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Wortakrobaten in der Manege

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»Sebastian 23« (v. l.), Jean-Philippe Kindler und Selina Seemann zogen ins Finale beim Poetry Slam auf dem Schiffenberg ein, wo schließlich die Dame die beiden Herren in punkto Wortgewalt auf die Plätze verwies. Foto: Felix Müller © Felix Müller

Fünf Poetry Slammer kämpften beim »Superbabbel Festival« in Gießen um die Gunst des Publikums.

Gießen. Am Montagabend waren es nicht die pompösen Lichteffekte, die krachenden Sounds, oder ausgeklügelten Choreographien, die die Zuhörer zum Gießener Kultursommer auf den Schiffenberg lockten. Nein, es waren Texte, Worte und damit verbundene Emotionen, die Gewicht hatten. Fünf Poetry Slammer kämpften beim Grand Slam Open Air um die Gunst des Publikums und zogen dabei alle Register.

Penis- und Vulva-Problematiken, eine Monopoly-Hasspredigt, ein verstörendes Babyschwimmen oder absurde Verschwörungs- und Zukunftsszenarien - es wurde viel geboten. Zu recht, denn auf den Gewinner sollten spektakuläre Preise warten, die wie üblich aus dem Publikum kamen. Diesmal unter anderem dabei: Eine Kartoffel, ein Sanifair-Gutschein oder ein grüner Glücksballon.

Wo ist die Mama?

Das »Superbabbel Festival« lockte ungefähr 400-500 Besucher auf das sonnendurchflutete Klostergelände. Mit dabei Gießens Stamm-Moderator Lars Ruppel, der wie immer lässig durch den Wettbewerb führte. Allerdings hatte dieser ein Problem. Er könne seine Mutter nicht finden. »Ich habe sie eingeladen, aber vergessen, sie auf die Gästeliste zu setzen. Wenn jemand eine Frau mit frecher, kecker Kurzhaarfrisur erspäht, bitte lasst sie auf das Gelände.« Eine Suche, die erfolglos bleiben sollte. Erfolgreich hingegen waren die antretenden Künstler Andy Strauß, Sebastian 23, Jean-Philippe Kindler, Selina Seemann und Lara Ermer. Mit viel Wortwitz, einer Prise Anarchie und ausladender Fantasie feuerten die Wortakrobaten aus allen Rohren. Eines ihrer auserkorenen Lieblingsziele: Christian Lindner.

Doch neben den recht gebräuchlichen Sticheleien gegen Politiker wurde es bei diesem Poetry Slam auch schlüpfrig. Lara Ermer widmete ihrer Gynäkologin einen ganzen Text und berichtete über Mysterien, die sich in einer Praxis abspielen - etwa die Umkleidekabine. »Dort gibt es einen Vorhang, den man zuziehen kann, während man sich auszieht. Wo ist der Sinn dahinter?« Ihre Vermutung: »Vielleicht mögen Ärzte den dramatischen Effekt, wenn der Vorhang aufgeht.«

Selina Seemann aus Kiel nahm ebenfalls kein Blatt vor den Mund, als sie über das männliche Geschlechtsteil sprach, welches zu oft von Männern grundlos fotografiert und an Frauen versendet wird. »Willst du mich beeindrucken, dann klappt das mit Charme. Nicht mit deinem Schamhaar, das kannst du dir sparen,« reimte die Poetry-Slam-Vizemeisterin von 2020 in Schleswig-Holstein.

Mit einer etwas »ausartenden Anmoderation« stieg Jean-Philippe Kindler in den Contest ein - inklusive eines Sozial-Experiments. Durch Tierlaute sollten die Zuschauer ihre Verliebtheit zum Ausdruck bringen. Nach seiner wilden Einleitung widmete sich der mehrfach ausgezeichnete Slammer dem Thema Geld. Dabei fiel dem Düsseldorfer auf, dass die Logik einer Mutter wie bei einem Staat funktioniere. »Erst was wegnehmen, um es dann wiedergeben zu können. Der Staat nimmt Steuern und gibt uns dafür kaputte Brücken.« Dieser wilde Ritt war dem Publikum die volle Punktzahl wert, was gleichbedeutend war mit dem Finaleinzug.

Sieg für Selina

Darum kämpfte ebenfalls der Hamburger Andy Strauß. Beim Thema Babyschwimmen geriet der Künstler in überraschende Gefühlsausbrüche, gepaart mit tollem Mienenspiel und viel Körpereinsatz.

Ruhrpottler »Sebastian 23« verfolgte zum Teil einen simplen, aber genialen Plan. Da das Logo der Züricher Bank dem Kriegszeichen der russischen Armee ähnelt, kam man dort auf die Idee, das große »Z« im Logo zu entfernen. Sein Plan: Eine Sprache ohne den Buchstaben »Z«, der passende Titel: »Urück in die Ukunft«.

Mit äußerst geschickten Wortspielen sicherte sich der seit 20 Jahren auf der Bühne stehende Duisburger 46 von möglichen 50 Punkten. Mit Sprüchen wie »ZZ Top ist endlich top« oder »Wenn Pizza nur noch Pia heißt, nicht dass man die Falsche beißt«, ebnete er sich den Weg ins Finale. Doch weder »Sebastian 23«, noch Jean-Philippe Kindler durften am Ende ganz oben stehen. Sie teilten sich den zweiten Platz und erhielten als Trostpreis jeweils einen Handfächer, »die Antwort auf den Klimawandel«, wie Moderator Ruppel befand.

Den Sieg holte sich Selina Seemann mit einem sehr emotionalen, persönlichen Vortrag über besondere Momente im Leben.

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