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Wo jedes Dorf zur Festung wird

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Ein Supermarkt in der südostpolnischen Grenzstadt Przemysl wird kurzerhand zum Ankunftszentrum für ukrainische Flüchtlinge umgewandelt. © GAiN

Klaus Dewald vom Gießener Hilfswerk GAiN ist von einem Transport in die ukrainische Großstadt Rivne zurückgekehrt. Hier schildert er seine Eindrücke aus dem Kriegsgebiet.

Gießen. Derzeit brechen viele Hilfskonvois zur polnisch-ukrainischen Grenze auf, um die dort zu Zehntausenden ankommenden Kriegsflüchtlinge zu versorgen oder Hilfsgüter auf ukrainische Lastwagen umzuladen. Das in Gießen beheimatete Hilfswerk GAiN (»Global Aid Network«) geht noch ein bisschen weiter. Am vergangenen Mittwoch brachten zwei Lastwagen der Organisation Hygienepakete, Babynahrung, Zucker, Nudeln, Reis, Milch, Tee und andere Lebensmittel sowie Matratzen, Kissen, Laken und Decken in die ukrainische Großstadt Rivne, circa 300 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt und auf halbem Weg nach Kiew gelegen. In der Nacht zu Montag kehrten die beiden Fahrzeuge wohlbehalten nach Gießen zurück. Wir sprachen mit einem der beiden Geschäftsführer von GAiN, Klaus Dewald, der mit in der Ukraine war, über seine Eindrücke aus dem Kriegsgebiet.

Angst hat Dewald jedenfalls nicht gehabt. Er habe 2001 in Afghanistan, 2014 im Irak, aber auch in Haiti nach dem großen Erdbeben Schlimmeres gesehen als in der von der russischen Kriegsmaschinerie bislang weitgehend ausgesparten Westukraine. Gute Kontakte zu lokalen Behörden, die zeitnah über relativ sichere Routen informierten und die deutliche Kennzeichnung der Lastwagen als humanitärer Hilfstransport haben die GAiN-Mitarbeiter das Wagnis eingehen lassen.

Die Schrecken des Krieges zeigten sich in diesem Teil des Landes noch nicht durch zerstörte Städte, sondern in den Blicken und Erzählungen der Abertausenden, die derzeit aus den Kampfgebieten im Osten gen Westen strömen.

Nicht alle zieht es dabei ins sichere Ausland, viele hoffen, auch im Westen des großen Landes den Krieg überstehen zu können. Allein die tausend Mitglieder einer kleinen Kirchengemeinde in Rivne, zu der GAiN Kontakt aufgenommen hat, versorgen rund 2000 Kriegsopfer aus den schwer umkämpften Städten Charkow und Kiew.

Viel wichtiger als die Hilfsgüter auf den Ladeflächen der beiden Lkw seien deren deutsche Nummernschilder gewesen, berichtet Klaus Dewald. Dass deutsche Fahrzeuge zu ihnen kämen, sei für die Ukrainer ein wichtiges Symbol dafür, dass die Welt sie nicht vergessen habe.

Auch wenn die Westukraine auf den ersten Blick noch sehr friedlich wirke, seien es nicht allein die Checkpoints, die alle paar Kilometer die wenigen Fahrzeuge kontrollieren, die noch nach Osten fahren, und auch nicht die überall spürbare Nervosität und Furcht vor russischen Saboteuren, die zeigten, dass man durch ein Land im Krieg fahre.

Nahezu jedes Dorf links und rechts des Weges sei zu einer kleinen Festung ausgebaut worden. Oft hätten die Einwohner mit umgestürzten Erntefahrzeugen die Zufahrten blockiert, auch wenn solche improvisierten Barrikaden sicherlich ebenso wenig ein ernsthaftes Hindernis für russische Panzer seien wie die regelmäßig auftauchenden Stellen, an denen der Asphalt der Straße weggefräst worden sei. Allerdings hätten diese nur im Schritttempo passierbaren Wegstücke den engen Zeitplan des kleinen Konvois durcheinandergebracht, sagt Dewald.

Ebenso eindrucksvoll wie die große Solidarität unter den Ukrainern war für die Gießener die Hilfsbereitschaft der Polen. Ein riesiger Supermarkt in der südostpolnischen Grenzstadt Przemysl sei kurzerhand zum Ankunftszentrum für ukrainische Flüchtlinge umgewandelt worden, durch das pro Tag rund 45 000 Menschen geschleust würden.

Weniger gut ist Dewald dagegen auf die polnischen Grenzschützer zusprechen: »Ausreise aus der EU mit vollen Lastwagen? Kein Problem. Einreise in die Ukraine? Kein Problem. Ausreise aus der Ukraine mit leeren Lastwagen? Kein Problem. Aber vor der Rückkehr nach Polen haben sie uns sieben Stunden schmoren lassen.« Dass 50 Zöllner gerade mal vier Fahrzeuge pro Stunde durchgelassen hätten, ist für den GAiN-Chef schlicht nicht nachvollziehbar.

Entmutigt hat ihn das freilich nicht. Bereits am heutigen Mittwochmorgen ist er wieder mit vier Lkw vom Hilfsgüterlager der Organisation mit mehr als 60 Tonnen Ladung nach Rivne aufgebrochen. GAiN hat seit Kriegsbeginn mehr als 30 Hilfstransporte auf den Weg gebracht.

Wer die Organisation unterstützen will, kann das mit Sachspenden, aber auch mit Geld. Wichtig ist: GAiN nimmt derzeit keine Kleiderspenden an. Wichtig sind haltbare Lebensmittel und Konserven, vor allem aber Hygieneartikel. Noch wichtiger: Alle Spenden müssen in einem möglichst mit dem Inhalt beschrifteten Behälter stabil verpackt sein. Abgeben kann man sie im Lager für Hilfsgüter in der Siemensstraße 13.

Am wichtigsten aber sind Geldspenden. Allein die Spritkosten für jeden Transport sind hoch und steigen weiter. Das Spendenkonto von Global Aid Network (GAiN):

Volksbank Mittelhessen

IBAN: DE88 5139 0000 0051 5551 55; BIC: VBMHDE5F.

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giloka_1603_Ukraine-Fluec_4c_2 © Red

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