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»Wir brauchen einen Start«

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Seit Jahren sind die Bedingungen für Radfahrer in der Stadt und speziell auf dem Anlagenring politisches Thema. Jetzt bereitet die Verwaltung den umstrittenen Verkehrsversuch vor. Archivfoto: Schäfer © Rüdiger Schäfer

Die Stadt Gießen hat sich für eine Vorzugsvariante für den Verkehrsversuch auf dem Anlagenring entschieden.

Gießen. Eine Fahrradstraße auf den inneren Spuren des Anlagenrings. Und außen zwei Spuren in einer Fahrtrichtung für Autos und Co. Diese Variante der »Planersocietät« für den geplanten Verkehrsversuch auf dem Anlagenring will die Stadt weiterverfolgen. »Letztlich sagen die Simulationen: Es funktioniert«, betont Bürgermeister Alexander Wright von den Grünen am Dienstagabend im Bauausschuss. »Grundsätzlich ist der Verkehrsversuch Mittel zum Zweck, um den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren. Das ist, gerade im Kontext der Verpflichtung zur Klimaneutralität, ein unausweichlicher Weg«, argumentiert Fraktionsvorsitzender Lutz Hiestermann von Gigg+Volt.

Anlagenring an der Kapazitätsgrenze

Als Grüne, SPD und »Gießener Linke« den Verkehrsversuch kurz vor der Kommunalwahl im vergangenen Jahr beschließen, entwickelt sich eine heftige Diskussion um das Für und Wider. Sie prägt den Wahlkampf - im Ausschuss am Dienstagabend geht es deutlich sachlicher zu. Fünf Varianten stellen die Planer vor, wobei der Favorit schnell klar ist. Was es, bezogen auf diesen Favoriten, bedeutet, dass der Anlagenring beim Pkw-Verkehr an die Grenze seiner Kapazität stößt, möchte Frederik Bouffier von der CDU wissen. Aus Sicht des Büros laufe der Verkehr für eine Unistadt in der Größe Gießens, selbst in den Hauptverkehrszeiten, immer noch ausreichend, antworten die Planer. »Selbst heute kann man nicht mit 50 Kilometern pro Stunde einmal um den Anlagenring fahren«, ergänzt der Bürgermeister. Hiestermann kritisiert, dass die Planung aktuelle Verkehrszahlen statisch fortschreibe. Das sei eine Art Worst-Case-Szenario - realistisch solle sich ein Rückgang des Pkw-Verkehrs in dem Gutachten der Planer spiegeln.

»So sehen wir aber: Selbst im Worst Case funktioniert es. An Weihnachten klappt es auch. Das ist doch die gute Nachricht, dass - selbst wenn wir diese Veränderung vornehmen - man immer noch gut mit Fahrrad und Auto in die Stadt kommt. Aber es ist für das Rad wesentlich attraktiver. So schaffen wir es eben auch, den Modal Split zu ändern. Das ist doch das, was wir wollen«, widerspricht Wright. Zudem seien die Fahrradaktionen in der Innenstadt am vergangenen Samstag kein Verkehrsversuch, sondern eine Demonstration mit ganz anderen Bedingungen gewesen. Daraus ließen sich keine Schlüsse für den Versuch ziehen. »Wir werden bei dem Versuch etwas spüren, das den gewohnten Komfort einschränkt. Und trotzdem funktioniert es. Das ist die Voraussetzung dafür, in eine Dynamik zu kommen, die Veränderung mit sich bringt«, pflichtet Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher bei. Je mehr sich das Verhalten der Verkehrsteilnehmer ändere, um so deutlicher werde der Gewinn dieser Variante. »Wir brauchen aber einen Start, fangen an und erleben schließlich einen Gewinn«, so der Sozialdemokrat.

»Eine gewisse Schockstarre«

»Der erste Blick auf die Präsentation der bevorzugten Variante hinterlässt im Seltersweg erst einmal eine gewisse Schockstarre«, erklärt BID-Vorsitzender Heinz-Jörg Ebert auf Anfrage. Handele es sich doch dabei grob um die gleiche Verkehrsführung am Anlagenring, die am vergangenen Samstag allgemeines Kopfschütteln verursacht habe. Andererseits lasse sich die Stadt Zeit, den Verkehrsversuch valide vorzubereiten. Sie gebe sich Mühe, die auch am Samstag sichtbaren Konsequenzen zu bedenken und Lösungen zu finden. »Ohne Frage: Wir begrüßen das Ziel, eine zeitgemäße und funktionierende Verkehrssituation zu organisieren, in der die Verbesserung des Rad-, Fußgänger- und ÖPNVerkehrs ihr Gewicht hat und gleichzeitig die Oberzentrumsfunktion für die KFZ-Teilnehmer gewährleistet wird. Insofern gehen wir - auch weil es Bürgermeister Wright immer wieder betont - davon aus, dass die Zeit bis zum Versuchsstart im kommenden Jahr intensiv genutzt wird, um die massiv spürbaren Defizite des letzten Samstags in den Griff zu bekommen«, führt der BID-Vorsitzende aus. Natürlich hoffe das BID auch, dass Stadt und Kreis jetzt intensivst und parteiübergreifend im Schulterschluss arbeiteten, um alles zu tun, damit »parallel der ÖPNV entsprechende Angebote für den Transfer zwischen Gießen und dem Umland bieten kann. Gespannt sind wir auch auf das geplante Maßnahmepaket, das die Stadt für die sinnvoller Weise zeitgleich durchzuführenden Maßnahmen zur Attraktivierung der Innenstadt vorbereitet. In jedem Fall gilt es, einen gemeinsamen Kommunikationsstil zu erarbeiten, in dem auf einfachste Art Wegeführungen, Parkmöglichkeiten und der Reiz, nach Gießen zu kommen, unterstrichen werden«, meint Ebert. Ohnehin sei es allerhöchste Zeit, dass Gießen Klarheit finde, für was diese Stadt eigentlich stehe. Eine Positionierung könne große Wirkung entfachen, weil sie alle Kräfte bündele, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. »Nur so kann man Planungssicherheit und Entwicklungsbereitschaft erreichen. Wir sind gespannt auf den gemeinsamen Prozess«, resümiert der BID-Vorsitzende.

Na endlich! Seit fast eineinhalb Jahren diskutiert die Stadt über den Verkehrsversuch auf dem Anlagenring. Wohlgemerkt: ohne konkrete Fakten. Letztlich hat das zu teils abstrakten Debatten geführt, denen ab jetzt die Grundlage fehlt. Denn mit der Vorzugsvariante der »Planersocietät« liegen die Fakten auf dem Tisch. Sie zeigen Stärken, Schwächen und Perspektiven des Versuchs auf. Und sie machen deutlich, an welchen Stellen noch gearbeitet werden muss. Wie immer man zu dem Versuch steht: Jetzt lässt sich endlich auf einer soliden Grundlage darüber reden. Und es ist gut, dass mit Alexander Wright jemand die direkte Verantwortung übernimmt. Keine einfache Sache bei einem derart polarisierenden Projekt, das natürlich auch scheitern kann . Stephan Scholz

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