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»Wir werden derzeit überrannt«

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Von: Frank-Oliver Docter

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Meister Steven Kaminski instruiert die Auszubildende Sina-Maria Becker vor der Arbeit mit der CNC-Maschine. Foto: Docter © Docter

Die Gießener Schreinerei Kaminski vermeldet eine sehr gute Auftragslage, spürt aber auch den Fachkräftmangel. Der Inhaber und zwei seiner Auszubildenden geben einen Einblick.

Gießen . Wer Sina-Maria Becker (23 Jahre) und Tim Scheitler (20) zuschaut, wie beide in der Gießener Schreinerei Kaminski Plattensäge und CNC-Maschine bedienen, um Holzteile in die gewünschte Form zu bringen, könnte fast glauben, dass sie das schon immer getan haben. Jeder Handgriff sitzt, obwohl die beiden Auszubildenden erst im zweiten Lehrjahr auf dem Weg zum Tischlergesellen sind. Inhaber und Meister Steven Kaminski beobachtet das mit Wohlgefallen. Ab und zu gibt der 36-Jährige einen Hinweis, was die jungen Leute noch optimieren könnten, insgesamt aber zeigt er sich sehr zufrieden mit ihrem Kenntnisstand. Wie auch dem der zwei übrigen Auszubildenden des Schreinerbetriebs in der Max-Eyth-Straße. Gleich vier Tischler-Azubis innerhalb einer Firma ist etwas, was man heutzutage nicht mehr allzu häufig antrifft. Wie es dazu gekommen ist und was alle so an diesem Beruf fasziniert, erzählen sie im Rahmen der Handwerker-Serie des Gießener Anzeigers.

Junger Inhaber

Steven Kaminski ist mit seinen erst 36 Jahren noch ziemlich jung für einen Inhaber einer eigenen Schreinerei, die inklusive Büropersonal 20 Mitarbeiter hat. 2014 habe er den damals in Kleinlinden beheimateten und im Vergleich zu heute noch recht kleinen, über hundertjährigen Betrieb von seinem früheren Meister übernommen, erzählt der gebürtige Gießener. Die anfängliche Zahl von vier Beschäftigen wuchs rasch, nachdem er die drei Abteilungen Bauelemente/Montage, Möbel-/Ladenbau und Service/Reparaturen ins Leben gerufen hatte. Da der Platz in Kleinlinden irgendwann nicht mehr ausreichte, mussten andere Räumlichkeiten her und es folgten der Umzug auf das jetzige 4000 Quadratmeter große Gelände und der Neubau einer Halle für all die Mitarbeiter, Gerätschaften, Materialien und Fahrzeuge.

»Kein Büromensch«

Was hat die jungen Leute dazu bewogen, den Schreiner- beziehungsweise Tischlerberuf anzustreben? Noch dazu in einer Zeit, in der es Gleichaltrige meist eher zu einem Studium oder Bürojob hinzieht. »Ich wusste schon immer, dass ich kein Büromensch bin, sondern etwas arbeiten wollte, bei dem man die Hände benutzen kann«, erzählt Tim Scheitler. Nach bereits wenigen Tagen in einem Schulpraktikum, dass er ebenfalls bei Kaminski absolvierte, sei ihm klar gewesen: Das ist es, was er in Zukunft machen möchte. »Es hat mir so viel Spaß gemacht, auch mit den Kollegen«, sagt der 20-jährige Pohlheimer.

Bei Sina-Maria Becker lief der Einstieg dagegen sehr ungewöhnlich ab: »Ich habe meine Bewerbung per Social Media über Facebook geschickt, dass ich mich für eine Ausbildung zur Schreinerin interessiere«, berichtet die 23-Jährige. Zum Text hatte sie ein Foto gestellt, dass sie mit einer Flex-Säge und einer Schutzbrille zeigte. Steven Kaminski sah das und sei gleich auf sie zugekommen. Dass Becker, die in Hungen und Grünberg aufwuchs, die einzige Frau unter lauter Männern ist - abgesehen von einer Bürokauffrau im Sekretariat -, macht ihr nichts aus. »Ich habe mich gut aufgenommen gefühlt und bisher nur positive Erfahrungen gemacht«, erzählt sie.

Während manch andere Schreinerei händeringend und lange nach geeigneten Azubis sucht, ist das bei Kaminski nicht notwendig. »Wir sind die größte Schreinerei in Gießen und müssen nie suchen«, da sich immer wieder ausreichend Bewerber melden, um die Plätze zu besetzen, schildert der Inhaber. Bei der Auswahl sei ihm wichtig, dass jemand beim Probearbeiten Einsatz zeigt und »nicht in der Ecke steht« und auch »kein Problem damit hat, sich dreckig zu machen«. Darüber hinaus lege er Wert auf Eigeninitiative bei der Bewerbung. »Wenn jemand nicht dazu bereit ist, selbst anzurufen, und das stattdessen seine Eltern oder Großeltern tun lässt, weiß ich sofort, was los ist«.

