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»Zeigt, dass das Maß voll ist!«

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Von: Eva Pfeiffer

Das Hauptgebäude besetzt, die Alte Bibliothek blockiert: Vor 25 Jahren breitet sich der Protest der Studierenden von der Justus-Liebig-Universität Gießen über ganz Deutschland aus

Gießen . Als im Oktober 1997 das Wintersemester an der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen beginnt, ist die anfängliche Freude über den neuen Lebensabschnitt bei zahlreichen Erstsemestern schnell verpufft: »Wie jedes Semester herrscht auch in diesem das totale Chaos in den Einführungsveranstaltungen«, zitierte der Anzeiger am 23. Oktober 1997 eine Studentin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften. Am Tag zuvor hatten Fachschaften ein Treffen einberufen, zu dem die jungen Menschen in großer Zahl erschienen waren, um ihren Studienfrust loszuwerden. In den folgenden Tagen begann an der Universität eine Protestwelle, die sich nicht nur auf die Fachhochschule (FH) - die heutige Technische Hochschule Mittelhessen - ausweitete, sondern zu bundesweiten und teils mehrwöchigen Streiks führte.

»Die Seminare sind total überlaufen, wir werden aus vielen einfach rausgeschmissen«, ärgerte sich eine junge Frau, die ihr Studium gerade erst begonnen hatte. Weil es zu wenige Plätze gebe, breche unter den Studierenden »ein Kampf um die Seminare« aus. Unter diesen Bedingungen sei es unmöglich, ein Studium in der Regelstudienzeit zu vollenden.

Aber es waren nicht nur die »Erstis«, die unter der Situation litten: »Ich habe das Gefühl, hier nicht erwünscht zu sein«, sagte eine Studentin im vierten Semester. Bei denen, die unbedingt ihre Scheine machen müssten, um nicht ihre Bafög-Berechtigung zu verlieren, herrsche »blanke Existenzangst«.

»Die sauberste Lösung wäre ein Numerus clausus, obwohl dies auch nur von den eigentlichen Problemen ablenken würde«, befand Prof. Wilfried Lippitz, damals Dekan des Fachbereichs 04. Doch wenn die Lehrenden es für richtig hielten, die Seminarteilnehmerzahl zu beschränken, müssten die Studierenden halt in den sauren Apfel beißen.

Der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) sah das naturgemäß anders: »Jeder Studierende hat ein Anrecht auf Ausbildung, notfalls kann sogar geklagt werden.« Für alle Klagewilligen wurde ein Informationstreffen angesetzt. Außerdem unterschrieben die Studierenden Protestpostkarten, die nicht nur dem gerade neu gewählten Unipräsidenten und den Dekanen der Fachbereiche 03 und 04 übergeben wurden, sondern auch an die Landesregierung nach Wiesbaden geschickt wurden.

Prof. Stefan Hormuth, frisch zum Uni -Präsidenten gewählt, aber noch nicht ins Amt eingeführt, brachte es in einem Interview mit dem Anzeiger auf den Punkt: Die Rahmenbedingungen seien »teilweise katastrophal. In manchen Fächern ist das einzige Lehrmittel die Kreide«. Dass sich kurzfristig etwas an den schlechten Studienbedingungen ändern wurde, glaubte Hormuth jedoch nicht. Zudem seien die wahren Zustände an den Hochschulen in der Öffentlichkeit nicht bekannt: »Dass Seminare, die eine optimale Größe von sieben bis zwölf Teilnehmern haben sollten, mit 400 stattfinden; dass Bibliotheken kein Geld für die allernotwendigste Literatur haben; dass in Laboratorien zur Jahresmitte kein Geld mehr da ist, um Chemikalien anzuschaffen.« Wenn die Universitäten »zu verrotten« drohten, gebe es dafür auch eine Verantwortung von außen: »Denn sie wurden seit 20 Jahren im Stich gelassen.«

Am 29. Oktober dann ging an der JLU alles ganz schnell: Bei einer Vollversammlung der Studierenden und Mitarbeitenden im Audimax ließ der Asta darüber abstimmen, ob die Fachbereiche Erziehungs- und Politikwissenschaften bestreikt werden sollen und das Ergebnis war ein deutliches ›Ja‹: »Kaum eine Hand hob sich bei der Gegenprobe im vollbesetzen Audimax«, war im Anzeiger zu lesen.

