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»Wir sehen uns als Ermöglicher«

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Laura Schäfer und Alexander Klein in dem Domizil der Jungen Kirche in der Löberstraße. © Schepp

Ein Jahr nach ihrem Einzug in die Lukaskirche hat sich die Junge Kirche Gießen etabliert. Alexander Klein und Laura Schäfer sind hier Ansprechpartner für junge Christen.

Gießen. Das ist kein Werbespruch, ist keine Pflichtaussage: »Sie ist ein Geschenk.« Begeistert-empathisch kommen diese Worte aus dem Mund von Jutta Becher, als sie nach der »Jungen Kirche Gießen« gefragt wird. Jutta Becher muss es wissen. Denn sie ist die Pfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG). Und dadurch arbeitet sie intensiv mit der Jungen Kirche zusammen. Doch bevor das Verhältnis zwischen den beiden Kirchengemeinden näher beleuchtet werden soll, sind ein paar Informationen über die Junge Kirche notwendig.

Wichtig ist einmal zu wissen, dass es diese Form der Seelsorge nur in fünf Städten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gibt. »Zusammen mit Darmstadt sind wir die kleinste Gemeinde davon«, berichtet Alexander Klein, der Stadtjugendpfarrer der Protestanten an der Lahn. Seit 2015 ist Klein in dieser Funktion tätig. Er war zuvor zehn Jahre lang Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Watzenborn-Steinberg. Von dort kommt auch Laura Schäfer, die ihm seit Juni 2020 als Dekanatsjugendreferentin zur Seite steht. Quasi zwei Geburtshelfer aus Pohlheim.

Wer sich mit der Jungen Kirche in Gießen beschäftigt, sollte auch wissen, wo sie beheimatet ist. Denn das ist schon der erste Luxus, der sie auszeichnet. Angesiedelt ist die Kirche in der Löberstraße 4 direkt an der Wieseck. »Nur 100 Meter zum Berliner Platz«, merkt Klein an. Damit also direkt im Zentrum der Universitätsstadt, und dennoch in ruhiger Lage nahezu versteckt. »Den Kirchturm sieht man erst, wenn man ein gutes Stück weit weg ist«, muss Laura Schäfer schmunzeln.

Hier gehört ein kleiner historischer Abriss in den Text. Denn die Junge Kirche hat das Gebäude der Lukasgemeinde übernommen, das in den Jahren 1952/53 erbaut wurde. Die Lukaskirche ist inzwischen ein hessisches Kulturdenkmal. Zur Geschichte der Lukasgemeinde könnten Seiten gefüllt werden. Hier sei nur darauf verwiesen, dass sie über Jahrzehnte ein sehr spannungsreiches Verhältnis mit der EKHN verband. Inzwischen wird die benachbarte Johanneskirche mitgenutzt und gehört die Lukasgemeinde mit der Pankratiusgemeinde zur Gesamtkirchengemeinde Gießen Mitte.

Die Junge Kirche nahm 2018 dankbar das Angebot der Lukasgemeinde an, in ihren angestammten Räumen ein festes Domizil zu beziehen. Zuvor sei man eher, berichtet der Stadtjugendpfarrer, ähnlich den Nomaden von einer Gießener Kirche zur anderen gezogen. Nach umfänglichen Renovierungsarbeiten kümmern sich Klein, Schäfer und ihre zahlreichen Helferinnen und Helfer offiziell seit dem 1. Januar 2021 von der Löberstraße aus um die jungen Christen protestantischen Glaubens, die ihre Konfirmation hinter sich haben. Ein eigens entwickeltes Logo mit einer dunkelroten Grundfarbe wirkt zusätzlich identitätsstiftend.

