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Wohin mit all der Wut in der Welt?

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Harald Martenstein © C.Bertelsmann

Gießen. Wunden hinterlassen Narben, auch seelische. Der Journalist und Kolumnist Harald Martenstein erzählt davon in seinem Roman »Wut«. Am morgigen Freitag, ist er ab 20 Uhr mit seinem Buch im Zuge der Reihe »Leseland Gießen« zu Gast im Rathaussaal in Laubach . Wir haben vorab mit ihm über »Wut«, Putins Krieg und seinen vieldiskutierten Abschied vom »Tagesspiegel« nach einer kontroversen Kolumne gesprochen.

Ihr Roman »Wut« schildert Gewalterfahrungen einer lieblosen Kindheit, die viele Menschen Ihrer Generation erleben mussten. Hat die Fiktion Ihnen geholfen, eigene Erfahrungen zu verarbeiten?

Es ist in der Regel so, dass die Fiktion einem manches leichter macht. Zu bestimmten Erfahrungen braucht man Distanz. Ich hätte über dieses Thema vor 20, 30 oder 40 Jahren deshalb nicht schreiben können. Wenn Kinder Gewalt erleben, dann kommt diese Gewalt oft von Menschen, die dieses Kind liebt und von denen es geliebt werden will. Es kann gar nicht anders, als die Eltern zu lieben. Und das hört nicht auf. Egal, was passiert, ein Kind sehnt sich nach der Liebe der Eltern. Das unterscheidet Gewalt gegen Kinder von anderen Gewaltakten. Sie könne sich von einem bösartigen Partner distanzieren, sie können einen Schlussstrich ziehen.

Die kann man aus seinem Leben streichen.

Ja. Aber die Eltern kann man nicht aus seinem Leben streichen. Deshalb bleiben immer Narben zurück, die nur sehr schwer heilen.

Im Vorwort heißt es: »Dies ist ein Roman, keine Biografie und keine Reportage«. Ist diese Distanzierung ein Mittel der literarischen Verfremdung und des Spurenverwischens wie wir es etwa auch bei Umberto Eco oder Leo Perutz finden, die - genau umgekehrt - ihren Fiktionen durch Vorworte die Anmutung des Authentischen geben?

Ja, man verwischt Spuren. Ich suche als Autor damit auch den Ausweg in die Fantasie. Der Roman beginnt sehr realistisch. Später zeigt er, wie der Erzähler seine Erlebnisse durch die Flucht in ein Fantasiereich verarbeitet. »Ich mache mir die Welt so wie sie mir gefällt«, wie es so ähnlich bei Pippi Langstrumpf heißt. Das ist ein kindlicher Eskapismus, ein Fluchtreflex, den, wie ich glaube, auch viele Erwachsene noch haben. Dem, was man glaubt, nicht aushalten zu können, entkommt man durch die Fantasie, im Traum.

Ihr Protagonist schwelgt noch als Erwachsener in Rachefantasien. Glauben Sie, dass man mit Gnade, die ja immer eine Vergebung ist, die der andere eigentlich nicht verdient, Frieden finden und die Gewaltspirale durchbrechen kann?

Gnade ist für mich ein wichtiges, gutes Wort, ein christlicher Begriff, den man aber auch ganz allgemein als psychologischen Begriff verstehen kann. Jeder Mensch will in irgendeiner Weise Frieden finden. Es hilft manchmal, dem anderen zu vergeben. Im Hass findet man nie Frieden. Hass ist etwas Destruktives. Frieden zu finden kann gelingen, wenn man versucht, den Charakter des anderen zu verstehen. Deshalb erzähle ich auch die grausame Lebensgeschichte dieser Mutterfigur. Damit wird einiges klarer. Man kann verstehen, wie ein Mensch so werden kann. Und der Erzähler stellt sich die Frage, wie wäre er denn geworden mit einer solchen Lebensgeschichte. Dem Erzähler jedenfalls hilft das.

Hilft denn der deutlich liberaler gewordene Zeitgeist beim Überwinden der Gewalt?

