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Erzählt vom heutigen Deutschland: Bernhard Schlink (77).

Zu viel von allem

»Der Vorleser« insbesondere, auch der Roman »Die Heimkehr« und nicht zuletzt der Band »Liebesfluchten« weisen Bernhard Schlink als tadellosen Erzähler aus, der seine Themen sprachlich beherrscht, mit ihnen, siehe »Der Vorleser«, gar internationale Bestseller zum Schreiben im Stande ist. An seiner Könnerschaft ist nicht zu rütteln. Und so nimmt man seinen neuesten Roman »Die Enkelin« zur Hand, liest ihn in einem Schwung, denn kompliziert war Schlinks Sprache nie, auch der Plot nie wirklich (über-)fordernd.

Und am Ende bleibt ein schales Gefühl.

Denn das hat der mittlerweile 77-jährige Schriftsteller schon besser hinbekommen. »To much« sagt man in der arg geschundenen Gegenwartssprache wohl dazu. Zuviel des Guten, zu viel aufgeladen, zu viele Figuren eingeladen, irgendwie am Ende künstlich aufgeblasen. Es geht um Deutschland, wie es heute ist. Und um Deutschland, wie es einmal (zweigeteilt) war. Birgit aus der DDR verliebt sich in Kaspar aus der BRD, sie flieht in den Westen, lebt mit ihm zusammen, erst gut, dann mehr schlecht als recht. Der Buchhändler und die verhinderte Schriftstellerin, die sie wohl im Osten geworden wäre. Geplatzte Träume. Kennt man ja.

In schon gesetztem Alter findet er seine Frau (natürlich war sie Alkoholikerin, was sonst?) in der Badewanne. Tot. Und enttarnt dann, anhand ihrer Schriften, ein Geheimnis. Sie hat eine Tochter, deren Spur er sucht und findet. Die lebte - hartes Schicksal - als Punkerin oder Pennerin oder so was Ähnliches im Osten. Und findet, verlassen wie sie ist, bei einem Punk oder Penner, der aber eigentlich ein Skinhead ist, ein Neonazi, ihr Glück. Mit dem lebt sie schließlich (auch noch im Osten) in einer völkischen Gemeinschaft. Und die Tochter aus dieser Beziehung, das ist die titelgebende »Enkelin«.

Puh. To much. Diese Enkelin versucht der Großvater an sich zu binden, ihr Vertrauen zu bekommen, was auch zum Teil gelingt. Aber da ist ja noch die völkische Gemeinschaft. Und irgendwann sogar ein erschossener Neonazi (oder was auch immer). Und eine WG in Berlin. Irgendwann jetzt ist der Leser raus. Zu Ende lesen, ja. Für gut befinden, nein. To much. Nicht nur völkische Gemeinschaft. Zum Trost kann man ja nochmal »Der Vorleser« aus dem Regal holen.

Bernhard Schlink: Die Enkelin. 376 Seiten, 25 Euro. Diogenes.

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