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»Wir müssen sensibel sein«

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Zeichen für Frieden: Die Schulen in Gießen - wie hier die Ostschule - positionieren sich mit zahlreichen Aktionen gegen den Krieg in der Ukraine. Auch im Unterricht sind die Ereignisse Thema. © Ostschule

Der Krieg in der Ukraine beschäftigt auch die Schulen in Gießen. Berichtet wird von viel Unterstützung, aber auch von Überforderung.

Gießen . »Die Ostschule sagt ›Nein‹ zu Krieg« - unter diesem Motto steht das Video, dass die Gesamtschule jüngst auf der Plattform »YouTube« hochgeladen hat. Schüler und Lehrer haben sich aus Protest gegen Wladimir Putins Überfall auf die Ukraine an den Fenstern und auf den Terrassen der Schule versammelt. »Krieg kann und darf kein Mittel der Politik sein«, lautet ihre klare Forderung. Entstanden ist der kurze Clip im Rahmen der Schweigeminute, die hessenweit in den Schulen stattgefunden hat. Ausschnitte aus dem Video, das mittels einer Drohne gefilmt wurde, wurden tags darauf bei »logo!« gezeigt, der Nachrichtensendung des Kinderkanals von ARD und ZDF.

Für die jungen Leute sei die Videoaktion eine Möglichkeit gewesen, mit der eigenen Hilflosigkeit umzugehen, verdeutlicht Schulleiter Dr. Frank Reuber im Gespräch mit dem Anzeiger. Bereits am Tag davor hatten sich Schüler und Lehrer zu einem überdimensionalen Peace-Zeichen im Schulhof aufgestellt. Außerdem würden sowohl Schüler als auch Lehrer für die Opfer des Krieges Spenden sammeln.

Der Angriffskrieg mitten in Europa wirkt sich auch auf den Unterricht in der Stadt Gießen aus. Denn die Kinder und Jugendlichen haben Gesprächsbedarf. An der Ostschule habe man daher direkt nach Kriegsbeginn versucht, der Situation und den Fragen der Schüler Raum zu geben, so der Schulleiter. Die Lehrkräfte wurden mit Material ausgestattet, um den Unterrichtsablauf kurzfristig ändern zu können. Wie die Lehrer mit den Schülern über den Krieg sprechen, sei dabei ganz unterschiedlich und hänge von den Fragen der Schüler ab. »Das geht von ›Wie geht es den Menschen dort?‹ über ›Ich habe Angst vor einem Weltkrieg‹ bis hin zur Frage, was passiert, wenn eine Bombe auf ein Atomkraftwerk fällt«, verdeutlicht der Schulleiter.

Auch an der Herderschule haben die Schüler viele Fragen - und auch Ängste. Ein Mädchen etwa, erzählt Schulleiter Stefan Tross, habe sich in der Vergangenheit mit Freunden in der Ukraine zu Online-Videospielen verabredet. »Die Kinder mit persönlichen Kontakten machen sich jetzt natürlich riesige Sorgen.« Aber auch wer keine Menschen in der Ukraine oder in Russland kennt, sei mit der Situation teils »heillos überfordert«.

Für die Älteren sei die Angst im Kalten Krieg beinahe normaler Alltag gewesen, für die Kinder heute jedoch »außerhalb des Vorstellungsbereiches. Man wurde ja über Nacht damit konfrontiert«. Wenn seitens der Kinder und Jugendlichen Redebedarf besteht, wollen Tross und seine Kollegen daher Mathe auch einfach mal Mathe sein lassen.

Gleichzeitig müsse man aufpassen, dass sich in der Schulgemeinde keine Gräben auftun, betont Tross. Denn auch an der Herderschule gibt es Schüler mit russischen Wurzeln. Diesen dürfe man nicht die Schuld an Putins Angriffskrieg geben.

Normalität ermöglichen

Mit der steigenden Zahl der Flüchtlinge werden über kurz oder lang auch Schüler aus der Ukraine in Gießen in die Schule gehen. Durch die Flüchtlingskrise 2015 seien die entsprechenden Mechanismen installiert, sagt der Leiter der Herderschule. Er habe bereits eine Anfrage erhalten: Eine Oberstufen-Schülerin mit Deutschkenntnissen. Man sei bemüht, ihr zeitnah die Teilnahme am Unterricht - und damit auch ein Stück Normalität - zu ermöglichen.

