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Wo Eminem auf Mozart trifft

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Von: Ursula Hahn-Grimm

Viel bejubelt war die Silvestershow »Was ich noch zu singen hätte....« im Stadttheater Gießen. Damit dürfte sich dieses neue Format für kommende Spielpläne etabliert haben.

Gießen. Intendantin Simone Sterr hat etwas wirklich Neues kreiert: Ein neues Format ist im Spielplan des Stadttheaters aufgetaucht und schon jetzt aus den Programmen kommender Jahre nicht mehr fortzudenken. Dabei handelt es sich eigentlich nur um eine Petitesse, »Was ich noch zu singen hätte - Die Silvestershow«, die in ähnlicher oder auch ganz anderer Form in vielen anderen Städten zu sehen sein dürfte. Aber eben in Gießen bisher noch nicht.

Dabei ist doch der Silvesternachmittag geradezu prädestiniert für anspruchsvolle Unterhaltung zum Jahresende. Dieser Meinung war auch das Gießener Publikum und strömte massenhaft in Parkett und Ränge - und wurde nicht enttäuscht.

Ausdrucksstark

Nachtgestalten begegnen sich am Silvesterabend an einer Bushaltestelle. Bei dem nächtlichen Reigen trifft Eminem auf Mozart, türkisches Chanson auf Wassermusik, Musical auf Liedermacher.

»Gute Nacht, Freunde« singt die formidable Schauspielerin Dascha Ivanova, die bisher schon in Jugendstücken und dem vieldiskutierten Stück »Hundepark« zu sehen war. Ausdrucksstark und ein wenig schnodderig interpretiert sie in ihrem kunterbunten Vogelkostüm den Abschiedssong von Reinhard Mey. Ganz allein, a cappella, stark. Die gleich danach einsetzenden Klänge aus dem Bühnenhintergrund stammen von den Musikern des Philharmonischen Orchesters Gießen, verborgen nur durch einen transparenten Vorhang. Endlich kein Orchestergraben, alle waren zu sehen, auch die Solisten Evgeni Genev (Keyboard), Stefan Schneider (Gitarre, Bass) und Alexander Ludwig (Schlagzeug).

Die musikalische Leitung hatte Vladimir Yaskorski, die szenische Leitung lag in den Händen von Kerstin Weiß, Bühne und Kostüme hatte der lang bewährte Lukas Moll kreiert, der glücklicherweise auch unter der neuen Intendantin am Stadttheater geblieben ist.

Wow, welch ein Ausblick, welch ein Bühnenbild. Zu den bewegten Klängen aus der 2. Suite der Wassermusik von Georg Friedrich Händel sieht man über dem beleuchteten Rathaus Wolken fliegen, dramatische Wolkenfetzen, mal hell, mal dunkel und bedrohlich. Wenig später der erste Auftritt des Opernchores, einstudiert von Jan Hoffmann: The Dance (Sonnenbichl) aus »From the bavarian Highlands«, komponiert von Edward Elgar (1857 bis 1934). Wunderbare Melodien, kraftvolle Stimmen, ein gut eingeübter Zusammenklang, Gänsehautfeeling.

Unterhaltung und Abwechslung lautet die Devise des Abends und so folgte auf diesen voluminösen Choral zunächst das kleine herzanrührende Solo »Snowman« - vorgetragen von Ben Janssen, der ganz beseelt mit einem Schneemann an der Bushaltestelle tanzt und nach dessen plötzlichen Verschwinden im Boden nur noch seine Karotten-Nase zurückbehält.

Ein elegantes Paar kommt an die Bushaltestelle, mimisch und gestisch in einen heftigen Streit verwickelt. Zelal Kapçik tritt vor, ergreift das Mikro und singt das bewegende türkische Lied »Yalnizlik Senfonisi«. Doch auch ihr Partner Levent Kelleli will nicht zurückstehen und macht seine Position mit dem Rap-Song »Lose yourself« von Eminem klar. Eine schöne Stimme ist zu hören, ein kraftvoller Auftritt.

Nach dem amerikanischen Rap und einer Musicalmelodie dann ein Ausschnitt aus der italienischen Oper »Rigoletto«: Die Sopranistin Annika Gerhards schmettert die hohen Töne wie mühelos in den Bühnenhimmel. Ganz hervorragend dann die Arie des Basssängers Clarke Ruth aus der Oper Don Giovanni. Jeder Beitrag wird vom Publikum mit einem Riesenbeifall gefeiert. Schließlich noch eine Steigerung: Zwischen düsteren Wolken zieht ein Adler seine Bahnen, der Platz vor der Bushaltstelle füllt sich mit Menschen, die meisten haben ein Banner der Frankfurter Eintracht dabei. Der Opernchor intoniert die »Champions League Hymne«, erneut Gänsehautfeeling, gerade noch einmal knapp am musikalischen Kitsch vorbeimanövriert - so war das von den Akteuren auch beabsichtigt.

20 Nummern

Immer wieder Überraschungen: In einem ganz anderen Sound als gewohnt erklingt der gute, alte Song von Klaus Lage »1000 mal berührt«, Sänger sind Ben Janssen und Clarke Ruth. Witzig und anrührend schließlich der Song »Silvester«, der punktgenau zum diesjährigen Jahreswechsel passt. Insgesamt enthält die Silvestershow 20 Nummern. Eine zweite Vorstellung fand um 19.30 Uhr statt.

Zum Schluss erscheint Simone Sterr auf der Bühne und freut sich über den nicht enden wollenden Applaus. Fürs nächste Jahr, meinte sie, brauche es nur einen guten Vorsatz: wieder ins Theater gehen.

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