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Wissenschaft ist etwas Apolitisches

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Wissenschaft kann immer wieder Brücken bauen,ist Prof. Schreiner überzeugt. Symbolfoto: Sebastian Gollnow/dpa © Red

»Die großen Herausforderungen lassen sich nur technologisch und wissenschaftlich lösen«, ist Prof. Peter R. Schreiner überzeugt. In seinem Team an der JLU arbeiten auch Ukrainer und Russen.

Gießen. Peter R. Schreiner ist Professor für Organische Chemie am Fachbereich 08 der Justus-Liebig-Universität (JLU). Der aktuelle Vizepräsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker hat in seinem Forschungsteam neben zwei Ukrainern einen Russen im Team. Im Interview erzählt Prof. Schreiner über mögliche Konfliktpotenziale unter Kollegen und die künftigen technologischen Folgen für Russland.

Prof. Schreiner, woran forschen Sie in Ihrer Arbeitsgruppe konkret?

Wir arbeiten im Bereich der organischen Chemie, also der Chemie des Kohlenstoffs. Das beinhaltet auch die Chemie der Moleküle des Lebens. Wir versuchen, Strukturen zu herzustellen, die die Natur nicht hinkriegt und die somit oft außergewöhnliche Eigenschaften aufweisen. Unnatürliche Materialien kennt man ja viele, PVC für Abflussrohre zum Beispiel. Das ist kein natürliches Material, nützlich ist es aber trotzdem. Allerdings mit dem Nachteil, dass man es nicht mehr so leicht loswird. Wir versuchen also einerseits neue Moleküle zu machen, andererseits neue Reaktionen zu entwickeln. Das magische Wort hierbei ist »Katalyse«, also die extreme Erleichterung und deutliche Verbesserung chemischer Reaktionen, einhergehend mit sehr großer Energieersparnis.

Wie sieht das dann in der praktischen Forschungsanwendung aus?

Wir suchen neue Methoden, um Reaktionen einfacher und besser zu machen und haben dabei viel Neues entdeckt. Wir bearbeiten unter anderen seit langem auch an Nanodiamanten, also ganz kleinen Diamanten, die wir aus Erdöl gewinnen. Wenn Sie heute Ihr Auto volltanken, egal wie teuer das ist, da sind diese kleinen Diamanten im Sprit. In der Tat kann man einen Tropfen Erdöl oder Benzin nehmen und bestimmen, wo es herkommt, indem man sich die Verteilung der Nanodiamanten ansieht.

Ihr Forschungsteam besteht aus Forschern mehrerer Nationalitäten. Haben Sie auch Ukrainer im Team?

Ja, ich habe in der Arbeitsgruppe seit 1996 ukrainische Forscher/-innen. Davon ist aktuell einer geborener Russe. Das ist schon ein bisschen heikel. Ich habe momentan noch zwei weitere waschechte Ukrainer da, die nach anfänglicher Zurückhaltung inzwischen sehr mitteilsam geworden sind, weil sie sich natürlich unglaublich aufregen über das, was passiert. Die drei kommen trotzdem sehr gut klar miteinander. Das hat auch damit zu tun, dass das verbindende Element die Wissenschaft ist. Und das ist auch grundsätzlich meine Hoffnung, dass die Wissenschaft sich nicht vor diesen politischen Karren spannen lässt, sondern dass wir sagen: Die Wissenschaft ist etwas Apolitisches, auch wenn es viele nicht so sehen wollen. Wissenschaft dient der Wahrheitsfindung.

Kann denn die Wissenschaft dazu beitragen, neue Beziehungen aufzubauen?

Die Wissenschaft kann immer wieder Brücken bauen. Otto Hahn zum Beispiel hat in den späten 1950er-Jahren die Verbindung nach Israel wissenschaftlich wieder aufleben lassen, was letztlich dazu geführt hat, dass 1965 die diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen wurden. Hahn war Chemiker und hat die Kernspaltung entdeckt, wofür er 1944 den Nobelpreis erhielt. Deswegen ist meine große Hoffnung, dass die Wissenschaft die Brücke aufrechterhält.

Erleben Sie auch Ausgrenzung von Forscherkollegen aus Russland?

Als Vertreter des Präsidiums der Gesellschaft Deutscher Chemiker hatte ich heiße Diskussionen mit den Gesellschaftsvertretern anderer europäischer Länder. Einige haben alle russischen Wissenschaftler von der Teilnahme an Konferenzen ausgeschlossen. Das finde ich den falschen Weg. Wir müssen da sehr differenziert vorgehen. Wir sollten grundsätzlich skeptisch sein und natürlich niemanden unterstützen, der offenkundig Putin unterstützt. Aber auch jene anerkennen, und das sind sicherlich nicht wenige, die ihm und der Sache eben sehr kritisch gegenüberstehen.

Hatten Sie in den letzten Tagen einmal das Gefühl, dass Ihr Team sich spaltet?

Nein, es gibt keine Spaltung. Wir haben natürlich diskutiert und wenn es immer mal wieder knifflig wurde, habe ich die Diskussion auf das Inhaltliche und Wissenschaftliche zurückgezogen und dann waren alle wieder bei der Sache. Ich glaube, dass ganz tief drinnen die Hoffnung herrscht, dass man eine Meinung einerseits respektiert, aber dann auch gemeinsam an einem Strang zieht. Die Wissenschaft dient dabei als inhaltliche Klammer.

Haben Sie selbst Kontakte nach Russland, sowohl privat wie auch beruflich?

Ich hatte in meiner Laufbahn sieben oder acht russische Wissenschaftler und habe immer noch gute Kontakte nach Russland und war auch mehrfach vor Ort, dreimal auch an unserer Partneruniversität in Kasan. Ich habe einige russische Freunde, da diskutiert man natürlich auch intensiv. Diese Personen möchte ich schützen, da ich weiß, dass sie sehr systemkritisch sind. Zu deren Schutz kommunizieren wir nicht mehr per Mail, sondern über andere Wege.

Welche Folgen wird der Angriffskrieg auf wissenschaftlicher Ebene für Russland haben?

Herausforderungen wie der Klimawandel und die Digitalisierung sind nur technisch und wissenschaftlich zu lösen, das ist uns allen klar. Was jetzt passiert ist, dass die Ukraine aber auch Russland technologisch abgeschnitten werden. Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, dass Russland technologisch extrem zurückfallen und mit dem Westen überhaupt nicht schritt halten werden kann. Das wird dafür sorgen, dass sich dort viele technologische Entwicklungen um viele Jahre verzögern werden. Da merkt man dann auch ganz schnell die Auswirkungen der Sanktionen.

Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

Durch die Maßnahmen kann Russland beispielsweise nur sehr schwer Computerchips und technisch anspruchsvolle Bauteile importieren; es ist also nur eine Frage der Zeit, bis zum Beispiel der in einem so großen Land so wichtige Luftverkehr nicht mehr richtig funktioniert. Bei der Produktion vieler Güter, die meist auch viel Chemie erfordern (darunter auch viele Lebensmittel), werden sie von der Welt abgeschnitten. Das ist eine Entwicklung, die kaum einer so richtig realisiert hat. Russland wird um viele Jahre, wenn nicht um Jahrzehnte, in seiner Entwicklung zurückgeworfen. Das wird auch das Volk merken, da es die Information aus der Welt weiterhin erhält. Denn auch für Russland gilt, dass die großen Herausforderungen der Zukunft nur wissenschaftlich- technologisch gelöst werden können.

Foto: privat

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Prof. Peter R. Schreiner © Red

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