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»Wir sind für Euch da«

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Vor dem kleinen Altar und der Meditationsecke im Versammlungsraum der ESG schauen Jutta Becher (links) und Doris Kreuzkamp optimistisch in die Zukunft. © Schepp

40 000 Studierende gibt es in Gießen und für alle, egal welcher Konfession, ist die Evangelische Studierendengemeinde mit Jutta Becher und Doris Kreuzkamp da - auch in Krisenzeiten.

Gießen. »Essen schmeckt gut.«. Das sei seit vielen Generationen von Studenten und Studentinnen in Gießen die gängige Umsetzung des Kürzels »ESG«, berichtet Studierendenpfarrerin Jutta Becher. Korrekt wiedergegeben bedeutet es Evangelische Studierenden Gemeinde, ESG. Und wenn sich jetzt beim Lesen die Mundwinkel nach oben bewegt haben sollten, muss kein schlechtes Gewissen folgen. In Zeiten von Ukraine-Krieg und Corona-Pandemie nehmen für viele Studierende elementare Bedürfnisse, egal ob geistiger, seelischer oder ernährungstechnischer Natur, einen wichtigen Stellenwert im Leben ein.

Das kann in einer Stadt wie Gießen nicht als Randaspekt betrachtet werden. Denn bei rund 80 000 Einwohnern sind 40 000 Studierende (an Justus-Liebig-Universität und Technischer Hochschule Mittelhessen mit ihren Dependancen) schon ein gehöriger Batzen. »Wir haben deutschlandweit den größten Studierendenanteil im Blick auf die Bevölkerung«, stellt Jutta Becher fest. Wobei offen bleibt, ob jetzt Lokalpatriotismus oder die damit verbundene Verantwortung für die christliche Arbeit in der in Henselstraße 7 beheimateten Institution in der Aussage mehr mitschwingt. Denn die ESG ist für alle 40 000 Köpfe im Universitätsbereich zuständig, egal welcher Konfession. Und wenn man so will, auch für die rund 5000 Angestellten der verschiedenen Forschungs-, Lehr- und Verwaltungsinstitute.

Für alle Konfessionen

Wenig verwunderlich, dass die drei hauptamtlich angestellten Kräfte der Gemeinde dadurch mitten im Leben stehen. Und genauso wenig überraschend, dass der Ukraine-Krieg für eine einschneidende Zäsur gesorgt hat. »Wir waren relativ ungläubig, dass das wirklich stattfindet«, blickt Jutta Becher auf die Tage Ende Februar zurück. Doch sei die Hilfe schnell angesprungen. Man sei sofort an der Aktion der Jungen Kirche in Gießen, mit 1000 Hygiene-Päckchen die Not in der Ukraine zumindest etwas zu lindern, beteiligt gewesen.

Das Angebot, den Versammlungsraum in der Henselstraße als Notquartier für geflüchtete ukrainische Menschen zur Verfügung zu stellen, musste nicht umgesetzt werden. Doch wurde ein Zimmer im Haus frei geräumt. In diesem lebt jetzt eine ukrainische Mutter mit ihrem 22-jährigen gehbehinderten Sohn. Dazu muss man wissen, dass im ESG-Domizil auch drei Wohngemeinschaften mit Studierenden leben. »Das ist ein guter Mix und läuft wirklich gut«, berichtet Doris Kreuzkamp, die schon 36 Jahre in der Gemeinde angestellt ist und dort als Referentin für Internationales, Bildung und Beratung arbeitet. Pfarrerin Jutta Becher hat seit fünfeinhalb Jahren ihre berufliche Heimat in der Henselstraße.

Durch ihre langjährige Tätigkeit ist Doris Kreuzkamp mit vielen Kirchengemeinden vernetzt und findet die Situation nach dem russischen Angriffskrieg »hochdramatisch«. In Verbindung mit JLU und THM schaue man, welche Bedarfe es gebe und versuche Hilfe zu leisten. »Vielleicht machen wir auch wieder Nachhilfe-Angebote, um Deutsch zu lernen«, sagt die Referentin, die auf die große psychische Belastung hinweist, die der Krieg mit seinen Folgen auch bei vielen jungen Menschen im 2000 Kilometer vom Geschehen entfernten Hessen auslöst.

Belastend seien aber auch auf den ersten Blick nur nebensächliche Auswirkungen, merken die ESG-Verantwortlichen an. So hätten die Studierenden besonders unter den aktuellen Preissteigerungen für Lebensmittel sowie den (durch die Corona-Pandemie) geringer gewordenen Job-Angeboten zu leiden. Mit Hilfe von Kirche und öffentlicher Hand versuche man hier und da Abhilfe zu schaffen. »75 000 Euro im Jahr gehen dafür über meinen Tisch«, berichtet Kreuzkamp, weist aber im gleichen Atemzug darauf hin, »Das reicht für die Einzelnen nicht aus.«

Dabei waren Becher, Kreuzkamp und ihre Mitstreiter schon einmal froh, dass nach zwei Jahren im universitären Lockdown vor wenigen Tagen wieder ein Präsenzsemester gestartet ist. »Da ist mir das Herz gehupft«, freut sich die Referentin über die wiedergewonnenen Perspektiven. »Nichts geht über Live-Begegnungen«, ergänzt die Studierendenpfarrerin mit Nachdruck und verweist auf das Motto für das Sommersemester: »Nix wie raus!«

Jetzt seien auch wieder neue Aktivitäten seitens des vielköpfigen Teams möglich. 20 bis 25 Personen bilden den engen Kreis der Studierenden Gemeinde, sehr oft musikalisch geprägt, rund 80 junge Leute zählen zum weiteren Umfeld. Hier besteht ein sehr enger Kontakt zur Jungen Kirche in der nicht weit entfernten Löberstraße und der dortige deutlich größere Kirchenraum wird gerne mitgenutzt. Organisatorisch steht den ESG-Mitarbeitern ein siebenköpfiger Rat vor, der sich sehr international präsentiert. Neha aus Nepal sowie Joel aus Kamerun und Hassan aus Syrien sind Teil des Gremiums.