Der Asta forderte zudem zu Protestaktionen auf: »Geht auf die Straße, streikt für eure Rechte! Zeigt, dass das Maß voll ist und besetzt die Institute!« Von Lehrenden und Mitarbeitenden der Universität wurde Solidarität mit den Studierenden eingefordert.

Gleich nach der Vollversammlung wurden nach einem spontanen Demonstrationszug das Uni-Hauptgebäude sowie die Institute der Erziehungs- und Politikwissenschaftler besetzt. Noch-JLU-Präsident Prof. Heinz Bauer zeigte sich nicht überrascht - sondern verwundert, »dass das nicht schon früher stattgefunden hat«. Denn die völlig überfüllten Seminare seien nicht auf den Zuwachs bei den Studierendenzahlen zurückzuführen, sondern schon seit Jahren ein Problem. Die Misere sei aber lange hingenommen worden.

Im Herbst vor 25 Jahren waren laut Bauer rund 21 000 Studierende an der JLU eingeschrieben, die Uni sei jedoch nicht in der Lage diese angemessen auszubilden. »Für mich ist es fünf nach zwölf und nicht fünf vor zwölf.« Schuld sei nicht die damalige hessische Wissenschaftsministerin Christine Hohmann-Dennhardt (SPD), sondern die »Prioritäten, wie die Mittel verteilt werden«.

Im Laufe des 29. Oktobers schlossen sich immer mehr Fachschaften dem Protest an, weitere Institute wurden geschlossen und besetzt, eine tägliche »Streikvollversammlung« im Audimax wurde anberaumt. Studierende wurden aufgefordert, trotz des Ausfalls von Veranstaltungen an die Uni zu kommen, um ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen.

Anfang November 1997 streikten bereits 15 der 20 Fachbereiche, auch die Alte Bibliothek wurde besetzt. Die Studierenden fühlten sich von Noch-Präsident Heinz Bauer hintergangen, da dieser sich nicht an den ausgehandelten Kompromiss halte, ein »Notprogramm« für die wichtigsten Verwaltungsarbeiten zuzulassen. »Die Verwaltung tanzt uns auf der Nase herum«, wurde eine Studentin zitiert, die da bereits mehrere Nächte im Hauptgebäude übernachtet hatte. »Der ganze Arbeitsbetrieb läuft, das ist kein Streik mehr, das ist ein Witz.« Die Protestierenden beschlossen daher, das Hauptgebäude gänzlich »dichtzumachen« zu wollen, später einigte man sich darauf, ausgewählten Mitarbeitenden den Zugang zum Gebäude zu ermöglichen.

Ganz hermetisch waren auch die Institute nicht abgeriegelt. Labore, in denen Versuche liefen, waren nach wie vor zugänglich, Prüfungen fanden statt und Examenskandidaten konnten Literatur ausleihen. Bei einer spontanen Protestaktion am 4. November wurde der Verkehr am Elefantenklo lahmgelegt. Zeitgleich begannen Proteste in Bremen und Frankfurt.

Unter dem Motto »Seminarleiter statt Eurofighter« gingen am 5. November rund 5000 Menschen in Gießen auf die Straße, darunter neben Studierenden auch Uni-Mitarbeitende und Lehrende sowie Schülerinnen und Schüler. Bürgermeisterin Karin Hagemann (Grüne) bekundete ihre Solidarität mit den Protestierenden.

