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»Wir helfen auf jeden Fall«

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Mit Spendengeldern hat die Jüdische Gemeinde Gießen unter anderem ein Krankenhaus in der Nähe von Mariupol unterstützt.

Gießen. Anfang März. Als sich abzeichnet, dass ukrainische Flüchtlinge auch nach Gießen kommen werden, startet die Jüdische Gemeinde Hilfsaktionen und einen Spendenaufruf. Mittlerweile haben »wir einen Generator für eine kleine Klinik in einer kleinen Stadt in der Nähe von Mariupol gekauft. Wir haben Medikamente in die Ukraine geliefert, die zum Beispiel bei Erkrankungen der Schilddrüse oder Diabetes eingenommen werden müssen«, sagt Vorsitzender Dow Aviv. Amtskollegin Marina Frankfurt ergänzt, dass »wir normalerweise am 8./9. Mai das Kriegsende gefeiert haben. Das haben wir in diesem Jahr abgesagt, weil es unethisch gewesen wäre. Stattdessen verteilen wir Blumen.«

»Vernetzung hat geklappt«

Zusammenarbeiten. Von Anfang an ist das ein wesentlicher Grundgedanke der Gemeinde im Zusammenhang mit der Hilfe für die Ukraine. Und es funktioniert: »Die Vernetzung hat geklappt. Wir stehen in Verbindung mit den Serviceclubs oder anderen Vereinen und nehmen Kontakt miteinander auf, wenn es beispielsweise Fragen gibt oder Wohnungen gesucht werden«, erzählt Aviv. Zudem verfügt die Gemeinde über ein besonderes Maß an Sprachkompetenz. Denn viele Mitglieder stammen aus der Ukraine oder der ehemaligen Sowjetunion. Verbirgt sich darin auch ein Konfliktpotenzial? »Wir bemühen uns, hier keine politischen Diskussionen aufkommen zu lassen. Die Stimmung unserer einzelnen Mitglieder ist sehr unterschiedlich«, berichtet Frankfurt. Aviv pflichtet bei: »Wir haben hier eine ganz klare Haltung: Wir sind gegen den Krieg. Es ist ein No-Go, was Putin und das russische Militär in der Ukraine machen.« Welche Meinung Menschen zu dem Geschehen hätten, hänge häufig auch sehr stark von ihren Informationsquellen ab. Zudem würden die Positionen anderer relativ leicht übernommen. »Aber offene Konflikte haben wir hier nicht«, betont der zweite Vorsitzende.

Es seien kaum Verwandte aus der Ukraine bei Gemeindemitgliedern angekommen, erläutert Frankfurt. »Es gibt vielleicht zehn oder 15 Besucher«, so die erste Vorsitzende. Dennoch habe man insgesamt für einige »gute Hilfe« geleistet, nicht nur durch die Lieferungen in die Ukraine. Aviv: »Wenn Familien hier aufgenommen werden, unterstützen wir sie aus dem Spendentopf.« Es gebe eine Grenze, aber »wir helfen auf jeden Fall«. Die Resonanz auf den ersten Spendenaufruf der Gemeinde Anfang März sei sehr gut gewesen. Man verfüge über eine Reserve, aber »dadurch, dass sich der Krieg in naher und mittelfristiger Zukunft wahrscheinlich fortsetzt, wären wir sehr, froh, wenn die Spenden weiter fließen«, formuliert Aviv. Die Gemeinde führe eine »sehr strenge Buchhaltung« und sei in der Lage, gegenüber jedem Spender Rede und Antwort zu stehen. Auch sei es natürlich möglich, eine Spendenquittung auszustellen.

45 Prozent aus der Ukraine

Schon Anfang März hatte Vorstandsmitglied Simon Beckmann darauf verwiesen, dass rund 45 Prozent der Juden in Deutschland aus der Ukraine stammten. Seinerzeit war Beckmann von 5 000 bis 15 000 jüdischen Kriegsflüchtlingen ausgegangen,

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