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Wunder mit christlichem Anteil

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Eine von Leidenschaft geprägte Predigt hält Christine Lieberknecht, thüringische Ministerpräsidentin a.D. und Theologin, in der Johanneskirche. Foto: Czernek © Czernek

Als besonderen Gast für die Predigt konnte die Gemeinde um Pfarrer Michael Paul die Theologin und ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Thüringen, Christine Lieberknecht, gewinnen.

Gießen (bcz). Mit einem Gedenkgottesdienst gedachte die Johannesgemeinde der friedlichen Revolution von 1989, die zur Wiedervereinigung beider deutschen Staaten führte und die Grundlage für den Tag der Deutschen Einheit bildete. Als besonderen Gast für die Predigt konnte die Gemeinde um Pfarrer Michael Paul die Theologin und ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Thüringen, Christine Lieberknecht, gewinnen.

Von 1991 bis 2019 war sie Abgeordnete im Thüringer Landtag und von Oktober 2009 bis Dezember 2014 war sie Ministerpräsidentin des Freistaats. Nach ihrem Abitur studierte sie evangelische Theologie in Jena und war bis 1990 im Weimarer Land als Pastorin tätig.

In ihrer sehr persönlich geprägten Predigt erinnerte sie daran, welche Ereignisse zu der Wiedervereinigung geführt hätten und wie hoch der Anteil der gläubigen Christen dabei gewesen sei. »Es war eine göttliche Fügung damals, die die Ereignisse und den Weg unumkehrbar machte und dass innerhalb von elf Monaten beide Staaten vereinigt wurden. Es war eine Revolution, die aus der Kirche kam«, sagte die Theologin, die sich noch sehr gut an deren Vorläufer erinnern konnte. Die Friedensbewegungen seien stark kirchlich geprägt gewesen und in beiden Teilen Deutschlands habe das Bibelzitat »Schwerter zu Pflugscharen« gegolten. Dennoch sei es ein Wunder gewesen, dass an jenem 9. November die Panzer in den Kasernen blieben und kein einziger Schuss gefallen sei.

Die Botschaft, die dies möglich gemacht habe, sei im Matthäusevangelium zu finden: »Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Jedoch vergaß sie auch nicht zu erwähnen, dass die Anfänge dazu in der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc lägen und dass Papst Johannes Paul II bei seinem Besuch in Polen seine Landsleute ermutigt habe: »Fürchtet Euch nicht.« Papst Johannes Paul II sei zur Symbolfigur des polnischen Widerstands geworden.

Daher sei diese Bewegung auch ökumenisch geprägt und ohne Gottes Hand hätte diese friedliche Revolution so nicht stattfinden können, davon ist sie überzeugt. Sie selbst stammt aus einem christlich geprägten Elternhaus, auch ihr Vater war Pfarrer. Für sie sei es ein großes Spannungsfeld gewesen, zum einen christlich erzogen worden zu sein und zum anderen in eine atheistische Schule gehen zu müssen. Sie wuchs mit Parolen wie »Religion ist Opium für das Volk« oder »es gibt keinen Gott« auf, ein Spruch, der dem Kosmonauten Juri Gagarin zugeschrieben wird.

All dies habe sie nicht beeindruckt, sondern eher ihren christlichen Glauben gestärkt. »Denn je mehr ich mich mit den Wissenschaften beschäftigt habe, umso deutlicher wurde mir, dass gerade die großen Wissenschaftler wie Max Planck oder Albert Schweitzer die Natur als ein Wunder Gottes ansahen. Ich habe mich jedenfalls viel freier und fröhlicher als meine kommunistischen Lehrer und Mitschüler gefühlt.«

Bezogen auf die heutige Zeit musste sie feststellen, dass die Rolle der Bürgerrechtler christlichen Glaubens bei dieser friedlichen Revolution immer mehr in Frage gestellt werde und sogar deren Bedeutung immer mehr bagatellisiert werde. Und auch in Bezug auf die Probleme, die die Welt beherrschten, würde man sich nur noch auf das Menschliche verlassen. Das sei in ihren Augen ein großer Fehler. »Gott gehört untrennbar dazu.« Zu erwarten, dass die Menschen alles allein lösen könnten, dies könne nur zu einer Überforderung der Menschen führen. Dies habe sie in der DDR erlebt und diesen Versuch wolle sie nicht noch einmal erleben. Schon aus diesen Gründen allein lohne es sich, sich mit dem Scheitern der DDR auseinanderzusetzen. Sie dankte Gott für das Wunder, das er vor 32 Jahren in Leipzig getan habe und dass er einen Menschen wie Michael Gorbat-schow gesendet hatte.

Abschließend gedachte Pfarrer Paul allen Menschen, die den Mut zu Veränderung gehabt hätten und die mit ihrer Arbeit zur Aufarbeitung der Geschehnisse beigetragen hätten. Daher bat er auch um den Segen für die Politiker und dass Gott sie leite, dass er Frieden dort schenken möge, wo es die Menschen selbst nicht mehr für möglich halten.

Musikalisch wurde der Gottesdienst durch zwei Lieder der Friedensbewegung umrahmt, die man so auf einer Orgel gespielt auch nur selten hört. So ertönte zu Beginn »Wind Of Change« von den Scorpions und zum Schluss »Looking for Freedom« von David Hasselhoff.

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