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»Wir brauchen Ernährungswende«

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Viele Ideen: Lokale Ernährungswende-Initiativen haben sich und ihre Projekte im Rathaus vorgestellt. Foto: Schwaeppe © Schwaeppe

Die Stadt Gießen möchte den Anteil bio-regionaler Lebensmittel in Kitas und Schulen erhöhen. Zugleich ist klar, dass Ernährungsfragen untrennbar mit dem Klimaschutz verbunden sind

Gießen. Möglichst nachhaltig, regional, vielfältig und im besten Fall noch ökologisch - so sollte die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Zukunft aussehen. Stichwort: Ernährungswende. Auch in Gießen und Umgebung beschäftigen sich Menschen aus Zivilgesellschaft, Hochschule und Politik intensiv mit diesem Thema. Sichtbares Zeichen dafür war nun ein Netzwerk-Treffen im Rathaus, zu dem der Gießener Ernährungsrat, das Umweltamt sowie die Justus-Liebig-Universität eingeladen hatten. Impuls-Vorträge und ein »Markt der Möglichkeiten«, auf dem sich lokale Initiativen und Projekte wie »Foodsharing«, »Solidarische Landwirtschaft« und »Urban Gardening«-Gruppen vorstellten, lockten zahlreiche Interessierte an.

»Wir brauchen die Ernährungswende«, betonte Dr. Susanne von Münchhausen vom Ernährungsrat Frankfurt in ihrem Einführungsvortrag. Diese sichere den Zugang für alle Menschen zu guten Lebensmitteln, schone das Klima und erhalte Wertschöpfungsketten vor Ort. Gerade lokale Initiativen wie die Ernährungsräte trügen zu einer Sensibilisierung der Bevölkerung bei - deutschlandweit gibt es rund 70, drei davon in Hessen.

Vielversprechend sei hierbei der Ansatz der Ko-Innovation durch lokale Netzwerke. »Um Herausforderungen vor Ort anzupacken, ist es sinnvoll, Perspektiven und Kompetenzen verschiedener Akteure bei der Lösungsentwicklung einzubringen«, sagte von Münchhausen. Eine besondere Rolle komme dabei der Außerhausverpflegung von Kindern zu, da hier eine große Hebelwirkung für bioregionale Nachfrage zu erwarten sei.

Stadt Gießen in besonderer Verantwortung

Dies bestätigte auch Stadträtin Astrid Eibelshäuser, die Städte und Kommunen in besonderer Verantwortung sieht. Denn in Schulen und Kindergärten entfalte die Ernährungswende großes Potenzial: Bundesweit werde dort sozusagen »ein Millionenpublikum« erreicht. In Deutschland besuchen rund 8,4 Millionen Schülerinnen und Schüler allgemeinbildende Schulen, davon 3,5 Millionen im Ganztag. «In Gießen essen Tag für Tag rund 2300 Kinder in den Kitas und rund 1700 Mädchen und Jungen in den Grundschulen«, berichtete Eibelshäuser. Hinzukämen noch rund 3500 Jugendliche der weiterführenden Schulen. »Wir stehen als Stadt Gießen in einer öffentlichen Verantwortung und sollten Qualitätsstandards setzen, die unterschiedlichen Zielen gerecht werden.« Es gehe zum einen um gesunde Ernährung für unsere Kinder, zum anderen um agrar- und klimapolitische Aspekte, verdeutlichte Eibelshäuser. »Ernährungsfragen sind untrennbar mit den Fragen zum Klimaschutz verbunden - nach einem Bericht des Weltklimarates aus dem Jahre 2020 sind bis zu 37 Prozent der gesamten globalen Treibhausgasemissionen auf das globale Ernährungssystem zurückzuführen.« Daneben spielten auch soziale Aspekte sowie das Erlebnis beim gemeinsamen Essen eine wichtige Rolle. Bei den Standards greife die Stadt Gießen als Schulträger auf die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zurück. Auf den Speiseplänen stehen mehr Gemüse, Obst und Vollkornprodukte, aber dafür weniger Fleisch. Auch sollen wenig bis keine vorverarbeiteten Produkte eingesetzt werden. Eine weitere Maßnahme gemeinsam mit den Caterern sei die Reduzierung von Verpackungsabfällen und die Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Hier sei vor allem eine gute Kommunikation zwischen Caterer und Schulen notwendig.

»Unser Ziel ist es darüber hinaus, sukzessive den Einsatz von bio-regionalen Lebensmitteln in allen Mensen zu erhöhen«, kündigte Astrid Eibelshäuser an. In diesem Jahr soll der Anteil dieser Lebensmittel in der Schul- und Kitaverpflegung 30 Prozent betragen. Gießen nimmt mit der Grundschule Gießen-West und der Herderschule an einem Pilotprojekt der Ökomodellregion Lahn-Dill-Gießen teil. »Die Herderschule und bald auch die Grundschule Gießen-West werden mit Gemüse und Kartoffeln aus regionalem Anbau beliefert.«

Insgesamt sind an dem Pilotprojekt mit dem Namen »Nah. Land. Küche« acht Schulen und sechs Großküchen aus dem Lahn-Dill-Kreis und dem Landkreis Gießen beteiligt, wie Projektmanagerin Marie-Charlotte Zeibig erklärte. Bis zum Ende der Laufzeit - bis Ende 2023 wird das Projekt vom Land Hessen gefördert - sollen Wertschöpfungsketten aufgebaut werden, um die Nahrungsmittel der landwirtschaftlichen Betriebe in der Region auf die Teller von Schülerinnen und Schülern zu bringen.

Erfolg mit Dinkelnudeln

Erfolgreich war das Projekt zum Beispiel bei der Entwicklung und Implementierung einer Dinkelnudel. »Dinkelanbau und -verarbeitung, Nudelherstellung und Vermarktung laufen vollständig in regionalen Wertschöpfungsketten ab«, weiß Zeibig. Neben den beiden genannten Gießener Schulen sind auch das Studentenwerk Gießen und der Verpflegungsbetrieb Zaug mit »Tischlein Deck Dich« Teil des Projekts.

Am 23. Februar um 17.30 Uhr laden der Ernährungsrat, die Stadt Gießen und die JLU erneut zu einer weiteren gemeinsamen Veranstaltung ins Rathaus ein. Dann geht es um »Nachhaltig genießen - gutes Essen für große und kleine Weltverbesserer und wie man drüber redet«. Vorrangig geht es auch um die Verbesserung der Gemeinschaftsverpflegung in Stadt und Kreis.

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Susanne von Münchhausen Foto: Schwaeppe © Schwaeppe

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