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»Wir wissen jetzt, was Krieg bedeutet«

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Sie gestalteten die Andacht: Dekan Andre Witté-Karp, Karin Amrhein, Olga Shostak, Marina Sagorski, Nina Barashkova, Anastaiia Kostohryz, Elenora Akchurina sowie Pfarrer Matthias Leschhorn mit dem Chor der Petruskantorei (im Hintergrund). Foto: Czernek © Czernek

Gießen (bcz).Zu einer außergewöhnlichen Friedensandacht lud die Petrusgemeinde ein. Ukrainischen Musikerinnen gestalteten am Freitag gemeinsam mit dem Kirchenchor der Gemeinde ein Stunde der Ansprache und des Gebetes. Die musikalische Leitung oblag Propsteikantorin Marina Sagorski, der diese Andacht eine Herzensangelegenheit war, denn sie und ihre Familie stammen aus der Ukraine.

So übernahm sie auch den Part der Dolmetscherin für die verschiedenen Textstellen und Redebeiträge. Eine ihrer Freundinnen, die Cellistin Nina Barshkova, gehört zu den vielen Geflüchteten, die mittlerweile in Deutschland leben. Nach der ukrainischen Nationalhymne intonierten sie gemeinsam eine wehmütige Melodie aus ihrer Heimat. Die Andacht wurde von vielen ukrainischen Künstlerinnen mitgestaltet, die zurzeit im Raum Gießen leben. Als Uraufführung führte der Chor, unterstützt von ukrainischen Musikerinnen, eine neue Vertonung des »Vaterunser« des Letten Rihard Dubra auf. Der Musiker hatte unter dem Eindruck des Krieges das Gebet der Christen neu vertont und es allen Chören kostenlos zur Verfügung gestellt.

Eingebettet in die Vielseitigkeit ukrainischer Musik gaben Dekan André Witte-Karp und Pfarrer Matthias Leschhorn gedankliche Impulse zum Thema Frieden. Wie unermesslich aktuell der Text «›’s ist Krieg« von Matthias Claudius auf einmal geworden ist, das zeigte Witte-Karp. Claudius, verfasste das Gedicht im Jahr 1778. Anstatt wie seine Zeitgenosse, benannte er das hässliche Gesicht des Gemetzels.

Bei den Fürbitten wurde auch Besuchern die Gelegenheit geboten, sich öffentlich zu äußern. So wurde etwa gehofft, dass die Menschen nicht die Zuversicht verlieren sollen und dass alle bald wieder nach Hause zurückkehren können. Aber auch große Dankbarkeit schwang bei den sehr persönlichen Erklärungen mit. So hieß es: »Wir fühlen, dass Ihr unsere Freunde seid.« Und: »Wir wissen jetzt, was Krieg bedeutet«.

Dies wurde in einem anschließenden Gespräch zwischen fünf Geflüchteten und Pfarrer Leschhorn weiter vertieft. Die Pianistin Olga Shostak fasste den Zwiespalt, in dem die Geflüchteten sich befinden, eindrucksvoll zusammen: »Wir leben in zwei Realitäten. Uns geht es hier gut, und dennoch fühlen wir uns schlecht. Wir spüren aber auch, wie stark wir sind und dass das Gute über das Böse siegen wird«. Als das Gewitter über die Petruskirche zog, zuckten viele Menschen unwillkürlich zusammen. Eine der Befragten sagte, dass sich so ähnlich auch die Explosionen angehört hätten. Sie hoffe, dass man zukünftig nur noch solche Töne bei einem Unwetter hören würde. So bot diese orchestrale Andacht in ihrer Vielfalt Trost und Zuversicht.

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