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Wir schaffen das nur gemeinsam

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»Auf uns wartet zähes Arbeiten«, sagt Schulamtsleiter Norbert Kissel. Zugleich fordert er eine sachliche Ursachenforschung darüber, warum unter anderem schriftsprachliche Kompetenzen an Bedeutung verloren haben. Symbolfoto: dpa © Red

Der Gießener Schulamtsleiter Norbert Kissel macht sich in einem Gastbeitrag seine persönlichen Gedanken zur schwindenden Kompetenz von Viertklässlern im Lesen, Schreiben und Rechnen.

Gießen. Kinder im 4. Schuljahr können nicht in gewünschtem Maße lesen, schreiben und rechnen - das Ergebnis einer Studie und ein weiterer Beleg eines bereits vor Corona zu beobachtenden Trends, der Eltern, Schulen und Entscheidungsträger große Sorgen macht und unmissverständlich zum Handeln aufruft. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Studie: Empörung. Und sogleich beginnt die Suche nach den Schuldigen. Wer hat denn wieder mal versagt und vor allem: Wer kann für dieses Versagen belangt werden?

Es sollte auch in der öffentlichen Diskussion mehr um eine sachliche Ursachenforschung gehen und die daraus zu entwickelnden Lösungen. Natürlich wird auf diese Ergebnisse reagiert. Bildungspolitisch wäre hier beispielsweise die Initiative »Deutsch als Bildungssprache« zu nennen. Dazu gehören:

verpflichtende Vorlaufkurse,

zusätzliche Deutsch- und Übungsstunden in der Grundschule,

Teilnahme an der bundesweit vernetzten und wissenschaftlich begleiteten Initiative BISS,

Grundwortschatz mit Handreichung zur Stärkung der Rechtschreibkompetenz,

verbindliche Festlegung einer verbundenen Handschrift (SAS oder VA),

ein Fehlerindex in den Klassen 9/10,

verstärkte Leseförderung, Lesemotivation und Lektüreempfehlungen,

perspektivisch: ein Kompetenzzentrum Bildungssprache unter anderem mit der Kompetenzstelle Orthografie und die grundlegende Verankerung in allen Phasen der Lehrerbildung.

Ebenso unstrittig ist, dass die Schulen längst engagiert mit entsprechenden Konzepten und Initiativen der schwindenden Kompetenz im Schreiben, Lesen und Rechnen entgegenwirken. Nur: Das kann Schule alleine nicht wieder hinbiegen!

Natürlich werden in der Öffentlichkeit zunächst die Lehrerinnen und Lehrer unserer Schulen in den Fokus gerückt, und viele wissen aus der eigenen Kindheit zu berichten, dass man früher in der Schule viel besser gelehrt und gelernt und bessere Ergebnisse erzielt habe. Da ging’s noch strenger zu, da waren pädagogische Persönlichkeiten oder Zauberkünstler am Werk, die den Kindern Vorbild waren, die sie noch begeistern konnten. Und die Kinder, die waren folgsam und lernwillig...

Sehen wir einmal von dieser verklärenden Sicht auf die Vergangenheit ab, ist zunächst festzustellen: Kinder waren noch nie so medial übersättigt wie heute. Das unterscheidet sie ganz klar von früheren Generationen. Und diese Übersättigung prägt auch ihr Lernverhalten. Das (in der Regel zweidimensionale) »Digitale« in unserer Welt stellt sich zunehmend gleichwertig neben die analoge Realität und prägt die Wahrnehmung dieser Realität entscheidend mit. Das birgt Risiken. Eines dieser Risiken nennen einige bereits »Digitale Verblödung«.

Es besteht kein Zweifel: Wer satt ist, hat keinen Hunger. Wer geistig zugemüllt wird mit sinnlosen Inhalten aus der Produktpalette der Medienindustrie, hat keine Lust mehr zu lernen - da kann sich eine Lehrkraft bemühen, wie sie will. Die andere Seite der Medaille der Digitalisierung, die weniger glänzende, sollte uns im Interesse unserer Kinder deshalb mehr beschäftigen als die polierte Schauseite.

Wenn mit Pinsel und Farben malen, gemeinsam singen und musizieren und mit den eigenen Händen basteln, Theaterspielen, gemeinsam Sport treiben, ein Buch lesen, sich ohne Display zu unterhalten im Bewusstsein der Gesellschaft zunehmend als Tätigkeiten aus einer überholten Welt von gestern angesehen werden, ignoriert man, woraus sich die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit und eines konstruktiven Sozialverhaltens speist.

Corona ist ja an vielem schuld, aber an dieser Misere nicht. Denn die Ausfälle in der Zeit des Lockdown sind nicht die Ursache für die zu beklagende mangelnde Grundkompetenz - Corona wirkt nur kontrastverstärkend, legt einige Wunden offen.

Als der Buchdruck vor 500 Jahren die Kommunikation revolutionierte, gehörten Lesen und Schreiben zu den notwendigen Schlüsselkompetenzen, um dieses Medium nutzen zu können. Zur verbalen Kommunikation in Präsenz traten, nun auch für die einfachen Menschen besser nutzbar, die erweiterten Möglichkeiten, über die Distanz hinweg zu kommunizieren. Damals entstanden deshalb die ersten öffentlichen Schulen.

