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Würdiger Blick in vergangene Zeit

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Von: Albert Mehl

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Reise in die Vergangenheit: Alle Beteiligten vor und hinter der Kamera verzichten auf eine Gage. Foto: Nuber © Nuber

Die Premiere des Films »Gießen 1907. Ein Rundgang durch die Stadt« war höchst gelungen: Riesenbeifall gab es für den 70-minütigen Streifen, der über einen Zeitraum von drei Jahren entstand.

Gießen . Im Vergleich zu Cannes fehlte eigentlich nur das Meer. Zugegeben, eine kleine Übertreibung schwingt mit bei dieser Aussage. Aber die Premiere des Films »Gießen 1907. Ein Rundgang durch die Stadt« konnte sich sehen lassen. Ein aus den Nähten platzender Hermann-Levi-Saal im Rathaus, stolze Protagonisten des 70-minütigen Streifens, ein begeistertes Publikum und anschließend angeregte Diskussionen - der Unterschied zur Filmmetropole an der Riviera war gar nicht einmal so groß. Das alles begleitet von einer großen Nachfrage nach DVDs mit dem nach knapp dreijähriger Produktionszeit fertiggestellten Film.

Und, das darf schon jetzt vermutet werden: Die Spendensumme der gleichzeitig als Benefizveranstaltung für den Hospiz-Verein Gießen deklarierten Erstaufführung wird sich ebenfalls sehen lassen können. Für Erwin Kuhn, den Vorsitzenden des Hospiz-Vereins, passte denn auch die Filmvorführung wie »ein Schlag aufs Auge«. Schließlich feiert der Ambulante Hospizdienst an der Lahn in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen.

»Mehr als eine Fachwerkstadt«

Auf Gießen vor 115 Jahren blickt der Film zurück. »Vieles scheint uns heute noch sehr vertraut«, gab Stadträtin Astrid Eibelshäuser schon vorab einen Ausblick auf die zu erwartende Vorführung. Während Bundestagsvizepräsident a. D. Dr. Hermann-Otto Solms feststellte: »Gießen war eine schöne Stadt«, bevor sie durch den Bombenhagel vom 6. Dezember 1944 zerstört worden sei. Dr. Jutta Failing, Mitwirkende und Gießen-Expertin, brachte es noch pointierter auf den Punkt: »Gießen war mehr als eine Fachwerkstadt. Und Gießen ist mehr als eine untergegangene Fachwerkstadt«.

Bei so viel lobenden Worten wollte Edgar Niebergall, der Ideengeber und Produzent des Film- und Fotoprojekts, beim Rückblick aber auch ein paar »ehrliche Sätze« nicht verschweigen. So sei die Filmproduktion sehr anstrengend und nicht einfach in der Corona-Zeit gewesen. »Wir hatten auch schlechte Tage.« Die Finanzierung habe sich ebenfalls nicht unproblematisch gestaltet, auch wenn alle Beteiligten vor und hinter der Kamera ohne Gage mit von der Partie waren. Deshalb sprach er einen besonderen Dank an die Gemeinnützige Stiftung der Sparkasse Gießen und deren Vorstandsvorsitzenden Peter Wolf aus. Von all den Problemen war beim Betrachten des Siebzigminüters nichts zu merken. Und auch die kleinen Fehler beim Ton störten nicht. »Das kriegen wir noch hin«, kündigte Niebergall einen baldigen ungestörten Genuss des Films an. Der in der Gegenwart startet.

Zwei Mädchen und zwei Jungen haben die Aufgabe, für ein Referat in der Schule in Gießens Geschichte zu recherchieren. Im Antiquariat von Annemarie Zellmer in Wieseck werden sie fündig mit einem Buch aus dem Jahr 1907, das aus Anlass des 300-jährigen Bestehens der Universität auf 30 Seiten auch einen Stadtrundgang beinhaltet. Auf der Treppe vor dem Bahnhof begibt sich das Quartett auf eine imaginäre Zeitreise und angeleitet durch eine Stadtführerin (Jutta Failing) auf eben diesen Stadtrundgang, den Regisseurin und Drehbuchautorin Anja Horstmann nach der historischen Vorlage konzipiert hat.

Der Rundgang (der bei Nachahmung nach Aussage von Niebergall vier Stunden dauert) wird mit Spielszenen an Originalschauplätzen sowie Postkarten und historischen Fotografien illustriert. Dabei lassen sowohl die Kinder als auch die anderen Personen vor der Kamera von Kurt Dreis und Max Schmidt durch historische Kostüme aus dem Fundus des Licher Verleihs von Doris Blasini die Atmosphäre der Jahre zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder aufleben. Drei Darstellerinnen in der Montur der damaligen Zeit gaben bei der Premiere eine kleine Anmutung davon.

Humorvoll inszeniert

Station gemacht wird im Liebigmuseum, an der Lahn, im Botanischen Garten, im Stadttheater, in den alten Kliniken, im Unteren Hardthof, auf dem Alten Friedhof und im »Hawwerkasten«. Bei den Spielszenen geht es alles andere als tierisch ernst zu. So haben die humorvollen Gespräche immer wieder schmunzelnde Mienen beim Publikum zur Folge. So war auch der Riesenbeifall nach den letzten Szenen eines populären Blockbusters würdig. Dieser steigerte sich noch, als »Macher« Edgar Niebergall gewürdigt wurde. »Donnernder Applaus« konnte da der Chronist des 4. November 2022 notieren. Größeren Beifall hätte Niebergall auch in Cannes nicht bekommen.

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Nach der Premiere im Gießener Rathaus: Edgar Niebergall (2.v.l.) mit einem Teil der Filmcrew. Foto: Mehl © Mehl

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