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»Wir bemerken eine hohe Lernmotivation«

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Deutsch lernen ist das A und O: Lenka Schneider zeigt, mit welchem Material sich Schüler den Wortschatz aneignen. © Lemper

Immer mehr Kinder und Jugendliche aus der Ukraine besuchen die Deutsch-Intensivklassen an Gießener Schulen. Die ersten Eindrücke scheinen überaus positiv zu sein.

Gießen . Während die Jungs gut gelaunt auf den Lehrer warten, Nachlauf spielen und gelegentlich ein höfliches »Guten Tag« oder »Dankeschön« formulieren, steht Solomiya noch ein wenig schüchtern auf dem Flur der Brüder-Grimm-Schule (BGS). Wer möchte ihr das verdenken, immerhin ist es für die Elfjährige der erste Tag in der Deutsch-Intensivklasse, in einer ihr unbekannten Stadt, in einem fremden Land. Ihre Mutter Oksana Martyniv ist dennoch zuversichtlich: »Bei uns zu Hause gehört sie zu den drei besten Schülern. Ich denke, sie wird sich wohlfühlen. Die Atmosphäre ist angenehm, alle sind freundlich und hilfsbereit.«

Gemeinsam mit den drei Kindern und deren Oma ist die Wissenschaftlerin vor dem Krieg in ihrer ukrainischen Heimat nahe Kiew geflohen, seit April lebt die Familie in Rödgen. Die jüngeren Töchter gehen zur Schule, Oksana Martyniv, die die Sprache bereits perfekt beherrscht, hofft derweil auf ein Stipendium an der Universität. Für die Chance, in Deutschland Erfahrungen sammeln zu können, ist sie dankbar - »wenn es doch nur nicht unter diesen Umständen wäre«.

»Die Situation ist sehr dynamisch«

Seit 2002 bietet die BGS als Hilfe für Schülerinnen und Schüler, die vor Eintritt in den Regelunterricht erst grundlegende Deutschkenntnisse erwerben müssen, entsprechende Intensivklassen an, verfügt also über eine »hohe Expertise« in einem multiprofessionellen Team, wie Barbara Burggraf, die Leiterin der Integrierten Gesamtschule, betont. »Zurzeit ist die Situation sehr dynamisch«, ergänzt Lenka Schneider, Koordinatorin für Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Sei es anfangs noch gelungen, ukrainische Kinder und Jugendliche in die drei existierenden Klassen zu integrieren, musste schon bald eine vierte ausschließlich mit jungen Ukrainerinnen und Ukrainern eingerichtet werden, »denn es kam fast täglich zu weiteren Aufnahmen«.

Das grundsätzliche Konzept bleibe zwar gleich, ein entscheidender Unterschied sei allerdings die »sprachliche Homogenität«. Damit ändere sich auch die Methodik, weil nicht wie sonst üblich viele verschiedene Nationalitäten gemeinsam unterrichtet werden, »sondern wir eine Bezugssprache haben, die alle verstehen«. Gerade zu Beginn sei dies durchaus förderlich. »Das ist fast so, als würden die Kinder in ihrem Heimatland Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache lernen.«

Als Vorteil erweise sich zudem, dass einige Lehrkräfte des Kollegiums Ukrainisch oder Russisch sprechen, was die Kommunikation im Alltag und den Start an der Schule auch für die Eltern erleichtere, ebenso wie die Einladung zum Austausch bei Kaffee und Kuchen, berichtet Barbara Burggraf.

Mathe, Biologie und Co. spielen in den ersten Wochen keine große Rolle. »Unser Angebot ist vergleichbar mit einem intensiven Sprachkurs«, erklärt Lenka Schneider. Das bedeutet: vier bis fünf Stunden am Tag die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten auf Deutsch trainieren. Dazu gehört, sich das lateinische Alphabet zu verinnerlichen und zu üben, wie die Buchstaben lautiert werden. Und natürlich gilt es, sich einen Wortschatz und Grammatik für verschiedene Anlässe anzueignen. Genutzt werden dafür auch die schulischen Werkstätten und die Arbeitslehre, da sich die Alltagssprache durch das Ausprobieren noch besser veranschaulichen lasse. »Es geht dabei nicht um die Bildungssprache«, stellt die DaZ-Koordinatorin klar. Eine Besonderheit an der BGS sind - außerhalb von Corona-bedingten Einschränkungen - ferner begleitende Aktivitäten, auch um den sozialen Zusammenhalt zu stärken: etwa bei Besuchen im Kino, im Zoo, im Museum, im Botanischen Garten oder im Kletterwald.

