1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Zeitreise im Schlosshof

Erstellt:

giloka_1308_schlossbcz_1_4c
In sommerlicher Abendstimmung entführten die Filmchen das Publikum in ein Gießen vergangener Zeit. Foto: Czernek © Czernek

Der etwas andere Open-Air-Kinoabend im Innenhof des Alten Schlosses: »Das kleine Filmbüro« entführt die Zuschauer in das Gießen der Nachkriegszeit.

Gießen. Eine laue Sommernacht, die intime Atmosphäre des Innenhofs des Alten Schlosses, eine paar Stühle, Leinwand, Projektor und ein hochmotiviertes Publikum: Das waren die Zutaten des Open-Air-Kino-Abends, zu dem das Oberhessische Museum am Donnerstagabend eingeladen hatte. Es war gleichsam eine Zeitreise in ein Gießen, das so nicht mehr existiert.

Gezeigt wurden neun kleine Filmchen, die aus privaten Sammlungen stammen und daher einen ganz anderen Blick auf die Universitätsstadt in der Nachkriegszeit eröffneten. Seit einigen Jahren sammelt das Oberhessische Museum Filme aus Privatarchiven. Dank dieser Bemühungen war das kleine Filmbüro auf dem internationalen FIAF-Congress in diesem Jahr vertreten. »Der Kongress hatte in diesem Jahr das Thema ›Amateur- und Privatfilme‹. Da passten wir genau hinein«, erzählte Mario Alves, Leiter des kleinen Filmbüros zu Beginn der Vorführung. Und jetzt arbeiten die Gießener mit bei der Erstellung eines internationalen Leifadens zu dem Thema, worüber er sich sehr freut.

Das Betrachten der Filme mit den Stadtansichten aus den 1950er, 1960er oder 1970er entwickelte sich zu einem fröhlichen Ratespiel, denn Alves zeigte dem Publikum einige Streifen, die das Museum bisher weder zeitlich noch örtlich zuordnen konnte. Man sah zwar, dass es Gießen war, doch wo sich dieser oder jener Platz befand - das wurde gemeinschaftlich überlegt und meist eine Lösung gefunden. Schließlich saßen etliche kundige Gießener in dem gut gefüllten Innenraum, die diese Rätsel lösen und noch die ein oder andere Anekdote beitragen konnten. Da gab es erstaunte Aufrufe, wenn man Aufnahmen von längst vergangen Geschäften wie Kerber, Bilka oder die Einweihung der Skulpturen der drei Schwätzer erblickte.

Manch jüngerer Betrachter machte große Auge als er sah, wie im Seltersweg noch munter Autos fuhren und statt dem Elefantenklo ein Kreisel den Verkehr am Selterstor regelte: »Das muss vor 1967 gewesen sein, denn da wurde das Elefantenklo gebaut«., gab es kundige Zwischenrufe. So entwickelte sich anhand der sechs Kurzfilme eine muntere Diskussion über die Stadtentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Einer der Filme zeigte aber auch, dass es selbst in den 1950 und 1960er Jahre noch viel marode Häuser im Stadtkern gab: halbe Ruinen, ohne Fenster und mit notdürftig geflickten Dächern. Dadurch wurde auch deutlich, dass es bei vielen der Gebäuden durchaus sinnvoll war diese zu ersetzen.

Dass der Ersatz dieser Bauten heute als verfehlt angesehen wird, ist dem heutigen Zeitgeist geschuldet. Exemplarisch dazu wurden Aufnahmen aus dem Bereich des Erweiterungsbaus von Karstadt oder dem Bau des damaligen Horten-Kaufhauses (heute c&a und Modepark Röther) sowie des City-Centers gezeigt.

Der älteste Film war ein echter Schatz und zeigte eine Hochzeit im Hause Wallenfels in der damals noch intakten Stadtkirche und ein Gruppenbild vor dem Haus. So berichtete Alves, dass das Wallenfels’sche Haus, so wie es heute der Bevölkerung bekannt ist, nicht mehr im Original erhalten ist. Es zähle zwar im Prinzip zu den ältesten Gebäuden der Stadt, allerdings dadurch dass es über zwei Kellergewölben von Vorgängerbauten aus dem 18.Jahrhundert errichtet wurde. Die Stadt Gießen erwarb es 1979 von der Eigentümerfamilie. Da es jedoch extrem baufällig war, wurde es komplett abgetragen und durch einen Neubau ersetzt, wobei die Fassade entsprechend den Vorgaben rekonstruiert wurde.

Das Projekt »Das kleine Filmbüro«, das 2017 gestartet wurde und vom Oberhessischen Museum betrieben wird, hat das Ziel, möglichst viele bewegte Bilder von Gießen und seiner Bevölkerung der Nachwelt zu erhalten. »Wir sammeln Schmalfilme, keine VHS-Kassetten, und sind immer wieder überrascht, welche Schätze diese zutage fördern« sagte er. »Wir freuen uns sehr, wenn uns etwas überlassen wird, den zum Wegwerfen sind sie zu schade«.

Er regte an, dass man mit seinen alten Filmen ins Museum kommen kann, damit man sie gemeinsam sichtet. Aktuell sei der Bestand an Filmen, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg datieren lassen, noch etwas dünn. Auch müssten einige restauriert werden, bevor man sie vorführen könne. »Gerade Filme über private Ereignisse, wie Hochzeiten, Geburtstage oder Taufen sind in dem historischen Kontext von einem ungeheuren Wert, den man oft unterschätzen würde«, betont Alves. Diesen Service biete das Museum jeden Donnerstag - jedoch nur nach Terminabsprache.

Auch interessant