühlt

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Die Beteiligten des Blues- Gottesdienstes in der St. Thomas Morus Kirche. Foto: Czernek © Czernek

Der sechste Blues-Gottesdienst in der Kulturkirche St. Thomas Morus in Gießen geht mit Musik und persönlichen Geschichten auf das Thema Armut ein.

Gießen. »Wir haben vor einem Jahr mit dieser Form des Blues-Gottesdienstes begonnen und wir freuen uns sehr, dass er eine solche Dynamik bekommen hat, dass er heute schon zum sechsten Mal stattfindet«. Mit diesen Worten begrüßte Jakob Handrack von der Kulturkirche alle Besucher am Sonntagabend in der St. Thomas Morus Kirche.

Armut lautete das Thema und wie aktuell dieses Thema ist, das zeigt die jüngste Veröffentlichung des Armutsberichts des Landkreises Gießen. Doch wie sich Armut wirklich anfühlt, wenn man davon betroffen ist, das erzählte die 67-jährige Conny in einem Gespräch mit Christoph Geist, einem der Macher der Werkstattkirche.

»Wer an Armut denkt, der hat Bilder von Obdachlosen oder Bettlern vor Augen. Diese sind sichtbar. Doch der größte Teil von Armut versteckt sich, ist nicht sichtbar«. Conny gehört zu den vielen Menschen, die unverschuldet durch Arbeitslosigkeit in die Armut gerutscht sind. Alles fing für die Westerwälderin gut an: Gemeinsam mit ihrem Mann zog sie nach Gießen. Sie verdiente das Geld, er besuchte das Abendgymnasium. Als sie drei Kinder bekamen, ihr Mann und sie an Krebs erkrankten, sie beide teilweise arbeitslos waren, wurden die Geldmittel knapp. »Ich hatte oft schlaflose Nächte, weil ich nicht wusste, wie ich das Brot am nächsten Tag bezahlen sollte. Und dann musste ich mir anhören, warum ich mir drei Kinder angeschafft hätte oder dass wir uns eine bessere Arbeit suchen sollten«.

Besonders hart sei es für die Kinder gewesen, denn diese konnten an außergewöhnlichen Aktivitäten wie Klassenfahrten nicht teilnehmen. »Die Sticheleien der Klassenkameraden traf die Kinder besonders hart«. »Es gibt viele Arten der Armut: Neben der finanziellen, die soziale und die Bildungsarmut«, ergänzte Geist und erzählte, dass Armut auch immer mit Scham behaftet sei, die eben zu einer Vereinsamung führe, wie in dieser Familie. Nachdem der Vater arbeitslos wurde, habe er sich immer mehr verkrochen, ging kaum mehr aus dem Haus, erkrankte an Krebs und starb vor ein paar Jahren.

Über ihre Kinder konnte Conny positive Lebensgeschichten berichten: Alle drei haben ihren Weg gemacht. Einer wurde Biochemiker, lebt in den USA, der mittlere wurde Schreiner und der jüngste arbeitet als Intensivpfleger. »Und dennoch hat es Spuren und Narben bei ihnen hinterlassen. Alle drei wollen keine Kinder haben«.

Ihre Intention, bei diesem besonderen Gottesdienst dabei zu sein, sei gewesen, darauf aufmerksam zu machen. Sie wehre sich gegen Behauptungen, dass sie arbeitsscheu oder faul sei. Dass dem nicht so ist, dafür kämpfe sie. Sie selbst habe sich aus dem depressiven Strudel dadurch herausgezogen, indem sie sich ehrenamtlich an allen möglichen Stellen im Flussstraßenviertel engagiert. Sie gehört zu den Mitmachmenschen der Werkstattkirche, auf die sich wiederum alle verlassen können.

Der Blues, die musikalische Ausdrucksform der Sklaven, gab dem ernsten Thema seinen musikalischen Rahmen. Die Manu-Michaeli-Band interpretierte diese tief-traurige Grundstimmung passgenau mit Liedern wie »Go down moses«, »Personal Jesus« oder »You can’t charge a book by looking a cover«. Die soulige Stimme von Manuela Michaeli wurde perfekt von Jörg Schintze (Percussion), Rolf Weinreich (Gitarre, Gesang) und Michel Hahn (Gitarre, Bass, Gesang) unterstützt. Eine gelungene Abendstunde, die zum Nachdenken anregte.

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