Natürlich habe es am Anfang Konkurrenz-Befürchtungen aus anderen Gemeinden gegeben, die dort ungern die jungen Mitglieder ziehen lassen wollten, gibt Klein zu. Aber in einem »Prozess mit den Gemeindepfarrern« habe man das Angebot der Jungen Kirche für die Gläubigen im Alter zwischen 15 und Mitte 30 entwickelt. Bester Beleg für die gedeihliche Zusammenarbeit ist für Alexander Klein die Finanzierung der Modernisierung der Lukaskirche samt Nebenräumen. Von den Kosten von rund 100 000 Euro war ein Drittel durch Spenden kalkuliert gewesen. »Davon ist der größte Teil aus den Gießener Gemeinden gekommen. Und die Gemeinden unterstützen uns sehr«, sagt der Stadtjugendpfarrer. Laura Schäfer ergänzt: »Es sind viele Kooperationen mit den Gemeinden möglich.«

Aber erst einmal gilt dem Blick den hellen Räumen in der neuen Heimstatt, vornehmlich dem Kirchenschiff mit seinem bunten Fensterband, das gleichermaßen einen sakralen wie offenen Eindruck verbreitet, wozu die grauen Sessel (an Stelle der gewohnten Kirchenbänke) erheblich beitragen.

Ebenso laden die Gruppen- und anderen Räume zu aktivem Tun ein, genau wie die kleine, aber heimelige Grünfläche hinter dem Haus. »Das hat einen modernen Anstrich, aber der Charakter der Kirche bleibt«, weist Schäfer aber unmissverständlich auf die Bestimmung des Gebäudes hin.

Nicht nur bei der Innengestaltung haben die nach Aussage des Duos rund 50 ehrenamtlich aktiven Jugendlichen jungen Erwachsenen ihre eigenen Vorstellungen umgesetzt. Auch bei den Inhalten und Angeboten seien die Teens und Twens federführend. »Wir sehen uns eher in der Rolle der Ermöglicher«, beschreibt es Klein. Die Freiheit, die die Lukasgemeinde dem Führungsteam gewährt habe, wolle dieses auch den jungen Gläubigen gestatten. »Sie dürfen machen, was sie wollen. Dieses Vertrauen muss man haben«, sagt der Pfarrer, nicht ohne zu ergänzen, dass dieses bislang nicht enttäuscht worden sei. Er bekräftigt: »Die jungen Leute können Dinge entwickeln, die für sie und ihren Glauben relevant sind.«

Laura Schäfer nennt die Hauptattribute der Jungen Kirche: »gemeinschaftlich - offen - bunt«. Man verstehe die Kirche als Ort, »wo ich mit meinen Glaubensfragen hinkommen kann. Und die Gottesdienste müssen etwas mit uns zu tun haben.« Zu dem »mit uns« trägt bei, dass die Dekanatsjugendreferentin mit ihren Lebensjahren in die Altersspanne der Gläubigen fällt. Schäfer legt aber auch Wert auf die Feststellung: »Wir sind keine Insel, sondern im Dekanat die Anlaufstelle für junge Leute, wir gehören zu den Gemeinden dazu.«

Dass sich die Junge Kirche etabliert hat, lässt sich an den Angeboten ablesen. Einige Beispiele: Mittwochs lädt das »JuKi Cafe« ein, alle vier Wochen ein Brunchgottesdienst »Eat. Pray. Laugh.« Ein Musical-Projekt (»Tolle Ranzen«) ist in der Entwicklung. Nicht zu vergessen das Konfi-Camp mit allen Gießener Gemeinden, bei dem rund 300 Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Gießen samt 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unter einen Hut gebracht werden sollen.

Aus den Reihen der Gemeinde kam schließlich der Vorschlag einer »Konfi 2.0«, um die bei der Konfirmation behandelten Themen noch einmal aufzufrischen. »Die Formate müssen langsam wachsen«, hat Laura Schäfer festgestellt und verweist auf die Entwicklung einer eigenen Kirchen-Band, während Alexander Klein ein Jahr nach der offiziellen Eröffnung merkt: »Die Schlagzahl wird höher.«

Das gemeinsame Ziel bleibt. Der Stadtjugendpfarrer bringt es auf den Punkt: »Wir müssen die Arbeit so gestalten, dass es den jungen Leuten nicht peinlich ist, Freunde hierher mitzubringen.«

Bliebe noch die Verbindung zur Hochschulgemeinde. Jutta Becher erläutert die Kooperation: »Wir haben in der Henselstraße keinen Raum für Kirche so wie hier. Und hier ist ein Ort, der unkompliziert ist. Die jungen Leute fühlen sich sofort wohl.« Wie schon erwähnt, kein Werbespruch, keine Pflichtaussage, aber, wenn man so will, ein ganz dickes Kompliment.

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