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Witze von oben nach unten

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»Humor-ismus« aus der Torte: Svenja (Amina Eisner), die Persönlichkeitsabspaltung im Cowboy-Dress (Germaine Sollberger) und ihr Publikum Püppi (Roman Kurtz). Foto: Wegst © Wegst

Premiere im Stadttheater: Die gewitzte Komödie »Café Populaire« widmet sich dem Thema Klassismus - ohne Theorielastigkeit.

Gießen. Svenja will ein guter Mensch sein. Also versucht sie, ihrem Umfeld mit Verständnis, Zuneigung und wohlwollenden Humor zu begegnen. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn gleichzeitig eine bösartige »Persönlichkeitsabspaltung« im Kopf sitzt, die vor allem am eigenen Fortkommen interessiert ist. So beginnt das Stück »Café Populaire«, das sich mit dem Klassismus auseinandersetzt, einer Theorie, die - kurz gesagt - im Treten von oben nach unten eine sozialpsychologische Massenbewegung erkannt hat. Doch was zunächst die Gefahr der trockenen Theorielastigkeit vermuten lässt, erweist sich bei der Premiere des Stücks im Kleinen Haus des Stadttheaters als ungemein pointierte, wendungsreiche und voller inszenatorischer Einfälle steckenden Komödie - ganz anders also als die mauen Witze Svenjas.

Studentin und Dienstleister

Die junge Frau (Amina Eisner) versucht sich als Hospizclown, steigt zu Beginn aus einer Torte und reiht fortan ein bemühtes Wortspiel an das nächste, um ihren »Humor-ismus« unter die betagten Hausbewohner zu bringen. Zur Seite steht der Absolventin einer Kunsthochschule dabei der sympathische, aber auch etwas tumbe Migrant Aram (Ali Aykar), der klaglos allerlei einfache Dienstleistungsarbeiten für sie verrichtet. Und dann ist da noch die betagte Altlinke und Hospizälteste Püppi (mit rheinischem Zungenschlag: Roman Kurtz), die mangels Familie nach einem aufrechten proletarischen Erben für ihr gut laufendes Café Zur Goldenen Möwe sucht. Das würde Svenja gerne übernehmen.

So weit die Ausgangslage dieser Geschichte von Dramatikerin Nora Abdel-Maksoud, die 2018 ihre Uraufführung in Zürich feierte und in Gießen von Regisseurin Franziska Autzen in Szene gesetzt wird. Das Publikum kann sich hier auf der kompletten Bühne (eingerichtet von Eylien König) verteilen und wie in einem echten Café an kleinen Tischen oder auf Barhockern Platz nehmen, während das Darsteller-Quartett direkt zwischen ihnen die vierte Theaterwand aufhebt und bisweilen auf einer kleinen, von Hand bewegten Drehbühne oder am Tresen zu erleben ist.

Vierte Figur im Bunde ist dabei eine autoritäre Stimme, die sich hartnäckig im Kopf Svenjas breit macht und von ihr den Namen »Der Don« verliehen bekommt. Der ist im Westernkostüm unterwegs und verkörpert eine zweite Seite der jungen Frau, die sie nur mühsam vor der Außenwelt verbergen kann. Mit dem Don (schön schneidig: Germaine Sollberger) melden sich Selbstsucht und Vorurteile lautstark zu Wort und geben vor allem die mühsam verborgene Verachtung des in der sozialen Hackordnung ganz unten stehenden Arams preis.

Womit wir beim motivischen Zentrum der Geschichte angelangt sind: Der Don sorgt manchmal für lustige Tourette-Ausbrüche Svenjas, vor allem aber macht er deutlich, was nach dem französischen Sozialphilosophen Pierre Bourdieu den Kern kleinbürgerlicher Existenzen ausmacht: »die Abgrenzung nach unten«. Diese Formulierung fällt in dem Stück ebenso wie manch andere im Stakkato vorgetragene Sentenz, über die sich längeres Nachdenken lohnen könnte.

Doch das ist nicht immer einfach. Denn in bisweilen rasendem Tempo schießen die vier bestens aufgelegten Darsteller ihre Sätze und Pointen ab, so dass man bisweilen nur mit Mühe hinterherkommt. Zum geistigen Durchschnaufen gibt es dann und wann ein kleines Musikstück, wenn Püppi etwa den »Sternenhimmel« nach Hubert Kah besingt oder Aram programmatisch den Pop-Klassiker »I’m a fool to do your dirty work no more« von Steely Dan anstimmt.

Nichts ist, wie es mal war

Damit dreht sich irgendwann neben der kleinen Bühnenmitte auch die gesamte Tonlage des zweistündigen Abends. Svenja versucht ihre Abspaltung in dem Griff zu bekommen, wie Shen-ze, Brechts guter Mensch von Sezuan, ihr böses zweites Ich Shui-ta. Der vermeintlich so pflegeleichte Dienstleistungsproletarier Aram erweist sich als studierter Werbepsychologe mit Hang zu bourgeoisen Hobbys und einer eigenen Agenda. Püppi schließlich muss feststellen, dass mit ihren glorifizierten Stahlarbeitern und Kohlekumpels längst kein proletarischer Staat mehr zu machen ist. Denn die Arbeiterklasse putzt nun Büroräume oder fährt Pakete aus.

In einem feinen Zwischenstück fallen dann alle Masken und Perücken. Die Schauspieler verlieren die Lust am rheinischen Singsang, an Definitionen von Klassismus, an der gesamten Rollenverteilung. So persifliert das Stück nicht nur seine Figuren, sondern auch sich selbst, um schließlich dem amüsiert zuschauenden Publikum noch einen Tritt mitzugeben: »Warum man hier so gut Witze über Arme machen kann?«, giftet die gehässige Svenja. Weil sie sich ein Ticket für dieses Stück »eh nicht leisten können.«

Nächste Vorstellungen: 16., 23., 28. Oktober.

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