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»Wollen ein breites Bild zeigen«

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Die Uraufführung einer »körperlich intensiven Performance« ist zum Auftakt der aktuellen Spielzeit am Freitagabend zu sehen: das Stück »My body a stranger that protects me that kills me« der Kubanerin Maura Morales. Foto: Lena Bils © Lena Bils

Tanz am Stadttheater Gießen: Die Künstlerischen Leiter Constantin Hochkeppel und Caroline Rohmer im Gespräch über ihre Arbeit, ihr Ensemble und die erste Premiere.

Gießen. Vieles ist in dieser Spielzeit neu im Stadttheater - auch in der Sparte Tanz. Vor der ersten Premiere der aktuellen Spielzeit an diesem Freitagabend sprechen der Künstlerische Leiter Constantin Hochkeppel und die als seine Stellvertreterin und Tanzdramaturgin ebenfalls zu Beginn der Saison ans Haus gekommene Caroline Rohmer über ihre Ziele, ihr gerade zusammengestelltes Ensemble und die erste Spielzeitpremiere, die am morgigen Freitagabend gezeigt wird.

Constantin Hochkeppel, Jahrgang 1990, fand früh zu seiner Leidenschaft für die Körperkunst. Von seiner Mutter wurde er aufgrund seines Bewegungsdrangs »schon als Fünfjähriger in eine Tanzgruppe gesteckt«, wie er erzählt. Im gleichem Studio wurden dort Theaterkurse angeboten, so hat er beides für längere Zeit gleichzeitig ausprobiert. Als Jugendlicher folgte dann über die Schauspielrollen ein kurzer Ausflug in den Bereich Film und Fernsehen, für die er mehrfach vor der Kamera stand. »Das habe ich mit dem Beginn des Studiums dann aber wieder fallengelassen.«

Verbindung aus Tanz und Theater

Für seinen weiteren Weg suchte er »etwas, was Tanz und Theater miteinander verbindet«, und stieß auf das Physical Theatre an der renommierten Essener Folkwang Universität der Künste. Es ist ein »in Deutschland einzigartiger Studiengang«, wie er berichtet. Über vier Jahre wurden die Absolventen dort mit hoher Intensität darauf vorbereitet, eigene künstlerische Herangehensweisen auszuprobieren, Konzepte zu verwirklichen und in der Freien Szene zu arbeiten. Das Physical Theatre beschreibt der 32-Jährige als hochphysischen Stil, der »Spartengrenzen überschreitet oder eher noch verwischt«. Diese künstlerische Ausdrucksform bewege sich an der Schnittstelle zwischen Theater und Tanz, Performance, Artistik und Akrobatik und »hat mich sehr erfüllt«.

Nach dem Abschluss arbeitete Hochkeppel sechs Jahre lang von Köln aus freischaffend in der gesamten Republik - als Performer, Choreograph und Regisseur. Zudem gründete er mit der KimchiBrot Connection ein Tanzensemble, dessen Stücke mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurden. Sein Fokus verschob sich in dieser Zeit mehr und mehr auf Regie und Choreographie, so dass er sich entschied, erstmals eine Spartenleitung an einem festen Haus zu übernehmen - und nach Gießen kam.

Gründe dafür nennt er mehrere. Zum einen sei es spannend für ihn, mit Tänzern und Tänzerinnen auch schauspielerisch zu arbeiten. »Ich bin am ausgefeilten Umgang mit dem Körper interessiert. Wichtig ist mir aber auch, mit Haltung, Texten und Narration zu arbeiten.« So biete sich ihm am Stadttheater nun die Möglichkeit, ein Ensemble über mehrere Spielzeiten hinweg aufzubauen. »Diese Möglichkeit zu bekommen, über eine längere Strecke zu arbeiten, fühlt sich schön an«, bekennt er.

Hinzu komme die Infrastruktur des Hauses mit seinen Gewerken, den vielen Möglichkeiten der Bühne, auf die er nun für die künstlerische Arbeit zugreifen kann. Zudem biete sich ihm die Möglichkeit, eine Stadt intensiv kennenzulernen und zu erschließen, sich mit den Menschen auszutauschen, anstatt die eigenen Arbeiten an immer wieder wechselnden Orten zu zeigen. Seit Ende August lebt der Rheinländer nun in Gießen, hatte aber bislang noch keine Zeit, die Stadt zu erkunden, weil er gerade noch an einer wegen der Pandemie verschobenen Inszenierung am Kasseler Staatstheater beteiligt war.

Neue Formate der Vermitlung

Auf seine Stellvertreterin Caroline Rohmer stieß er zu Beginn des Jahres über eine Bekannte, die den Kontakt vermittelte. Die Dramaturgin beendete im Sommer ein Engagement am Theater Magdeburg und wollte zurück in die Region. Sie kennt Gießen bereits durch das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, hat in Leipzig und Frankfurt studiert und anschließend in der Freien Szene der Mainmetropole gearbeitet. Die Verbindung habe gleich gepasst, berichten sie. Etwa, weil sich beide in der Vorbereitung auf die neue Aufgabe »viele Gedanken über das Thema Vermittlung gemacht haben«.