Es ist ein großer Segen, dass Gewalt gegen Kinder heute nicht mehr zu den lässlicheren Sünden gehört. Ich gehöre noch zu der Generation, in der man in der Grundschule auch mal eine Ohrfeige vom Lehrer erhalten hat. Das wäre heute ein unglaublicher Skandal, damals hat kein Hahn danach gekräht. Da hat sich sehr viel getan und sehr viel zum Besseren. Allerdings gehöre ich auch nicht zu den Leuten, die glauben, dass man Gewalt und Hass vollständig aus der Gesellschaft verbannen kann. Das wird nicht gelingen. Aber heute ist es für Täter etwas riskanter geworden, Gewalt gegen Kinder auszuüben, und das ist eine sehr gute Sache.

Das scheint sich langsam auszuschleichen.

Den Eindruck habe ich auch. Da gibt es sicher Grund zur vorsichtigen Optimismus. In der Zeit als ich Kind war, hat man Gewalt gegen Kinder viel seltener bei der Polizei angezeigt. Ich schildere ja auch die Situation einer Familie, in der die Großmutter genau weiß, was passiert, sie aber doch eine gewisse Solidarität zu ihrer eigenen Tochter spürt und nichts sagt. Sie ist liebevoll zu dem Enkelkind und tröstet es. Sie findet das alles auch nicht gut, aber sie wäre niemals auf die Idee gekommen, die Übergriffe jemandem zu berichten.

Als Individuen tragen wir die Prägungen unserer Eltern, als Völker die Sünden unsere Vorväter. Putin laboriert am traumatischen Verlust imperialer Macht. Wie könnten wir - eine große Frage, ich weiß - die große Gewaltspirale durchbrechen die Existenz der Menschheit bedroht?

Wir lernen gerade, dass wir Gewalt niemals komplett verhindern können. Wir haben in der Illusion gelebt, dass die globale Welt aus Zusammenarbeit, Abmachungen und vernünftigem Verhandeln besteht. Aber das wird nicht immer so sein. Wir werden immer mit der Gefahr leben müssen, das an das Ruder eines mächtigen Staates eine hasserfüllte, aggressive Person kommt, die nicht nach den Regeln spielt. Diese Illusion - am Ende sind die Leute vernünftig - zerbricht gerade. Das wird gewaltige Konsequenzen haben, weil uns jetzt wieder klar wird, dass wir tatsächlich Abschreckung brauchen, auch militärische. Das haben wir ja ganz klein gespielt in den vergangenen Jahrzehnten. Wir brauchen Abschreckung. Wir müssen uns wehren können. Wenn uns jemand mit Gewalt droht, müssen wir sagen können: Du kannst uns den Buckel runterrutschen. Wir können uns wehren. Diese alte Erkenntnis wiederzugewinnen bedeutet eine große Wende.

Eine Zeitenwende?

Ja, das Wort ist wahrscheinlich nicht übertrieben. Es wird Konsequenzen für den Staatsetat haben. Und das wird Konsequenzen für andere Ziele haben, weil wir sie finanziell nicht alle gleichzeitig verfolgen können. Unabhängig davon, wie der Ukrainekonflikt zu Ende geht, haben wir jetzt eine schmerzhafte Lektion gelernt. Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass es immer friedlich zugeht.

Apropos Trauma haben Sie Ihres, als alter weißer gut verdienender Mann keiner Opfergruppe anzugehören, inzwischen überwunden? Sie gehören ja jetzt zu den Opfer woken Jakobinertums und identitärer Intoleranz - auch wenn Sie sich beim Tagesspiegel ja selbst gecancelt haben.

Das ist nicht unbedingt ein Trauma, sondern ein Los, das ich inzwischen mit vielen teile. Im Grunde war das Gecanceltwerden oder wie immer man es nennen will für mich halb so wild. Zuerst erschrickt man. Wie viele andere stellte ich dann fest, wer meine wahren Freunde sind. Es gab viel Solidarität, sehr viele Leserinnen und Leser, die den Kopf schüttelten und sagten: Die Jakobiner sind komplett verrückt geworden. Unterm Strich ist es für mich fast ein positives Erlebnis gewesen.

