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Wohlvertrautes und neu zu Entdeckendes

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Virtuos mit vier Händen: Vincent und Sophie Neeb auf der Hessenbrückenmühle. Foto: Schultz © Schultz

Laubach. Echte Begeisterung löste das Klavierduo Sophie und Vincent Neeb am Sonntag in der Hessenbrückenmühle aus. Die jungen Virtuosen passten mit ihren Instrumenten zwar kaum auf die Bühne, erfüllten die Herzen der Zuhörer aber mit größter Freude. Ihr Programm mit Werken von Bach, Strawinsky, Mozart und Ravel musizierten sie mit bestechender Transparenz und mitreißendem Elan.

Letzteren bewiesen sie gleich ohne Umschweife mit ihrer fetzigen Umsetzung von Johann Sebastian Bachs Konzert für zwei Klaviere e-Moll BWV 1062 in drei Sätzen. Flott, fröhlich und kraftvoll ließen sie Elemente des Werks ineinanderfließen. Höhepunkt war der zweite Satz, fast träumerisch begonnen und mit ruhiger Beschwingtheit, fast bedächtig, fortgeführt. Die Neebs erfüllten vertraute Wendungen musikalisch mit neuem Leben.

Trotz ihrer Jugend errangen Sophie (geboren 2000) und Vincent (geboren 1998) Neeb bereits bedeutende Auszeichnungen. 2018 wurden sie Stipendiaten des Vereins Yehudi Menuhin Live Music Now. Sie studieren seit 2018 Klavierduo am Konservatorium Innsbruck.

Eine interessante Entdeckung war Steven Heeleins (Jahrgang 1984) Fragment für zwei Klaviere (Nachgedanken zu Mozart). Er habe »keine Ergänzung formuliert, sondern eigene Gedanken« sagte Neeb. Das blieb zunächst im Duktus vertraut, während die Geschwister offenkundig mit großer Freude musizierten. Ein paar freie, clusterähnliche Elemente lockerten das Geschehen auf, unterbrachen sogar den Erzählfluss - nur das Plätschern des Brunnens im Hof war dann zu hören. Man erlebte ein gutes Gefühl für die Gestaltung der dramatischen Momente: angespanntes Weitervorantasten, dann zugleich wieder träumerisch emotionales Geschehen.

Als Hauptwerk des Abends hatten sich Vincent und Sophie Neeb Igor Strawinskys Concerto per due pianoforti soli ausgesucht. Das erwies sich in den Händen der jungen Musiker als Musterbeispiel fantasievoller Vielfalt. Erst saftig und energievoll angegangen, folgten mancherlei kontrastierende Elemente wie etwa ein paar Blue Notes und weitere untypische Wendungen, die der einfallsreiche Komponist einstreute. Ein hochinteressantes Klangpanoptikum, aus dem das »Notturno« mit modernen Wendungen, gemischt mit diversen Stilrichtungen herausragte. Die Geschwister agierten präzise, hochdramatisch, ja leidenschaftlich und schufen eine wunderbare Mischung an Stimmungsschwankungen, die weit übers reine Klangschwelgen hinausging. Dabei wurde die Komposition förmlich plastisch sichtbar. Schließlich, aufregend, wurde ein massiver Klanggipfel errichtet und bestiegen.

War schon vor der Pause eine eigene Handschrift der beiden Instrumentalisten zu spüren, so wurde es danach beim eigenen Arrangement eines Auszugs von Mozarts Konzert für Klavier und Orchester C-Dur KV467 noch persönlicher. Neben süffiger Melodiosität herrschten eine bestechende inhaltlich Kongruenz und ein originelles Konzept; das fachkundige Publikum war teils aus dem Häuschen.

Zum Abschluss Maurice Ravels für zwei Klaviere geschriebene »Rapsodie espagnole«: Vincent und Sophie Neeb präsentierten die grandiose Mischung verschiedenster Tanzstile und Stimmungen mit größter Präzision, folgten jeder emotionalen Facette , ließen genau die richtige Form von Energie entstehen und die Zuhörer auf der Stuhlkante mitschwingen. Als Zugaben gab es noch zwei Brahms-Walzer, vierhändig, alles strahlte - ein toller Abend.

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