Als Ministerpräsident Hans Eichel für ein Firmenjubiläum nach Gießen kam, fingen Studierende ihn vor der Kongresshalle ab und überreichten ihm ihr Forderungspaket. Mittlerweile streikten bereits 17 der 20 JLU-Fachbereiche. Am 10. November verkündeten dann auch die Studierenden in der Nachbarstadt »Marburg streikt!« und zwei Tage später fanden sich in der Landeshauptstadt rund 10 000 hessische Studierende zu einer Demo zusammen.

Unterstützung kam aus dem Gießener Stadtparlament, das zwei Dringlichkeitsanträge beschloss: Landesregierung und Landtag wurden aufgefordert, für eine bessere Ausstattung in der wissenschaftlichen Ausbildung zu sorgen. Außerdem sollte der geplante Abbau von 4000 Studienplätzen in Gießen und Marburg zurückgenommen werden.

Am 17. November gab es erstmals eine gemeinsame Vollversammlung von Uni und FH. Wie proppenvoll es in der Kongresshalle war, zeigte tags darauf das Foto im Anzeiger. Am Hauptgebäude der FH prangte da bereits ein 200 Quadratmeter großes Streikplakat. Ziemlich groß - oder besser lang - war auch der Brief, den Gießener Studierende an Bundespräsident Roman Herzog schickten: 8,32 Meter und mit exakt 2002 Unterschriften versehen.

Am 21. November diskutierte Ministerpräsident Hans Eichel im überfüllten Audimax mit den streikenden Studierenden. Die hatten von seinem Besuch allerdings mehr erwartet: »Am Ende haben sie noch nicht einmal mehr gepfiffen. Sie sind einfach aufgestanden und hinausgegangen. Einige ließen enttäuscht die Köpfe hängen«, berichtete der Anzeiger. Zuvor hatte Eichel den jungen Menschen eröffnet, dass es kein zusätzliches Geld für die Hochschulen im Land geben werde: »Wir haben es schlicht nicht.«

Bei einer Vollversammlung der Fachbereiche des Philosophikums I sprachen sich die JLU-Studierenden danach für eine unbefristete Verlängerung ihres Streiks aus. Auch an der FH wurden die Boykottmaßnahmen fortgesetzt, Rund 40 000 Studierende aus ganz Deutschland demonstrierten am 27. November in Bonn.

Anfang Dezember - da gingen die Proteste bereits in die sechste Woche - flauten die Aktionen in Hessen ab. Bei einer Vollversammlung an der JLU wurde beschlossen, den Boykott in den kommenden Tagen mit einer »großen Protestaktion« abzuschließen, weitere jedoch zu organisieren. Die FH hatte den »Total-Streik« da bereits abgebrochen, die Aktiven suchten nach anderen Protestformen.

Mit dem geplanten Ende des Protests an der JLU waren jedoch nicht alle einverstanden: »Wir haben doch noch gar nichts erreicht«, kritisierte eine Studentin auf der Vollversammlung am 5. Dezember. Gießen habe den Anfang gemacht und müsse weitermachen, bis wenigstens die Minimalforderungen erfüllt seien. Nachdem Streit über eine erneute Abstimmung entbrannte, warnte ein Student: »Das Schlimmste, was uns jetzt passieren kann, ist die Spaltung der Studierenden. Das darf auf keinen Fall passieren.« Am 8. Dezember wurde erneut ein Ende des Streiks beschlossen, die JLU nahm umgehend den Lehrbetrieb wieder auf. Ein Ende des Protests bedeutete das indes nicht, vereinzelte Aktionen fanden auch noch in den ersten Wochen 1998 statt.

Im Februar 1998 beschäftigten sich dann die JLU-Politikwissenschaftler bei einer Semesterabschlussveranstaltung mit dem Streik: Im Kleinen hätte sich etwas bewegt, gerade Erstsemester hätten gemerkt, dass »man aufstehen muss, wenn man etwas erreichen will«, lautete das Fazit einer Studentin. Allerdings: »In der großen Politik haben wir wohl nichts erreicht.«

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