Sie haben mehr als die Hälfte ihres journalistischen Lebens dem Tagesspiegel gewidmet. War die jetzt vollzogene Trennung ein spontaner Beschluss oder das Ergebnis einer langen Entfremdung?

Ich bin da sicher seit einiger Zeit in einer Minderheitenposition gewesen. Wir haben vorhin über Illusionen gesprochen. Ich hatte die Illusion, dass man alle nennenswerten Meinungssegmente der Gesellschaft, sofern sie sich auf dem Boden der Verfassung bewegen, in so einer Redaktion haben möchte. Der Tagesspiegel ist ja eine Regionalzeitung. Eine Regionalzeitung kann kein Meinungsblatt sein. Nehmen Sie die TAZ oder auf der anderen Seite des Spektrums die »Welt«, das sind überregionale Zeitungen, die ein bestimmtes Lesersegment überregional ansprechen. Regionalzeitungen müssen aufgrund ihrer begrenzten Reichweite für alle da sein und für jedes Segment der Bevölkerung lesbar sein, innerhalb eines breiten Spektrums. Wenn sich eine Zeitung davon verabschiedet, begeht sie auf lange Sicht ökonomischen Selbstmord.

Ihre Generation - das schildert auch »Wut« - hat sich Freiheiten erkämpfen müssen, die für die nächsten Generationen selbstverständlich sind, und die sich deshalb mit Furor auf die Beseitigung von Ungerechtigkeit wirft. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ein Zauberwort dieser Generation heißt Mikroaggression. Man sucht nach kleinsten Verletzungen, solchen, die man nur unter dem Mikroskop erkennen kann. Dass diese kleinsten Mini-Verletzungen, die zu jedem Leben gehören, eine so große Bedeutung bekommen haben, ist ein Zeichen dafür, dass es dieser Generation bisher sehr gut gegangen ist. Ich habe das Gefühl, manche in dieser Generation suchen nach Pseudoproblemen, weil sie keine echten haben. Die meisten anderen Generationen hatten es mit massiven Aggressionen zu tun, nicht mit Mikroaggressionen. Was wir jetzt in der Ukraine sehen, ist nicht Mikroaggression. Das ist Aggression.

Ging es uns zu gut?

Das klingt mir ein wenig zu zynisch. Man wünscht ja allen Menschen, dass es Ihnen gut geht.

Glauben Sie, dass in der neuen Zeit, in der uns Putin klargemacht hat, dass unsere Freiheit alles andere als selbstverständlich ist, die Diskurse um Gendersternchen, Safespaces oder tabuisierte Worte für Schaumgebäck verstummen werden?

Nein das wird nicht verstummen. Es wird nur ein Stück irrelevanter und verliert an Bedeutung. Wir haben auch gelernt, wie brüchig diese Hülle der Freiheit um eine Gesellschaft sein kann. Alles kann von außen bedroht werden, so wie jetzt in der Ukraine durch einen Angriff. Die Freiheit kann aber auch von innen bedroht werden, durch Leute, die vollkommen intolerant sind. Deshalb müssen wir unsere Freiheit nach außen verteidigen gegen Aggressoren. Wir müssen unsere Freiheit aber auch nach innen verteidigen gegen Intoleranz und Engstirnigkeit.

Harald Martenstein, geboren 1953 in Mainz, ist Journalist und Autor. Seit 2002 schreibt er eine Kolumne für »Die Zeit«, die auch im RBB und im NDR zu hören ist. Er wurde mit dem Egon-Erwin-Kisch-, dem Henri-Nannen- und dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Karten für die Lesung gibt es für 12 Euro (ermäßigt 9 Euro) in der Buchhandlung Reinhard in Grünberg, bei »Buck’s Buch und Papierladen« in Hungen, im Laubacher Reisebüro, in der Buchhandlung Binernagel in Butzbach, in der Licher Reisewelt, bei der OVAG (06031/6848-1252) sowie im Kultur- und Tourismusbüro Laubach (06405/921321).

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