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»Zuletzt hängt alles am Geld«

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Prof. Ernst-Ulrich Huster, Landrätin Anita Schneider, Pfarrer Gabriel Brand und Oberkirchenrat Christian Schwindt (von links) diskutieren über das Thema Teilhabe. © Czernek

40 Jahre besteht die Jugendwerkstatt Gießen. Zum Auftakt verschiedener Veranstaltungen zum Jubiläum referierte Sozialwissenschaftler Huster über das Thema Arbeit und Teilhabe.

Gießen. «Arbeit und Berufsarbeit bedeuten Leben und darauf hat jeder und jede ein unaufgebbares Menschenrecht« - mit diesem Fazit beendete der Sozialwissenschaftler Prof. Ernst-Ulrich Huster seinen fundierten Vortrag zum Thema »Für Teilhabe - 40 Jahre Jugendwerkstatt Gießen«. Dabei handelte es sich zugleich um eine historische Beurteilung verschiedener Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Was bedeutet der Begriff »Arbeit«? Heute werden damit vor allem entlohnte Tätigkeiten bezeichnet. Das hänge auch mit einer falschen Interpretation eines Bibel-Zitates des Apostel Paulus zusammen: »Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.« Gemeint seien die Müßiggänger, die sich bewusst einer Tätigkeit verweigern würden. Doch der Begriff beziehe eigentlich alles menschliche Tun ein, das der Erhaltung der eigenen Existenz, der Aneignung und der Bewahrung von Natur sowie der Gestaltung des sozialen Zusammenlebens diene. Ihn auf die reine Erwerbsarbeit zu verengen, sei erst später passiert.

»Der Erwerbsarbeitsmarkt bestimmt heute die soziale Sicherung, grenzt aber auch aus«, so Huster, der einen Bogen spannte von der sozial-liberalen Koalition über die Kohl- und Merkel-Regierungen bis hin zur »Ampel«. Der Wissenschaftler skizzierte die jeweiligen Herausforderungen und die Konzepte, um der Arbeitslosigkeit zu begegnen.

Die Ursprünge der Jugendwerkstatt verortete Huster in der Beratungsstelle für jugendliche Arbeitslose in Gießen, die ab 1978 von der hessen-nassauischen Landeskirche unterstützt wurde. Unter dem Credo «Kirche mischt sich ein« förderte sie den Aufbau und kümmert sich bis heute um die Unterhaltung der Jugendwerkstatt. »Die christliche Kirche steht für eine inklusive Gesellschaft, in die jeder seine Gaben einbringen und dann auch an den Ergebnissen des gemeinsamen Schaffens teilhaben kann. Dabei sollen Personen und Gruppen berücksichtigt werden, die es besonders schwer haben, ihren Platz in der Erwerbsarbeitswelt zu finden.« Diesem Auftrag sei die Jugendwerkstatt treu geblieben.

Im Laufe der Jahre seien unterschiedliche Maßnahmen auf den Weg gebracht worden; vieles davon sei gescheitert, weil die individuellen Persönlichkeitsstrukturen nicht bedacht worden seien. Die Jugendwerkstatt unterscheide sich insofern von anderen Institutionen, weil es nicht darum gehe, Konzepte zu entwickeln und sie anderen überzustülpen, sondern bedarfsgerechte Angebote zu machen.

Allerdings ist die Werkstatt auch von öffentlichen Geldern abhängig. Sie unterliege folglich den für die Arbeitsmarktpolitik gesetzten Prioritäten. Angesichts der vielen offenen Stellen im Ausbildungssektor warnte Huster davor, die finanziellen Mittel für die Jugendwerkstatt noch weiter zu kürzen. Zumal sie sich als überbetriebliche Ausbildungsstätte etabliert habe. »Und Werkstatt meint immer auch den konkreten Menschen in seiner Persönlichkeitsentwicklung, zu dem die soziale Eingebundenheit gehört«, verdeutlichte der Sozialwissenschaftler.

Oft fehlt die Zeit zur Entwicklung

Anschließend diskutierte Ernst-Ulrich Huster mit Landrätin Anita Schneider, Oberkirchenrat Christian Schwindt und dem Publikum angeregt über die aktuellen Herausforderungen. Die Moderation übernahm Pfarrer Dr. Gabriel Brand. Schneider konnte dem Vorgetragenen nur zustimmen und stellte mit Nachdruck fest, dass es Priorität haben müsse, Chancengleichheit für alle zu erreichen. Allerdings könne ihre Behörde nur die geltenden Bestimmungen umsetzen. Erörtert wurde ferner, ob die Ausbildungsstrukturen in Deutschland noch zeitgemäß seien. Huster regte an, über die Gewichtung von Theorie und Praxis nachzudenken. Wer an der Theorie scheitere, könne im praktischen Umfeld trotzdem gute Arbeit leisten. Geschäftsführerin Mirjam Aasman wandte ein, dass viele Programme darauf abzielten, die Jugendlichen möglichst schnell an den ersten Arbeitsmarkt heranzuführen. »Was oft fehlt, ist Zeit, damit sich die Menschen entwickeln können«, betonte Schwindt. Holger Claes, Leiter des Diakonischen Werks und der »Tafel Gießen«, fasste zusammen: »Alles hängt irgendwie zusammen und zuletzt hängt alles auch am Geld.«

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