Dennoch spürt auch er den Fachkräftemangel. »Die Akquise motivierter, fähiger und ausdauernder Gesellen ist schwer. Man merkt, dass körperliche Arbeit bei jungen Menschen nicht mehr beliebt und anerkannt ist. Das ist sehr schade, denn durch unsere modernen Maschinen ist technisches Know-how täglich gefragt und gefordert.«

Rückblickend auf seine eigenen beruflichen Anfänge, erinnert sich der 36-Jährige, in der Schule »nie gut« gewesen zu sein, »aber Arbeitslehre war mein liebstes Fach«. Und so war sein weiterer Weg quasi vorprogrammiert.

Über einen Mangel an Arbeit und Aufträgen können sich Steven Kaminski und seine Beschäftigten, die in Teams aufgeteilt sind, zur Zeit nicht beklagen. Ganz im Gegenteil. »Wie viele Handwerker werden wir derzeit förmlich überrannt«, sagt er. Es seien »um die 10 000 Haushalte in Gießen und Umgebung, die unsere Dienste in Anspruch nehmen«. Hinzu kommen Immobiliengesellschaften und Kommunen mit ihren Verwaltungen, die für ihre Mietwohnungen oder Liegenschaften einen Fachbetrieb wie die Schreinerei benötigen, falls etwa energetische Sanierungen anstehen. Und Fachfirmen sind nunmal sehr begehrt, wie jeder weiß.

Die Anfragen und Wünsche von Privatkunden reichen von kleinen Reparaturen, wenn beispielsweise ein Fenster kaputt ist oder eine Tür über den Boden schleift, über die Maßanfertigung von Möbelstücken oder deren Einpassung an die jeweiligen Wohnungsverhältnisse bis hin zum Einrichten von Geschäften mit Regalen und anderem. In den vergangenen Monaten seit Beginn des Ukraine-Kriegs hätten außerdem die Kundenanfragen stark zugenommen, weiß Kaminski zu berichten. »Doch egal, wie groß ein Auftrag ist, wichtig ist der gegenseitige Respekt zwischen dem Kunden und uns«, betont Kaminski. Und die Angestellten sollten »auch Spaß bei der Arbeit haben«, ist ihm wichtig.

Aufgaben per App

Auftragsakquise und Aufgabenverteilung an seine Beschäftigten - per App übers Smartphone erhält jeder im Voraus seinen Wochenplan - beanspruchen im Arbeitsalltag des Chefs inzwischen so viel Raum, dass »mir leider keine Zeit mehr bleibt, handwerkerisch tätig zu sein«, erzählt er. Was diese Arbeit selbst angeht, »bedauere ich das, körperlich aber nicht«, meint Kaminski mit einem Augenzwinkern. Denn natürlich kann es je nach Aufgabe schon ein ziemlich anstrengender Beruf sein. Zudem sei »die 40-Stunden-Woche im Handwerk schwierig«, schließlich kann man nicht einfach so nach einem Acht-Stunden-Tag alles fallen lassen.

Sina-Maria Becker und Tim Scheitler müssen als Auszubildende in den drei Jahren zwar alle Betriebsbereiche kennenlernen und sich mit Aufgaben wie etwa dem Programmieren der CNC-Maschine vertraut machen. Für welche Firmenabteilung sie zumeist tätig sind, können sie sich jedoch »selbst aussuchen«, sagt Steven Kaminski. Während Scheitler hier gerne mit einem Montage-Team vor Ort bei den Kunden unterwegs ist, mag es Becker am liebsten, in der Werkstatt neue Möbelstücke zu planen und anzufertigen. Beiden ist angesichts der Begeisterung, mit der sie bei der Sache sind, deutlich anzusehen, dass sie hier ihren Wunschberuf gefunden haben.

Als Schreiner beziehungsweise Tischler ist man im Bereich von Holzgewerbe, Ausbau und Innenarchitektur sowie Design tätig. Voraussetzung für die dreijährige duale Ausbildung, zu der auch der Besuch der Berufsschule gehört, sind entweder ein Hauptschulabschluss mit Berufsreife, ein Realschulabschluss (Mittlere Reife), Fachabitur oder Abitur. Das Bruttogehalt liegt im ersten Lehrjahr bei mindestens 725 Euro, im zweiten bei 825 Euro und im dritten bei 925 Euro. Mehr gezahlt werden kann immer. Hier wie auch in anderen Handwerksberufen gilt es, körperlich fit und belastbar zu sein. Technisches Verständnis und räumliches Vorstellungsvermögen sind genauso von Vorteil wie Teamfähigkeit und Geschicklichkeit. Nach Ausbildungsabschluss kann man als Geselle (Bruttogehalt 2600 bis 3500 Euro) arbeiten und im Laufe der Zeit seinen Meisterbrief erwerben, um womöglich irgendwann einen Betrieb zu gründen oder zu übernehmen. Je nach Schulabschluss sind auch weitere Qualifikationen wie zum Beispiel der Ausbilderschein oder als Techniker möglich. (fod)

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Der Auszubildende Tim Scheitler schneidet mit der Plattensäge Holzteile und Spanplatten zurecht. Foto: Docter © Docter

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