Die Arbeit der Haupt- und Ehrenamtlichen bringt Jutta Becher auf einen kurzen Nenner. »Wir wollen Begegnungsraum herstellen. Und wenn wir uns in einem Beziehungsraum befinden, dann kann auch Gott eintreten.« Die daraus entstehenden Angebote sind in der Regel evangelisch, aber auch ökumenisch geprägt.

Dass die Umsetzung dieser Vorgaben in den vergangenen zwei Jahren nicht einfach gewesen ist, leuchtet ein. Zwar habe man wie die gesamte ESG »alles auf online umgestellt«, berichtet Becher, und sei schnell an Grenzen gestoßen. Wer sich schon acht Stunden und mehr online mit seinem Studium beschäftigt habe, wolle nicht auch noch das ESG-Programm auf diese Weise erleben. Doch der Frust wich bald der Kreativität. »Uns fällt schon immer etwas ein. Und Studis sind sehr findig«, blickt die Seelsorgerin zurück. Kleinere Teams, Outdoor-Veranstaltungen (dafür stand auch der ebenfalls fußläufig gut zu erreichende Garten der Evangelischen Propstei Oberhessen in der Lonystraße zur Verfügung), Stadtspaziergänge, Kanu- und Kletter-Gottesdienste - das sind einige Beispiele für das neue ESG-Leben. Neue Wege waren aber auch bei den spirituellen Veranstaltungen genauso wie bei der Behandlung von gesellschaftlichen Fragen angesagt. Doris Kreuzkamp weist auf den interessanten Effekt hin, dass viele Ex-Studierende wieder den (virtuellen) Weg zu ESG gefunden hätten.

Dennoch sei es eine »Riesenherausforderung für alle« gewesen, sagt die Gemeinde-Referentin. Sie habe, meist telefonisch, viele Beratungsgespräche zur psychischen Situation der Studierenden geführt. Und die Vereinsamung sei überall deutlich spürbar gewesen.

Verlorene Jahrgänge

Hierbei zeigt sich Jutta Becher überrascht, dass dies in der gesellschaftlichen Wahrnehmung kaum aufgetaucht sei. »Da haben Signale von der Politik gefehlt«, sagt die Pfarrerin, beispielsweise, dass die Universitäten gar nicht auf den Online-Betrieb ausgerichtet gewesen seien. Das seien zwei »verlorene Jahrgänge«, bedauert Becher., und blickt auch auf die aktuellen Erstsemester: »Die jungen Leute wissen gar nicht, was auf sie zukommt.« Deshalb sei eine besondere Hinführung zum Uni-Alltag unabdingbar.

Auch wenn das Leben in der Evangelischen Studierenden Gemeinde wieder ähnlich wie vor 2020 angelaufen ist rund um den Versammlungsraum im Erdgeschoss mit seinem kleinen Altar und seiner spirituellen Ecke - es stehen neue Herausforderungen an. »Da passieren Dinge, die gegenläufig sind«, meint die Studierendenpfarrerin den Umstrukturierungsprozess in der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau, der unter dem Begriff »EKHN 2030« firmiert. Dazu muss man wissen, dass die Studierenden Gemeinde direkt dem Kirchenpräsidenten in Darmstadt unterstellt ist.

Kürzungen befürchtet

»Der Prozess ist für uns etwas undurchsichtig«, so Becher. So seien ja bereits die vormals zwei Seelsorger-Stellen der ESG auf eine reduziert worden; und wenn Doris Kreuzkamp in den Ruhestand gehe, werde es statt einer ganzen nur noch eine dreiviertel Referenten-Stelle geben. Weitere finanzielle Kürzungen müssten befürchtet werden, was eine Einengung des Angebots und der Arbeit nach sich ziehen würde. Über allem schwebe die Sorge, dass eine der vier ESGs (neben Gießen noch Frankfurt, Darmstadt und Mainz) geschlossen werden könnte. Deshalb schreibt Jutta Becher den Verantwortlichen ins Stammbuch: »Wenn ich die jungen Leute erreichen will, muss ich auch zu den jungen Leuten gehen!« Für ihre Arbeit sei wichtig zu vermitteln: »Wir sind für Euch da.«

Da darf der Hinweis nicht fehlen, dass auch in den Corona-Jahren das donnerstägliche Morgengebet (um 7.07 Uhr) mit anschließendem Frühstück nicht ganz ausgefallen ist: Für Interessierte gab es kleine Tüten zum Mitnehmen, die neben einer geistlichen Erbauung oder praktischen Anregung auch immer mit einem Croissant gefüllt waren. »Essen schmeckt gut«, das gilt auch in schweren Zeiten bei der ESG.

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