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»Zögerliche Antwort« verärgert

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Kinderschuhe und Spielzeug sollen die von russischen Soldaten getöteten ukrainischen Kinder symbolisieren. © Schäfer

Die etwa 200 Teilnehmer bei der Veranstaltung der ukrainischen Gemeinde Gießen vor dem Rathaus stellten deutliche Forderungen an Politik und Gesellschaft und bekräftigten ihre »Bitte um Waffen«.

Gießen . Dutzende von Kinderschuhen und Spielzeug sind am Ostermontag auf dem Rathausvorplatz drapiert. Es soll die in den vergangenen Kriegswochen von russischen Soldaten getöteten ukrainischen Kinder symbolisieren. Fast 200 Teilnehmer sind zu der Kundgebung der ukrainischen Gemeinde Gießen gekommen und hören den Reden zu. Untermalt wird die Kundgebung durch eine ukrainische Musikgruppe.

Dimitri etwa ist mit einigen Kommilitonen aus Marburg angereist. Die Gruppe trägt russische Fahnen, auf denen die Farbe Rot durch Weiß ersetzt ist. »Die steht für das in Historie und gegenwärtiger Wirklichkeit durch Russland vergossene Blut«, diese Flagge sei in Russland verboten, erzählt er.

An der Universität haben sie vor einem Monat eine Telegram-Gruppe gegründet, bestehend aus Studierenden aus Belarus, Russland, Ukraine und Kasachstan. »150 Menschen sind in der Gruppe, 30 Aktive versuchen zu helfen.« Allen, die vom Krieg betroffen seien, sagt Kristina. Auch den indirekt Betroffenen. »Das sind Studenten aus Russland, die wegen der Sanktionen keinen Zugriff auf ihre Bankkonten haben.«

»Himmel schließen«

So makellos blau wie an diesem Nachmittag wünsche er sich auch den Himmel über der Ukraine: Dies ruft Chris Genzel von der Jugend der ukrainischen Gemeinde Gießen ins Mikrofon. Seine Bitte folgt sogleich: »Wir bitten um Waffen, um unseren Himmel frei von russischen Flugzeugen und Raketen zu bekommen.« Einer der fast 200 Teilnehmer reckt dabei sein Schild mit der Forderung in die Höhe: »NATO! Himmel schließen über Ukraine«. Eine Frau, deren Eltern aus Russland stammen, fragt vom Rednerpodest: »Wie lange müssen wir noch auf die zögerliche Antwort Deutschlands warten?«

Genzel hat zuvor daran erinnert, dass »am 22. Juni 1941 Hitler die Ukraine ohne Kriegserklärung überfallen« habe. Und jetzt am 24. Februar 2022, 80 Jahre danach, sei die Ukraine erneut »ohne Kriegserklärung«, diesmal von Putin, angegriffen worden. Zwischendurch habe Stalin das Land malträtiert, große Teile der Bevölkerung den Hungertod sterben lassen, viele Ukrainer nach Sibirien deportiert.

Der Brief eines Landmannes wird vorgelesen: »Ich komme aus der Ukraine, aus der Stadt Donetsk.« Im Jahr 2014, zu Beginn des bewaffneten Konfliktes im Donbas, sei seine Familie in einen sicheren Teil der Ukraine umgezogen. »Acht Jahre später erneut Krieg, wieder Evakuierung.« Diesmal ging es für sie von Kiew nach Deutschland. »Wir sind in Sicherheit. Doch unsere Lieben, unsere Eltern, friedliche Menschen und Kinder werden getötet, viele Städte wurden praktisch dem Erdboden gleichgemacht.«

»Humanitäre Krise«

In seinem Brief fleht er, den Krieg zu beenden. »Wir brauchen Hilfe.« Die Ukraine benötige Waffen und Munition. Denn Russland bereite sich darauf vor, den Kampf um den Donbas vor dem Osterfest der orthodoxen Christen, dem 24. April, zu führen. Das Schicksal des ukrainischen Volkes hänge von diesem Kampf ab. »Zehntausende Zivilisten wurden getötet und verwundet, darunter auch Kinder. Menschen liegen unter Trümmern, in Luftschutzbunkern, im Boden vergraben«, heißt es. »In vielen Siedlungen der Ukraine herrscht eine humanitäre Krise: Kein Wasser, keine Nahrung, keine Wärme und auch kein Strom. Menschen sind seit Wochen in Luftschutzbunkern: kein Licht, keine Medizin, kein Essen. Menschen verhungern, während Frauen ihre Kinder dort gebären. Der Krieg in der Ukraine, im Zentrum Europas, ist die Realität des 21. Jahrhunderts.«

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