Je nachdem, wie schnell jemand vorankomme, sei es sinnvoll, das Kind zumindest in Nebenfächern schon mal für ein paar Stunden teilweise in Regelklassen zu integrieren. »Abhängig von der sprachlichen Begabung und davon, wie im häuslichen Umfeld miteinander kommuniziert wird, kann das nach wenigen Monaten geschehen oder auch ein Jahr dauern«, weiß Schneider.

Die Bedingungen für eine gelingende Integration seien in jedem Fall sehr gut, ist die BGS-Leiterin überzeugt. »Wir bemerken eine sehr hohe Lernmotivation, die ukrainischen Kinder schließen schnell und problemlos an die ihnen vertraute Lernkultur aus der Heimat an.« Die bisher betreuten Familien, bestätigt Lenka Schneider, hätten ein »unglaublich hohes Bildungsbewusstsein« und seien froh darüber, dass ihre Söhne und Töchter ihre schulische Laufbahn fortsetzen könnten.

Für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 20 Jahren sind dann die beruflichen Schulen - Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten (WSO) und Theodor-Litt-Schule - mit ihren InteA-Angeboten (Integration durch Anschluss und Abschluss) zuständig. »Wir sind sehr gespannt, wie das mit den ukrainischen Schülerinnen und Schülern werden wird«, sagt Dr. Ralf Siebert, InteA-Abteilungsleiter an der WSO. Die meisten Schutzsuchenden aus der Ukraine seien den Geflüchteten aus anderen Krisenregionen zwar schulisch »deutlich voraus«, zumindest werde bei ihnen eine »stringente Bildungsbiografie angenommen«. Was die Voraussetzungen im Deutschen betrifft, sei das Level aber »ausgesprochen heterogen«, so Siebert. »Daher kann ich noch nicht prognostizieren, wie gut sie sich entwickeln werden.«

Angedacht sei, dass die jungen Ukrainer »sprachlich Fahrt aufnehmen« und Möglichkeiten erhalten, sich in einem breiteren Fächerspektrum weiter zu qualifizieren, sobald sie ein bestimmtes Niveau (A 2.2) erreicht haben - inklusive eines Wechsels in die gymnasiale Oberstufe oder in einen studienvorbereitenden Sprachkurs an einer Hochschule. »Das Problem ist, dass politisch oft unterschätzt wird, wie viel Zeit es braucht, eine Sprache vernünftig zu lernen. Das vollzieht sich nicht linear«, weiß Siebert. Wenn alles gut laufe, bewegten sich InteA-Absolventen nach zwei Jahren auf Niveau B 1, sie könnten sich damit »flexibel in sprachlichen Alltagssituationen verhalten«. Gerade mal fünf bis zehn Prozent davon seien in der Lage, an den landesweiten Prüfungen für den Haupt- oder Realschulabschluss teilzunehmen, den wiederum »nur fünf Prozent erlangen«. Selbst ein Zertifikat für eine bestandene B 1-Sprachprüfung schaffen »nicht sehr viele«.

Üblicherweise werden die InteA-Schüler nicht nach Nationalitäten getrennt. Das habe sich bewährt, denn es sei für den »Lernfortschritt abträglich«, wenn in einer Klasse »Enklaven entstehen«, in denen sich Landsleute »aus Bequemlichkeit überwiegend in ihrer Muttersprache unterhalten«. Die Vielzahl an aktuellen Anmeldungen werde es allerdings erforderlich machen, voraussichtlich zum neuen Schuljahr eine Klasse nur mit ukrainischen Schülern zu besetzen.