Heute entwickeln wir uns durch die Nutzung der digitalen Medien mehr und mehr zurück zu einer Kommunikation über Bilder beziehungsweise Bildsymbole oder kommunizieren verbal via Telefon. Das heißt: Schriftsprachliche Kompetenz hat an Bedeutung verloren. Entsprechend weniger wird sie auch von jungen Menschen genutzt (Wer schreibt denn heute noch Liebesbriefe mit der Hand?). Damit fehlt die Übung. Aber Schreiben, Lesen und auch Rechnen ohne Übung, das geht halt nicht.

Unsere sogenannte Wissensgesellschaft macht sich zunehmend abhängig von selbsternannten Experten (unter ihnen viele Lesekundige), tauscht sinnlose Satzbausteine und Emoticons aus, ist mit der Beherrschung einer kommunikativen Rumpfkompetenz zufrieden, weil Apps den Rest übernehmen. Ja, ich überzeichne.

Wir haben vor so vielem Angst, aber unsere Manipulierbarkeit und damit der Verlust von Selbstbestimmung durch den Verlust von Lese- und Schreibkompetenz, die schleichend und kaum zu bemerken Einzug in unser Leben halten, sollten wir stärker mit hinein nehmen in unsere allgemeine Zukunftsangst.

Man darf doch mal fragen: Welchen Menschen haben wir denn vor Augen, wenn wir an die kommenden 50 Jahre denken? Einen lesenden, wachen und kritischen Menschen? Oder einen App-abhängigen Digitaljunkie?

Nachdem Schule immer gefragt wird, was sie gegen die Defizite zu tun gedenkt, erlaube ich mir an dieser Stelle die Frage: Was gedenken denn Eltern, in ihrer Erziehungsverantwortung dagegen zu tun? Ja, gewiss, wir leben in einer Leistungsgesellschaft und haben viel weniger Zeit als früher. Und in der Tat: Alles kostet Zeit. Den medialen Konsum seiner Kinder im Blick zu behalten, kostet Zeit und sogar Nerven. Denn hier muss man auch schon mal Grenzen setzen. Eltern wissen von schier unfassbaren Reaktionen ihrer Kinder zu berichten, wenn das flimmernde Spielzeug zeitweise entzogen werden soll. Aber, ist es die Mühe nicht wert?

Medienerziehung ist nicht möglich, ohne das Aufzeigen klarer Grenzen. Wie viele kleine Kinder kennen noch so etwas wie eine Gute-Nacht-Geschichte? Wie viele dagegen spielen sich am Abend mit digitalem Mist in den Schlaf? Weil fürs Vorlesen keine Zeit ist? Wofür ist denn Zeit?

Ich verdamme die fast unbegrenzten Möglichkeiten digitaler Werkzeuge überhaupt nicht, zumal sie zu unserem Alltag gehören und deren Beherrschung in nahezu allen Berufen wie selbstverständlich verlangt wird. Aber digitale Werkzeuge leisten bei maßloser Verwendung einen erheblichen Beitrag zur beklagten Misere. Und es scheint für Eltern immer schwieriger zu sein, dem entgegenzuwirken.

Kinder können im Durchschnitt zunehmend schlechter schreiben, lesen (und auch rechnen). Das hat gesamtgesellschaftliche Ursachen. Unsere Gesellschaft muss sich fragen, ob sie mit dem Fehlen von Kernkompetenzen künftig auskommen möchte oder ob sie jetzt handelt.

Der Pädagoge Adolf Reichwein hat den Begriff der »mobilisierten Erziehungsgemeinschaft von Elternhaus und Schule« geprägt und beklagt, dass diese Gemeinschaft nur unzureichend existiere. Er schlägt deshalb vor: »Stetige Arbeit im Kleinen und Kleinsten, aber immer aufs Große und Wesentliche gerichtet« (Schaffendes Schulvolk, 1937). Reichwein wünschte sich eine »Nation von Selbstdenkern« - und musste die Gleichschaltung im Nationalsozialismus erleben.

Ja, sie existiert auch nach fast 100 Jahren noch immer nicht oder nur rudimentär oder partiell, diese mobilisierte, das heißt aktive Erziehungsgemeinschaft. Es wird keine Bildungsrevolution geben, es wartet nur zähes Arbeiten auf uns. Elternhaus und Schule sind in enger Kommunikation und Kooperation (geht auch analog) - das ist für mich die einzige Lösung!

Heißt: Wir schaffen das nur gemeinsam - Schulen mit einer ambitionierten Medienbildung und Eltern mit einer klaren Vorstellung von Erziehung.

Norbert Kissel ist Leiter des Staatlichen Schulamtes für den Landkreis Gießen und den Vogelsbergkreis. In diesem Gastbeitrag schildert er seine persönlichen Gedanken zum IQB-Bildungstrend - aus der Erfahrung als Amtsleiter, Schulleiter und Lehrer.

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Norbert Kissel Archivfoto: Wißner © Red

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