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»Woyzeck lügt nicht«

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Der Schwede Steve Sem-Sandberg (links) im Gespräch mit dem LZG-Vorsitzenden Sascha Feuchert. Foto: Gauges © Gauges

Der Schwede Steve Sem-Sandberg gastierte mit seinem Buch über einen zeitlosen Mörder beim Literarischen Zentrum Gießen.

Gießen. Mit der durch Georg Büchner, der ehedem in Gießen studierte, auf die literarische Weltkarte gesetzten tragischen Figur Woyzeck haben sich schon viele Künstler beschäftigt. Regisseur Ingmar Bergman hat die Geschichte im Theater inszeniert, Werner Herzog einen grandiosen Film dazu gedreht. Es gibt Dramen, Hörspiele, Ballette, Comics. Der große Theatererzähler Robert Wilson nahm die Vorlage um den verzweifelten Mörder aus Leidenschaft zum Anlass für ein Musical, das er mit Tom Waits in Wien auf die Bühne brachte. Dort bekam es der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg zu sehen. »Das Stück war interessant, aber nicht gut«, erzählte er am Donnerstagabend als Gast des Literarischen Zentrums Gießen im Botanischen Garten. »Also habe ich meine eigene Interpretation hinzugefügt«.

»W.« ist dieser Roman betitelt, den der Gießener Schauspieler Sebastian Songin dem Publikum zunächst in einem langen Lesevortrag vorstellte. Er sprang dazu zwischen den Kapiteln hin und her, um die unterschiedlichen Tonlagen zu vermitteln, die den intensiv recherchierten, auf reichhaltigen Dokumenten und Archivmaterialien basierenden Roman des Schweden ausmachen. Woyzecks Stimme war dabei ebenso zu hören, wie die des Hofrats Clarus, der ihn zu überführen versucht. Eine Szene der Zuneigung des »Delinquenten« zu einem kleinen Kind wechselt mit dem verstörenden und die Gewalt des Täters vorwegnehmenden Gebaren, dass dieser W. beim Treffen mit einer Prostituierten an den Tag legt. Und auch der Mord selbst wird in seinen grausamen Einzelheiten geschildert. Ebenso die Hinrichtung des Täters vor den Augen einer geifernden Menschenmenge.

Im Gespräch mit dem LZG-Vorsitzenden Sascha Feuchert schwärmte der seit 2010 als Mitglied des Komitees der Schwedischen Akademie über den Literaturnobelpreis mitentscheidende und selbst als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Skandinaviens geltende Sem-Sandberg vom »Genius Büchners«. Der junge Autor habe sich in seinem in den 1830ern verfassten, komplexen Fragment auf das Geschehen rund um den Mord konzentriert, ohne die Hintergründe zu skizzieren. »Er musste das damals nicht tun«, sagte der Schwede, »ich aber wollte auch die Vorgeschichte erzählen«.

Als Soldat im Russland-Feldzug

Und so widmete sich der »Vertreter einer dokumentarischen Literatur« (Sascha Feuchert) den Zeitzeugnissen, die von diesem wahren Johann Christian Woyzeck erhalten geblieben sind. Einem 1780 geborenen Leipziger, der als einfacher Soldat an Napoleons Russland-Feldzug beteiligt war und angesichts seiner Erlebnisse später vermutlich an einer Form von posttraumatischem Stress erkrankt ist, wie dieses Phänomen heute genannt wird. Nach dem brutalen Mord an der Witwe Johanna Woost wurde er 1824 in seiner Heimatstadt hingerichtet.

Er erscheine zunächst banal, doch durch Woyzecks Vorgeschichte lasse sich erklären, »woher die Stimmen in seinem Kopf stammen, warum er in allen ihn umgebenden Phänomenen eine Systematik zu erkennen sucht, und wie es schließlich zu dem Verbrechen kommt, erklärte Sem-Sandberg. Für ihn ist zugleich faszinierend, wie der Mörder in den Verhören die Wahrheit ausspricht, so wie er sie erlebt hat. Und wie sein ermittelnder Gegenüber Clarus (lateinisch: klar) diese Wahrheit nicht akzeptieren könne, ohne gegen Gesellschaftskonventionen zu verstoßen. »Doch Woyzeck lügt nicht!«, betonte Sem-Sandberg.

Warum aber übe dieser Täter auch nach rund 200 Jahren noch eine solch große Anziehungskraft auf uns aus?, wurde der Gast anschließend aus dem Publikum gefragt. Weil er, so der 63-Jährige, ein zutiefst einsamer, ungeliebter Mann war, eine zeitlose Figur, dessen Charakter uns auf vielfältige Art berührt. Die Tragödie um Woyzeck, so die Empfehlung des Schriftstellers, könne man auch als Liebesgeschichte lesen. »Sie erzählt von dem Hunger nach dem, was uns im Leben fehlt.«

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