Beim Aufnahmegespräch werde geschaut, um welchen Lerntyp es sich handelt, welches Vorwissen jemand mitbringt, welche intellektuellen Kompetenzen vorhanden sind. »Kognitiv leistungsfähige Schüler werden nicht automatisch in die Anfängerklasse gesteckt, sonst würde ihr Gehirn einschlafen und sie wären schnell demotiviert oder unterfordert«, schildert der Abteilungsleiter. Trotzdem werden sie gewissermaßen ins »Sprachbad« geworfen und müssen anfangen, zu »schwimmen« und sich zu akklimatisieren. Je nach individueller »Lernzuwachsgeschwindigkeit« werde das passende Rüstzeug an die Hand gegeben.

Prinzipiell orientiere sich InteA nicht an einem starren System. Da permanent jemand Neues hinzustoße, sorge dies konstant für Bewegung. Aus diesem Grund sei es notwendig, den »Stoff« alle paar Wochen erneut aufzugreifen, zu festigen, zu vertiefen und auszudifferenzieren. Ralf Siebert spricht von einem »Waschmaschinen-Curriculum«.

Lehrkräfte dringend gesucht

Gleichzeitig weist der Pädagoge darauf hin, dass noch »händeringend« Lehrkräfte gesucht würden, die von der Ausbildung und der Persönlichkeit her geeignet sind, um ihnen die ukrainischen Schüler anzuvertrauen. Doch inzwischen seien auch innerhalb des Stammpersonals »Bereitschaft und Neugier« gewachsen, im Bereich InteA auszuhelfen. Für Siebert ist es daher spannend zu beobachten, dass einerseits die Sprachintegrationsarbeit stärker beachtet werde und andererseits »die Notlage die Schulentwicklung befördert«.

Sehr positive Erfahrungen hat auch die Alexander-von-Humboldt-Schule (AvHS) gesammelt. Die ukrainischen Schülerinnen und Schüler seien sehr freundlich und lernwillig, das Leistungsniveau sei hoch. Einige von ihnen verfügten schon nach zwei Monaten über das Sprachniveau A 1. Sie können also beispielsweise vertraute, alltägliche Ausdrücke sowie ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, »die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse abzielen«. Ansonsten sei ein altersstufengemäßes Wissen festzustellen, berichtet Schulleiter Markus Koschuch. »Das heißt, Schüler, die dem Jahrgang 8 zugeordnet werden, würden auch tatsächlich in dieser Jahrgangsstufe erfolgreich mitarbeiten können.« Der Erwerb der deutschen Sprache und das Fach Landeskunde bilden die Schwerpunkte in den drei Intensivklassen. Sobald es die Deutschkenntnisse zulassen, seien erste Hospitationen im Regelunterricht vorgesehen. Bei weiteren sprachlichen Erfolgen sei eine dauerhafte Teilnahme daran möglich, wobei zusätzlich noch Deutsch in Kleinstgruppen erteilt werde. Dass die Integration insgesamt so »unproblematisch« verlaufe, liege im Übrigen auch daran, dass schon vor Kriegsausbruch Schüler aus der Ukraine an der AvHS waren und diese die »Neuankömmlinge« jetzt unterstützen. »Sie übersetzen, helfen bei Formalitäten, zeigen ihnen die Schule oder gehen mit ihnen in die Vereine.«

Solomiya hat ihre ersten Tage an der BGS bewältigt. »Im Großen und Ganzen hat es ihr sehr gut gefallen«, sagt Oksana Martyniv. Doch ihre Tochter sei ehrgeizig, sie würde gerne »noch mehr Deutsch sprechen, um noch schneller Fortschritte zu erzielen«. In einer Klasse mit nur ukrainischen Kindern sei das schwieriger, so ihr Eindruck. Zumal sich die Elfjährige nachmittags ohnehin noch online am Unterricht in der Ukraine beteiligt. Ihr Lehrer schalte sich »von irgendwo zu, wo es gerade sicher ist«. Ein Mädchen aus Mariupol, das ebenfalls eine Zeitlang eingewählt war, werde dagegen schon länger vermisst.

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