Die benachbarte Alexander-von-Humboldt-Schule steht laut Leiter Markus Koschuch bereits »auf Stand-by«. Zwei Deutschintensivklassen gibt es derzeit, in denen die Kinder circa ein dreiviertel Jahr lang Deutsch lernen, ehe sie in den Regelunterricht wechseln. Aktuell besuchen 22 Kinder den Intensivunterricht, weitere zehn Plätze sind vorhanden. »Bei uns ist auch noch Luft nach oben, wir könnten noch eine dritte Klasse aufmachen.« Durch den Bürgerkrieg in Syrien hatte man schon einmal eine dritte Deutschintensivklasse eingerichtet. Koschuch ist zuversichtlich, dass auch die Aufnahme von Kindern aus der Ukraine gut ablaufen wird.

Im Schulalltag versucht man an der Mittelstufenschule derweil, den Krieg nicht zu intensiv zu diskutieren. »Wir gehen mit dem Thema sehr besonnen um«, sagt der Schulleiter. Wenn die Kinder Fragen haben - etwa zur Krim oder dem Donbass - beantworte man diese altersgerecht. »Wir müssen auch sensibel sein mit Blick auf die russischen Kinder. Ihnen geht es in dieser Situation auch nicht gut.« Man versuche daher, das Geschehen möglichst wertneutral darzustellen und spreche beispielsweise auch nicht von »den Russen«, sondern von »Herrn Putin«.

An der Martin-Buber-Schule versuchen die Lehrer den Krieg so aufzugreifen, dass sich die Schüler handelnd damit auseinandersetzen können, berichtet Schulleiterin Dr. Gabriele Kremer. So hätten die Kinder etwa Friedenstauben gebastelt und von der Pausenhalle bis zur Grundstücksgrenze aufgehängt. An der Schule seien bislang zudem über 80 Hygienepakete für die Hilfsorganisation GAiN zusammengekommen. Ziel sei, dass die Schüler nicht angesichts des Krieges erstarren, sondern mit ihren Möglichkeiten Empathie zeigen und unterstützen können.

Besonders belastend sei die Situation für die Schüler, die selbst aus ihrer Heimat flüchten mussten - und von ihnen gibt es an der Martin-Buber-Schule einige. Damit sie nicht die ganze Härte des Krieges mitten in Europa mitbekommen, würden die Familien eher die Nachrichten des Kinderkanals schauen. Dass Schüler mit russischem Migrationshintergrund gemobbt werden könnten, erwartet Kremer indes nicht. Denn an der Schule für geistig oder körperlich behinderte Kinder sei eine Zuordnung untereinander zu Ländern oder Nationalitäten eher selten.

Zusätzliche Räume nötig

Die Martin-Buber-Schule ist die einzige Förderschule für geistig oder körperlich behinderte Kinder in Gießen und bereits jetzt überfüllt. Man wisse aus den bisherigen Flüchtlingswellen, dass insbesondere die vulnerablen Gruppen fliehen, sagt die Schulleiterin. Bislang gebe es allerdings noch keine Anfrage, ob ukrainische Kinder aufgenommen werden können. Falls Bedarf besteht, werde man aber wohl zusätzliche Räume benötigen.

An der Brüder-Grimm-Schule werden Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet. Den Eltern der Kleinsten wurde geraten, das Thema zu Hause nur dann aufzugreifen, wenn die Kinder danach fragen, sagt Schulleiterin Barbara Burggraf. Man merke im Unterricht, dass vor allem seitens der Erst- und Zweitklässler wenig Fragen kommen. Die Eltern schützen ihren Nachwuchs offenbar vor den schrecklichen Nachrichten.

Auf ihrer Website hat die Brüder-Grimm-Schule für Eltern und Schüler Informationen zusammengetragen: Links, die den Krieg kindgerecht erklären, aber auch Anlaufstellen für Beratung oder Spendenmöglichkeiten. In einer eigens angesetzten SV-Stunde haben die Klassenlehrer die Fragen der Schüler gesammelt und Raum für Gespräche gegeben. Weiterhin stehen die Schulseelsorge und Schulsozialarbeit bereit, damit Schüler über ihre Ängste sprechen können. Die Brüder-Grimm-Schule wird übrigens schon bald die ersten ukrainischen Flüchtlinge in der Schulgemeinde begrüßen: Zwei Geschwister sind laut Barbara Burggraf bereits angemeldet worden. Weitere Familien hätten angefragt.

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