In vielen Freien Häusern sei es gang und gäbe, neue Formate zu nutzen, um den Tanz allgemein zugänglicher zu machen, erzählt Rohmer. Das wollen sie nun auch am Stadttheater mit einer neuen Reihe ausprobieren, die im November starten soll. Unter dem Titel »Physical Introduction« könne man die Tänzer dann persönlicher kennenlernen, indem man mit ihnen im Bühnenraum zusammenkommt. Dann leitet etwa ein Ensemblemitglied eine Übung an, die sich an das choreographische Material des Stücks anlehnt. So können die Besucher manches auch selbst ausprobieren. »Es geht darum, sich mit dem Körper zu beschäftigen. Auch mit dem, den wir alle mit uns herumtragen«, erläutert die Dramaturgin.

Constantin Hochkeppel hört oft, dass es Ängste gibt, die Stücke inhaltlich zu verstehen. »Besonders im Tanz, wo es keine erklärenden Worte gibt.« Daher wolle man das Verständnis jenseits des intellektuellen Begreifens erleichtern. »Das Ding soll doch auch Spaß machen. Wir wollen dabei auch eine gewisse Leichtigkeit herstellen«, erklärt er. Gleichzeitig betont Caroline Rohmer, dass »wir auch eine politische Arbeit machen. Es geht hier nicht um Kunst für die Kunst, sondern hat immer auch einen Bezug zu unserer gesellschaftlichen Situation.« Im besten Falle solle das Publikum mit den Inhalten zum Weiterdenken animiert werden.

Das in seinen Inszenierungen zu entdeckende Physical Theatre begreift Hochkeppel als eine Art »Forschung am spielenden, tanzenden und sprechenden Körper«, eingebettet in ein Stück, das eine Narration transportiert. Die könne visuell, erzählerisch oder theatral ausfallen und solle »offen interpretativ sein«. Konkret nutzt er dafür Texte, die Tänzer sprechen und mit denen sie im schauspielerischen Sinne spielen. Doch der Rheinländer will vielen weiteren künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ebenso in Gießen eine Bühne bieten. »Das ist auch der Grund, warum wir die Sparte »Tanz« und nicht »Tanztheater« nennen. Weil wir unter dem Begriff viele Facetten sehen und zeigen wollen.« Mit den eingeladenen Gastchoreografen solle daher umfassend abgebildet werden, was Tanz alles sein kann. »Ich habe zwar mein eigenes künstlerisches Anliegen, bin da aber überhaupt nicht dogmatisch. Wir wollen hier ein breites Bild zeigen.«

Neues Ensemble mit neun Mitgliedern

Dafür musste nach dem Abgang von Ballettdirektor Tarek Assam ein neues Ensemble zusammengestellt werden. Drei der Tänzer sind geblieben: Emma Jane Howley, Magdalena Stoyanova und Floriado Komino. Um die weiteren sechs freien Stellen zu besetzen, gab es im Sommer eine Audition, für die rund 400 Bewerbungen aus aller Welt eingingen und 30 für eine zweitägige Vorstellungsrunde ausgewählt wurden.

Worauf wurde babei Wert gelegt? Es ging um die eigene Autorenschaft, erklärt Hochkeppel. »Alle mussten ein eigenes Solo entwickeln. Hinzu kam natürlich die tänzerische Technik, aber auch der Mut, sich schauspielerisch und sprechend auszudrücken.« Und schließlich gehe es auch um Ausstrahlung, Persönlichkeit, Durchlässigkeit, um nicht nur einer vorgegebenen Choreographie zu folgen, wie Caroline Rohmer beschreibt. Die Tänzer und Tänzerinnen sollen das Publikum berühren. Nun haben die Künstlerischen Leiter eine Auswahl getroffen. Im November kommen die letzten der sechs Neuzugänge hinzu und komplettieren das Ensemble, in dem acht Nationalitäten und auch ein Schauspieler vertreten sind. Ihnen solle auch Gelegenheit gegeben werden, selbst kreativ tätig zu werden und eigene Choreographien zu erarbeiten. Zudem sind für Hochkeppel und Rohmer die Produktionen nicht an die beiden Bühnen des Theaters »gefesselt und können durchaus auch im Stadtraum stattfinden«.

Tanz als Extremsport

Zum Auftakt der Saison am Freitagabend verspricht die Dramaturgin nun eine »sehr körperlich intensive Performance«. Mit der Kubanerin Maura Morales habe man eine Choreographin gefunden, die sehr physisch arbeitet und Tanz im Extremsinne betreibt - quasi als Extremsport«. Ihre vier Tänzerinnen erzählen dabei die Geschichte von individuellen Körpern, die damit kämpfen müssen, wie sie von außen gesehen werden«. Es gehe um Zuschreibungen, die stigmatisierend sein können und eine gewisse Form der Gewalt aufweisen, bis der Moment komme, an dem sie die Kraft entdecken, die sie als Gemeinschaft haben. Gezeigt werde das »in einer kraftvollen, physisch anstrengenden Art und Weise, so dass man den Atem und den Schweiß im Publikum spüren wird«.

Das Stück »My body a stranger that protects me that kills me« von Maura Morales feiert am morgigen Freitag um 20 Uhr seine Uraufführung im Kleinen Haus (ehemals taT-Studiobühne). Eine Einführung gibt es um 19.30 Uhr. Eine »Physical Introduction« wird dazu erstmals vor der Aufführung am 27. November angeboten.

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