+
Kind oder Karriere? Gerade Frauen, die nach einer Familienpause wieder arbeiten möchten, stehen vor Herausforderungen. Symbolfoto: dpa

Online-Workshop

Wiedereinstieg in den Beruf: Eigene Fähigkeiten erkennen

Kind oder Karriere? Vor allem Frauen stehen nach einer Familienpause vor Herausforderungen im Job. Die Gießener Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt gibt Tipps.

Gießen. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, stellt vor allem Frauen, die nach einer familienbedingten längeren Pause wieder arbeiten möchten, vor nicht unerhebliche Herausforderungen. Wie ein erfolgreicher Wiedereinstieg gelingen kann, damit beschäftigt sich Christine Schramm-Spehrer, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Arbeitsagentur Gießen. Ihr kostenfreier Online-Workshop »Mein Weg zurück in den Beruf« wird unter anderem bei der Agentur für Arbeit als auch bei der VHS Gießen und Wetterau sowie in Mehr-Generationen-Häusern in der Wetterau angeboten.

An wen richtet sich Ihr Online-Workshop konkret?

An alle Frauen oder auch Männer, die nach Familienarbeit oder Pflege wieder in den Beruf zurückkehren wollen. An den Workshops nehmen sowohl Studierte und Promovierte als auch Migrantinnen und Menschen ohne Schulab-schluss teil. Vor allem in Gießen ist der Anteil von Akademikerinnen sehr hoch. Dabei kommen die Teilnehmenden aus allen Altersgruppen. Für MINT-Studentinnen bieten wir darüber hinaus an der THM auch Seminare für den Berufseinstieg oder das Studium mit Kind an.

Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die größten Hürden bei einem Wiedereinstieg in den Beruf?

Das größte Problem liegt im Erkennen der eigenen Fähigkeiten und dem Vertrauen in sich selbst. Viele denken: Ich kann ja nichts mehr oder meine Qualifikationen sind überholt. Hinzu kommt, dass die künftige Berufswegplanung in den Lebensweg passen muss. Das heißt, die Kinderbetreuung muss organisiert werden und es sollte klar sein, wie man zur Arbeitsstelle gelangen möchte.

Welche Tipps geben Sie den Wiedereinsteigern?

Es ist immer eine gute Idee, zunächst einmal beim bisherigen Unternehmen anzufragen. Dort kennt man sich aus und muss nicht ganz von vorne beginnen. Auch Chancen zur Weiterentwicklung sind hier oftmals gegeben.

Möchten denn die meisten Personen in ihren alten Beruf zurückkehren?

Zunächst gilt es Fragen zu klären wie »Was kann ich gut?« aber auch »Was mache ich gerne?« Jede Berufswahl ist eine Kompromissfindung. Es gilt also zu prüfen, ob die Rahmenbedingungen des alten Jobs noch immer passend sind. Man sollte sich fragen, was einem persönlich wichtig ist: Karriere, Geld, Freizeit. Mit diesem Plan kann man sich auf die Suche nach einer Stelle oder Qualifizierung machen. In meinem Seminar lade ich die Teilnehmenden zu assoziativem Zeichnen ein. Dabei sind sie aufgefordert, ein Bild zu malen, wie sie ihr Leben in zehn Jahren sehen. In diesen Bildern entdeckt man oftmals die Ideen hinter den Ideen.

Corona-bedingt gibt es immer mehr Quereinsteiger.

Das stimmt. Viele Wiedereinsteiger fragen sich, ob die erste Berufswahl okay war und orientieren sich neu. Vielleicht weil der Arbeitsplatz unsicher geworden ist, vielleicht aber auch weil das Zeitfenster sich geändert hat. Hier rate ich zum beruflichen Querdenken. Zum Beispiel könnte eine Kauffrau, die im Ehrenamt IT-Kenntnisse ausgebaut hat, in diesem Bereich neu durchstarten. Wichtig ist es, dass man auf der Arbeit den Kopf frei hat, sprich sich keine Gedan-ken machen muss, ob Zuhause alles gut läuft.

Wo haben Wiedereinsteiger aktuell die besten Chancen?

Ganz klar im Gesundheits- und IT-Sektor. Außerdem sind die Bewerber besser dran, die bereit sind, auch mal nachmittags zu arbeiten. Teilzeitjobs mit Arbeitszeiten von 8 bis 12 Uhr sind die beliebtesten.

Was können auf der anderen Seite Arbeitgeber tun, um qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen?

Ihren potenziellen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen familienfreundliche Angebote unterbreiten, sei es durch Teilzeitarbeit oder Tätigkeit im Homeoffice. Ziel sollte es sein, dass sich Familie und Beruf sowohl für Männer als auch für Frauen vereinbaren lassen. Bei der Agentur für Arbeit melden sich immer mal wieder Unter-nehmen, die gezielt auf der Suche nach Wiedereinsteigenden oder auch Studienzweiflern sind. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Unternehmen, die eine familienfreundliche Politik betreiben, die treuesten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bekommen.

Wie geht es nach dem Online-Workshop für die Teilnehmenden weiter?

Wir zeigen Zugangswege zum Wiedereinstieg in den Beruf auf. Jungen Leuten empfehlen wir die Berufsberatung, älteren die Arbeitnehmerbetreuung der Agentur für Arbeit. Aktuell wird ein neuer Bereich »Lebensbegleitende Beratung im Erwerbsleben« aufgebaut. Darüber hinaus kann ich weitere Netzwerke benennen, die - je nach beruflicher Lebenslage - kontaktiert werden können. Gleiches gilt für verlässliche Recherchequellen, wie berufenet.arbeitsagentur.de oder kursnet.arbeitsagentur.de , Adressen, von denen ich sicher weiß, dass sie kontinuierlich gepflegt werden.

Christine Schramm-Spehrer

Das könnte Sie auch interessieren