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Zu Besuch in der Vorhölle

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Ort des Schreckens und des Massentourismus: das einstige Konzentrationslager Auschwitz. © dpa

Im Vernichtungslager Auschwitz wurden innerhalb weniger Jahre mehr als eine Million Menschen ermordet. Zuletzt kamen (vor Corona) rund doppelt soviele Besucher aus aller Welt an diesen einzigartigen Schauplatz des Grauens - pro Jahr. Was ist Auschwitz also heute: die generationenübergreifend wirksame Erinnerung an eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte?

Oder doch eher ein zur Selfie-Kulisse verkommener Hot-Spot des internationalen Massentourismus? Yasmina Reza gibt in ihrem schmalen Roman »Serge« eine ganz eigene Antwort. Das Buch verbindet analytische Schärfe mit subtilem Witz und zeugt einmal mehr vom literarischen Ausnahmerang einer der aktuell meistgespielten zeitgenössischen Theaterautoren der Welt (»Gott des Gemetzels«, »Kunst«).

Drei Geschwister

Aufgefächert wird nun die Geschichte der in Paris lebenden Familie Popper. Erzähler Jean ist das mittlere von drei erwachsenen Geschwisterkindern, der gerade die Trennung von seiner Ex zu verkraften hat. Seine jüngere Schwester Nana hat einen mittellosen Spanier geheiratet, der von der Familie als Versager verspottet wird. Der ältere und titelgebende Bruder Serge ist eine charismatische, aber auch einigermaßen verkrachte Existenz, der Erfolg bei den Frauen, aber kaum Glück beim Geldverdienen hat. Diese drei Menschen bilden das Zentrum einer Geschichte aus dem bürgerlichen Pariser Mittelschichtsmilieu, das zwischen Familientreffen, Telefongesprächen und Einkaufsritualen die ganz normale Großstadtwelt von heute abbildet.

Das Besondere: Die Poppers haben jüdisch-ungarische Wurzeln - und eine dramatische familiäre Vorgeschichte zwischen Verfolgung, Emigration und Neuanfang. Jean, bewusst etwas blass und durchschnittlich gestaltet, wird dabei zum idealen Erzähler, der trotz der tiefen Zuneigung zum älteren Bruder weitgehend objektiv über Charaktere und Verhältnisse zu urteilen versteht. Er erinnert sich an Jugenderlebnisse, streut Anekdoten über den toten Vater ein und trauert um die gerade gestorbene Mutter. In wenigen, wirksam eingestreuten Sätzen wird dabei auch vom Sterben und Überleben der osteuropäischen Verwandschaft in den Konzentrationslagern der Nazis erzählt.

So entschließen sich die drei Geschwister, auf Drängen von Serges aufgeweckter Teenie-Tochter Josephine, einen Wochenendtrip nach Auschwitz und Krakau zu unternehmen. Denn »in einer Welt, die sich an dem Wort ,Gedenken‘ berauschte, wirkte es ehrlos, nichts damit zu tun haben zu wollen«, wie es im Roman heißt. Doch die Reise hinaus aus dem Alltag wird zum Fiasko - und entzweit die mit völlig unterschiedlichem Temperament ausgestatteten Geschwister nur noch mehr, anstatt sie näher zusammenzubringen.

Wie die selbst aus einer jüdischen Familie mit ungarischen und iranischen Wurzeln stammende, sich selbst aber als heimatlos bezeichnende Yasmina Reza das erzählt, ist schlicht grandios. Sie bewegt sich kunstvoll auf dem äußerst schmalen Grat zwischen Tiefe und Witz, zwischen lakonischem Ton und immer wieder eingestreuten Sätzen mit enormer Wucht und Fallhöhe.

Szenen wie der Moment, als der ertappte Ehebetrüger Serge von seiner erzürnten Frau aus der gemeinsamen Wohnung geworfen wird, sind trotz ihres wohlbekannten Plots von enormer Komik. Auch ein völlig aus dem Ruder laufender Kindergeburtstag zeugt vom besonderen dramaturgischen Sprachgefühl der Autorin. Da zeigt die 62-Jährige ihre ganze Klasse als Dramatikerin, deren Alltagsdialoge man so oder ähnlich selbst im Ohr zu haben glaubt.

Vor allem aber geht es Yasmina Reza in diesem Buch um das Phänomen der Erinnerung, zu dem für sie Orte wie Auschwitz nichts beizutragen haben. Während der gemeinsamen Besichtigung des Lagers stellt die Familie etwa fest, dass der um die Baracken gezogene Stacheldraht alle zehn Jahre ausgetauscht wird, weil er sonst zu Staub zerfallen würde. Authentizität werde so also nur noch vorgetäuscht. »Von dieser Erinnerung ist nichts zu erwarten. Diese Fetischisierung der Erinnerung ist bloßer Schein.« Und statt der erwartbaren Betroffenheit stellt sich bei der von Touristen ebenso wie voneinander genervten Familie Popper Hunger und Fußschmerz ein. Für sie ist Auschwitz mit seinen sorgfältig nachgebauten Kulissen »eine Parzelle der Vorhölle, neu arrangiert für die gedankenlosen Zeitgenossen. Eine noble Geste, die einlullt.«

Die Schriftstellerin stellt damit im Roman die Erinnerung an das Eigene, das Selbsterfahrene einer Abstraktion gegenüber, der sie misstraut. Dass der Gedenkort Auschwitz dazu beitragen könne, Verbrechen wie die der Nazis künftig zu verhindern, hält sie für ausgeschlossen. Wer Auschwitz verstehen will, solle die Bücher der KZ-Überlebenden Schriftsteller Imre Kertesz oder Primo Levi lesen, sagte sie dieser Tage in einem Interview im französischen Fernsehen. Wer hingegen verstehen will, welche Wirkung dieser Schauplatz des Unbegreiflichen heute auf seine Besucher ausübt, der sollte unbedingt »Serge« zur Hand nehmen.

Yasmina Reza: Serge. 208 Seiten. 22 Euro. Hanser.

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Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza. © Red
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BuchtippsRedaktion_ov_180222 © Red

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