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»Wie Wikinger« angegriffen

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Vor Gericht möchten die beiden jungen Männer nie wieder stehen. Archivfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Wegen Schlägereien vor dem Uni-Hauptgebäude und an der Lahn sind zwei 21-Jährige zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Auch ihr Umgang mit der Pandemie soll eine Rolle gespielt haben.

Gießen. Der Abschluss eines Gerichtsprozesses kann eine Art Neuanfang einläuten. Auf dem Weg zur Urteilsfindung geht es häufig um die vielzitierte »letzte Chance« für die Angeklagten, die doch künftig bitte einen straffreien Weg einschlagen mögen. Auf die beiden 21 Jahre alten Männer, die sich am Dienstag vor einem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Gießen verantworten mussten, hat der erstmalige Durchlauf eines kompletten Strafverfahrens offenbar mächtig Eindruck hinterlassen. Der Auftritt vor der Berufsrichterin und den beiden Schöffen kommt einem Bewerbungsgespräch nahe. Der Fachabiturient im schwarzen Hemd präsentiert sogar den Notendurchschnitt seines Halbjahreszeugnisses, der mitangeklagte Student berichtet von Studienerfolgen und seinem neuen Job. »Er möchte heute Tabula rasa machen«, bescheinigt sein Verteidiger Carsten Marx.

Tritte gegen Kopf

Es wird ein kurzer Prozess, denn die beiden jungen Männer, die noch bei ihren Eltern leben, räumen sämtliche Tatvorwürfe ein. Dass die gegen sie verhängten Jugendstrafen von einem Jahr sowie von sechs Monaten zur Bewährung ausgesetzt werden können, ist für den Darmstädter und den Gießener großes Glück. Denn die Taten hätten durchaus schlimmer ausgehen können. Ermittelt wurde zunächst nicht »nur« wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung, sondern wegen versuchten Totschlags. Die Rivalität mit einer anderen Gruppe gipfelte vor rund anderthalb Jahren in einer Art Racheaktion, im Zuge derer die Clique um die Angeklagten bewaffnet »wie eine Horde Wikinger durch Gießen gelaufen ist« - mit dem Ziel die anderen »zu jagen«, wie Staatsanwalt Mike Hahn es in seinem Plädoyer nennt.

Die Wahl der »falschen Freunde« nimmt meist ein bitteres Ende. Dazu soll die Corona-Pandemie und der damit verbundene Lockdown bei den zum Tatzeitpunkt 19-jährigen Heranwachsenden nicht nur zu Desillusion, sondern auch zu jeder Menge Langeweile geführt haben, wie die Verteidiger und die Jugendgerichtshelferin gleichermaßen thematisieren. Aus Imponiergehabe und Gruppendynamik heraus sei es dann zu den Taten gekommen, die - hierin sind sich alle Prozessbeteiligten einig - keinesfalls als Bagatelle zu werten sind.

Am 5. September 2020 traf die sechsköpfige Clique der Angeklagten demnach auf dem Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes auf eine andere Gruppe. Als sich ein junger Mann bückte - vermutlich, um sich die Schuhe zu binden - drückte der Darmstädter ihn zu Boden und verpasste ihm zwei Schläge gegen den Kopf, woraufhin der Angegriffene das Bewusstsein verlor. Seine Kumpels versuchten zu helfen, was in einer Schlägerei mündete. Schließlich trat der Darmstädter dem am Boden Liegenden gegen den Kopf. Das Opfer kam glücklicherweise glimpflich davon und erlitt lediglich eine Prellung. »Das hätte ganz anders ausgehen können«, betont die Vorsitzende Richterin Maddalena Fouladfar. »Tritte gegen den Kopf können schwere Folgen haben - bis hin zum Tod.«

Messer, Totschläger und Schlagstock

Die Auseinandersetzung zwischen den beiden rivalisierenden Gruppen war damit allerdings noch nicht beendet. Die Clique der Angeklagten spionierte zwei Tage später den Treffpunkt der anderen an der Lahn aus. Bewaffnet mit einem Messer, einem Totschläger und einem Schlagstock beendeten sie das chillige Beisammensein der Konkurrenten. Diese ergriffen die Flucht und liefen in Richtung Bootsverleih. Trotz des regen Publikumsverkehrs am frühen Abend jagten die Angeklagten und ihre Freunde hinterher. Der Darmstädter versetzte einem Mann einen Schlag mit dem Stock, den er kurz zuvor am Fluss gefunden haben will. Passanten riefen schließlich die Polizei.

Im Nachgang hinterließ dann ebenfalls der Darmstädter, der damals noch in Gießen lebte, einen schlechten Eindruck bei den Justizbehörden. Anstatt die Sache ruhen zu lassen, schickte er seinen Gegnern aggressive Drohungen per Sprachnachricht. Ein Umstand, der ihm letztlich eine zehnwöchige Untersuchungshaft einbrachte, was seinem Verteidiger zufolge allerdings »ganz heilsam« gewesen sei.

Abhaken kann hingegen der Gießener, den die Richterin in der Urteilsbegründung als klassischen »Mitläufertyp« bezeichnet, nun auch eine zweite Anklage wegen versuchter besonders schwerer räuberischer Erpressung. Gemeinsam mit einem Kumpel sollte ein Pizzafahrer ausgeraubt werden. Die jungen Männer bestellten den Lieferanten zu einer falschen Adresse und kündigten an, mit einem 200-Euro-Schein bezahlen zu wollen. Der Angeklagte stand letztlich Schmiere, während sein Freund den Auslieferer mit einer Gaspistole bedrohte. Dem Opfer gelang es aber die Waffe an sich zu reißen und die Polizei zu verständigen.

Sein Mandant »aus bestem Hause« habe im Nachgang große Angst vor einer Gefängnisstrafe gehabt, sagt Marx. Nicht ohne Grund: »Ein Erwachsener bekommt fünf Jahre für diese Tat«, stellt Staatsanwalt Hahn klar und betont, dass er bei fehlender Einsicht ebenfalls eine deutliche höhere Strafe gefordert hätte. Doch vielmehr sollen den Angeklagten nun keine Steine in den Weg gelegt werden, auch damit diese nach Ablauf der Bewährungszeit »ihr Potenzial nutzen« können. Wenn es nach dem Studium in die Bewerbungsphase geht, wird ihr Führungszeugnis wieder »blank« sein - ohne weitere Verfehlungen versteht sich.

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